Brad Mehldau Trio “Seymour Reads the Constitution!”

braNatürlich besitzt der Jazz eine politische Dimension, weil sich die Musikform reaktionären Strömungen im besten Fall unerbittlich widersetzt. Mit den Mandaten zu Fortschritt und freiem Ausdruck. Der amerikanische Pianist Brad Mehldau galt in diesem Kontext nie als Radikaler. Und doch folgte er während seiner beeindruckenden Karriere immer der Maxime, nach der Fortschritt ohne Abweichung von der Norm nicht möglich ist. Sein Fortschritt als Instrumentalist ist hinlänglich dokumentiert. Auf etlichen prämierten Solo-Einspielungen, als gleichberechtigter Duo-Partner von Chris Thile und Pat Metheny und in leitender Funktion des beständigen Brad Mehldau Trios, in dem er von Bassist Larry Grenadier und Schlagzeuger Jeff Ballard flankiert wird. Knapp zwei Jahre nach „Blues and Ballads“, dem letzten Album der drei Musiker, über das der englische Guardian jubelte: „Mehldau ist ein Genie in seiner Aneignung vorhersehbaren Materials, das er an unvorhersehbare Orte führt”, kehrt das Trio zurück. Mit „Seymour Reads the Constitution!”.

Schon das Album-Cover ist ein definitiver Hingucker: Ein Einkaufswagen, der Assoziationen an Duane Hansons Skulptur „Supermarket Lady“ weckt, steckt voller Bücher, deren Inhalte sich wie Anleitungen zur differenzierten Betrachtung der amerikanischen Verfassung ausnehmen. Oder zu deren Missbrauch. „Arten des Bankrotts“, juristische Wörterbücher, Anleitungen zur Verteidigung betrunkener Autofahrer, Juristen-Tagebücher – zum Fürchten bizarr, weil alles in der gleichen Wertigkeit aufeinandergehäuft ist wie Cornflakes und Ketchup. Ein Sinnbild für Trumps Amerika? „Ich habe immer noch keine bündige Antwort auf die Frage parat, ob das politische Geschehen während der Aufnahme eines Albums eine Rolle spielt”, erzählt Brad Mehldau. „Letztlich tangiert alles wohl alles andere. Die Frage umgedreht zu stellen, halte ich auch für relevant: Kann Musik politische Veränderungen beeinflussen? Vielleicht kann die Schönheit musikalischen Ausdrucks als Modell fürs Handeln im Polit-Theater dienen. Als ich jünger war, bediente ich mich noch einer romantischen Sichtweise, in der Musik autonom bestand, unabhängig von Politik.”

„Aber Politik ist unvermeidlich“, führt Mehldau weiter aus.„Die Griechen erfanden das Wort ‚Poli‘, was seinerzeit das Gemeinwesen benannte. Wenn jemand etwas zum Ausdruck bringt und es mit dem Gemeinwesen teilt, ist das in gewisser Weise ein unumgänglich politischer Akt. Meine Musik war nie offenkundig politisch in dem Sinne, dass ich mit ihr keine politische Agenda aktiv bewerben wollte. Vielleicht habe ich bislang nur noch nicht den richtigen Texter gefunden.“: Ein ausdrucksstarkes Covermotiv indes hat Brad Mehldau offenkundig gefunden.

Die charakteristische Balance zwischen feinjustierter solistischer Wechselwirkung und freien Erkundungen melodischer und metrischer Themen, hat das Brad Mehldau Trio für „Seymour Reads the Constitution!“ perfektioniert. Drei Mehldau-Kompositionen reihen sich an Interpretationen von Popsongs, die aus den Federn von Paul McCartney und Brian Wilson stammen. Jazz-Tunes von Elmo Hope und Sam Rivers, stehen einem Stück von Frederick Loewe aus dem American Songbook gegenüber.

Erst vor ein paar Wochen veröffentlichte Brad Mehldau sein Soloalbum „After Bach“, das vier Präludien und eine Fuge aus Bachs „Das Wohltemperierte Klavier“ enthält – jeweils gefolgt vom einem Mehldau-Stück, das von der vorherigen Bach-Komposition inspiriert wurde. Über das Album schrieb die Financial Times: „Während jedes Stück an Dynamik gewinnt, tauchen neue Melodien auf, die sich verändern und abermals über origineller Intonierung entfalten und schimmern, bevor sie ihren Höhepunkten zusteuern. Wie bei Bach, entwickeln sich auch Mehldaus Improvisationen nach eisern gelebter innerer Logik. Und sie erinnern darüber hinaus daran, dass Bach zu seiner Zeit mehr für seine Geschicke als Improvisator denn für seine Partituren geschätzt wurde.“

Brad Mehldau debütierte 2004 auf dem Nonesuch-Label mit der Soloeinspielung „Live In Tokyo“.Es folgten sechs Alben mit seinem Trio: „House On Hill“, !Day Is Done“, „Brad Mehldau Trio Live“, „Ode“, „Where Do You Start“, „Blues And Ballads“. Seine Kollaborationsarbeiten für Nonesuch beinhalten „Love Sublime“, „Highway Rider“, „Metheny Mehldau“, „Metheny Mehldau Quartet“, „Modern Music“, „Mehliana: Taming The Dragon“, „Nearness“ mit Joshua Redman und „Chris Thile & Brad Mehldau“. Zu seinen Nonesuch-Soloalben zählen „Live In Marciac“ und die 8-LP-/4-CD-Box „10 Years Solo Live“, der die New York Times attestierte, „ein paar der eindrucksvollsten Pianosoli, die Mehldau je auf Platte festgehalten hat“ zu beinhalten.

Tracks
Spiral
Seymour Reads the Constitution
Almost Like Being in Love
De-Dah
Friends
Ten Tune
Great Day
Beatrice

Brad Mehldau Trio “Seymour Reads the Constitution!”
Nonesuch

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