Arne Huber Quartett „Im echten Leben“

arne-huber-2-digisleeve2.inddDer Freiburger Bassist Arne Huber nennt seine neue CD „Im Echten Leben“. Wumm! In Zeiten, in denen dem Jazz nicht zu Unrecht zunehmende Entfremdung von der Lebenswirklichkeit nachgesagt wird, ist dieses Motto ein unüberhörbares Statement. Mit bewährtem Werkzeugkoffer aus Saxofon, Piano, Bass und Schlagzeug öffnet er dem Alltag musikalisch Tür und Tor. Oft sind Titel für Songs und Alben ein notwendiges Übel, um zu benennen, was nicht zu benennen ist. Nicht so bei Arne Huber.

Der Titel seiner CD ist Verheißung. Mehr als das, er ist eine Einladung an jeden, der unvoreingenommen einen Soundtrack zum Leben sucht, ohne sich von den starren Ritualen eines Genres die Gangart vorgeben lassen zu wollen. Der Titel suggeriert genau das, worum es auch auf der CD geht: Die pure Lust am Leben und das Ausleben der Lust im Klang. Dass er inzwischen Vater geworden ist und keine Zeit mehr hat für redundantes Schwelgen im tonalen Nirgendwo, ist sicher nur einer von vielen Aspekten. „Den Titel hat mein Sohn aus dem Kindergarten angeschleppt“, bestätigt Huber. „Ich fand dieses Motto für meine Musik ganz passend.“ Kunst bildet das Leben ab – auf welchem Abstraktionsgrad auch immer – nicht umgekehrt. Sich den Freiräumen der Realität zu stellen, heißt ja nicht, dass die Musik auf „Im echten Leben“ weniger jazzig wäre als in der Vergangenheit. Das Zentrum seiner Aussagen verschiebt sich dezent, aber spürbar.

Die Auswirkungen dieses Spiels in Nuancen sind gewaltig. Obwohl sich in den Voraussetzungen – die Besetzung ist identisch – zur letzten Platte nichts verändert hat, steckt doch eine ganz andere Wucht in der Musik. Huber gönnt sich nicht mehr den Luxus, Zeit zu verschwenden. Zur Wirklichkeit des Lebens gehören auch die Musiker, mit denen Huber die Platte eingespielt hat. Sein Quartett ist seit 2009 in unveränderter Besetzung aktiv, für Jazzverhältnisse eine Beziehung fürs Leben. „Im Echten Leben“ ist bereits die dritte Einspielung des Quartetts. Man wächst und verändert sich gemeinsam. Jeder Musiker bringt seine Erfahrungen mit, und der Grad der Bewusstheit in der gemeinsamen musikalischen Spurensuche nimmt stetig zu.

Nun ist das Arne Huber Quartett nicht die einzige Formation, die in der Besetzung Saxofon- Piano-Bass-Schlagzeug musiziert. Was die Gruppe gerade auf der neuen CD von vielen gleichartigen Formationen unterscheidet, ist das große Augenmerk auf den Klang. In den Konturen scharf, in den Farben weich und von feingliedriger Präzision, ist jeder der neuen Songs für sich die Verhandlung einer Klangästhetik, die in der Klassik verankert ist, mit einem Vokabular, das aus dem Jazz kommt. „Es macht für mich einen großen Unterschied, ob die einzelnen Musiker gut klingen oder eine Band einen Sound als Band hat. Nach Möglichkeit versuche ich beides zu vereinbaren, aber eine Band unterscheidet sich von anderen Bands eben durch ihren Bandsound.“

So simpel dieses Postulat erscheinen mag, so schwer ist es oft einzulösen. Zumal Huber in Saxofonist Domenic Landolf, Pianist Rainer Böhm und Schlagzeuger Jochen Rückert drei ausgewiesene Individualisten zu einer Einheit geschmiedet hat. Doch es geht eben nicht um das persönliche Vokabular eines jeden Bandmitglieds, sondern um die gemeinsam errungene Metaebene. Im Gegensatz zu vergleichbar besetzten Formationen hat das Arne Huber Quartett keinen gemeinsamen sozialen Background. Huber lebt in Freiburg, Rückert in New York, Landolf in Basel und Böhm in Köln.

Der Berliner Saxofonist Wanja Slavin ergänzt das Quartett in drei Songs nicht nur um seinen speziellen Sound, sondern auch um ein weiteres Stück Horizont. „Da sind wir wieder bei der Realität“, so Huber. „Ein gemeinsamer Background aller Musiker ist in der Wirklichkeit nicht immer möglich. Mir geht es mehr um den Sound. Würde Wanja Slavin in Freiburg leben, klänge er nicht, wie er klingt. Ich wohne weder in New York noch in Köln oder Berlin, weil das aus familiären und wirtschaftlichen Gründen momentan nicht funktioniert, selbst wenn ich es wollte. Die Notwendigkeiten passen sich dem Leben an, und die Spannung liegt eben gerade darin, dass fünf unterschiedlichen Erfahrungen zusammen fließen und trotzdem etwas Gemeinsames daraus wird. Vielleicht existiert die Band gerade aus diesem Grund seit so vielen Jahren.“ Fünf Städte, drei Länder, zwei Kontinente auf einer CD. Umfassender geht es kaum. Eine CD wie im echten Leben. (Wolf Kampmann)

Tracks
1. Piano tune
2. Royal
3. Tramp
4. Im echten Leben
5. Mesurado
6. Lumen
7. Pollux
8. Land

Arne Huber Quartett „Im echten Leben“
Meta Records

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