Brad Mehldau “After Bach”

bradDas „Wohltemperierte Klavier“ wird von Pianisten gerne als Zyklus gesehen und als Ganzes interpretiert. Johann Sebastian Bach hingegen verstand die beiden „Bücher“, die er 1722 und 1740/42 fertig stellte, eher als Sammlungen von Stücken, die er, wie im Langtitel zum ersten Teil angemerkt, „zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen musicalischen Jugend, als auch derer in diesem Studio habil Seyenden besonderem Zeitvertreib auffgesetzet und verfertigt“ habe. Jedenfalls entwickelten sich die aus je 12 paarweise angeordneten Präludien und Fugen bestehenden Zusammenstellungen zu den bekanntesten Werken des Komponisten, die Zeitgenossen und Nachgeborene selbst
dann noch faszinierten, als Bachs übriges Schaffen in Vergessenheit zur geraten drohte.

Mozart kannte sie, Beethoven schätzte sie, Czerny bearbeitete sie, andere Komponisten von Chopin bis Schostakowitsch orientierten eigene Zyklen an der Bauform der die Tonarten entlang laufenden Einzelstücke. Bis heute hält die Begeisterung für das „Wohltemperierte Klavier“ an, bis hinein in die Jazzwelt, wo sich bereits Pianisten von Friedrich Gulda bis Keith Jarrett seiner angenommen haben.

Kein Wunder also, dass auch Brad Mehldau sich von dem Oeuvre in den Bann ziehen lässt. Selbst ein erklärter Fan der klassischen und romantischen Klaviermusik, der deutschen Literatur und stil- und gattungsübergreifenden Spielkultur, hat er bereits eigene Solo-Zyklen wie „Elegiac Cycle“ (1999), „Love Sublime“ (2006) mit der Sopranistin Renée Fleming oder „Love Songs“ (2010) mit der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter gestaltet.

So sehr er mit seinem Trio die Welt der musikalischen Festlegungen hinter sich lassen kann, um mit dem Bassisten Larry Grenadier und dem Schlagzeuger Jeff Ballard in gemeinsame Höhen kreativer Entrückung zu gelangen, so sehr er geerdete Töne im Duo mit dem Schlagzeuger Mark Guiliana („Mehliana: Taming The Dragon“, 2014) oder dem Mandolinen-Meister Chris Thile („Chris Thile & Brad Mehldau“, 2017) liebt, so nah ist er auf der anderen Seite den klassischen Grundlagen seines Instruments, die er immer wieder aus sich verändernden Perspektiven erforscht.

„After Bach“ ist nun Brad Mehldaus neues Meisterstück als Solo-Künstler. Den Ansporn für die Beschäftigung mit dem Klavierwerk des barocken Meisters im Allgemeinen und dem „Wohltemperierten Klavier“ im Speziellen, gab ein Kompositionsauftrag durch die Carnegie Hall, das Royal Conservatory of Music, die National Concert Hall und die Wigmore Hall, für die Mehlau 2015 erstmals „Three Pieces After Bach“ aufführte. Für Hörer und Rezensenten war es durchaus eine Provokation, dass sich ein Jazzmusiker daran machte, die Werke Bachs aus seiner Perspektive fortzuführen und in ungewohnte Klangzusammenhänge zu stellen. Doch am Ende war es ein Triumph, wie John Fordham in The Guardian feststellte: „Mehldau kann hart bis zur Unbarmherzigkeit sein, aber auch wenn es solche Momente gegeben hat, traf er doch die Balance von Raum und Intensität nahezu perfekt in seinem kraftvollen und die Gedanken herausfordernden Auftritt“.

Seit diesen Versuchsballons der Gattungsüberschreitung hat Brad Mehldau das „After Bach“-Programm weltweit vorgestellt und so lange weiter verfeinert, bis er sich bereit fühlte, das Experiment auch unter Studiobedingung festzuhalten. Den Kern bilden drei Präludien aus dem ersten Buch, außerdem ein Präludium und eine Fuge aus Buch 2 des „Wohltemperierten Klaviers“. „Before Bach: Benediction“ führt als Einleitung an das Zentrum heran, die Conclusio „After Bach: Ostinato“ und ein „Prayer For Healing“ am Ende darüber hinaus. Die improvisierend wirkenden, zugleich aber formal klar sich an den barocken Vorlagen orientierenden „After-Bach“-Variationen wechseln sich mit den Notentexten ab. Es ist ein raffiniert konzipiertes und bis in die Tonnuance präzises kommunikatives Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Historizität und Persönlichkeit. Dabei gelingt es Mehldau, die Übergänge der Energien so fließend zu gestalten, dass Strenge und Offenheit ineinanderfließen, wobei es ihm hilft, dass seine Anschlag- und Interpretationskultur selbst manchem klassischen Kollegen noch Wege weist. „After Bach“ wird daher Aufsehen erregen. Denn selten sonst wurde so konsequent und inspiriert die Gleichwertigkeit von Musikkulturen demonstriert wie mit diesem herausragenden Recital des Klavier-Genius Brad Mehldau.

Tracks
1 Before Bach: Benediction
2 Prelude No. 3 In C# Major From The Well-Tempered Clavier Book I, Bwv 848
3 After Bach: Rondo
4 Prelude No. 1 In C Major From The Well-Tempered Clavier Book Ii, Bwv 870
5 After Bach: Pastorale
6 Prelude No. 10 In E Minor From The Well-Tempered Clavier Book I, Bwv 855
7 After Bach: Flux
8 Prelude And Fugue No. 12 In F Minor From The Well-Tempered Clavier Book I, Bwv 857
9 After Bach: Dream
10 Fugue No. 16 In G Minor From The Well-Tempered Clavier Book Ii, Bwv 885
11 After Bach: Ostinato
12 Prayer for Healing

Brad Mehldau “After Bach”
Nonesuch

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