Chano Dominguez & WDR Big Band Cologne „Soleando“

soleandoAus grafischer Sicht sind ein gesundes Maß an Plakativität und ein Spiel mit Klischees durchaus willkommen. Vor einigen Jahren erschien eine CD mit einem Cover, auf dem im Vordergrund ein Stier und im Hintergrund die Skyline von Manhattan zu sehen war. Für eine andere Produktion wählte man andere Symbole: rechts einen andalusischen Halbstiefel, links einen Turnschuh. Die Alben Jazzpaña, Jazzpaña II und Jazzpaña Live (wo bereits auf der nominellen Ebene die Fusion vollzogen wird) zeigen einen Flamencotänzer, bei dem ein Bein die stilisierte Form eines Saxophons hat.

In musikalischer Hinsicht darf es heute gerne weniger plakativ sein. Denn neu ist diese Verbindung keineswegs, die Phase vorsichtiger Annäherungsversuche liegt bereits Jahrzehnte zurück. Eine der frühesten Dokumente zärtlicher Kontaktaufnahme war Lionel Hamptons Big Band-Album Jazz Flamenco, aufgenommen im Rahmen einer sechsmonatigen Europa-Tournee 1956. Nachdem der Vibraphonist in einem Madrider Flamenco-Club an einer Session teilgenommen hatte, entschloss er sich spontan, mehrere Flamenco-Perkussionisten der Stadt ins Studio einzuladen, unter ihnen die Kastagnetten-Spielerin Maria Angelica. Kaum mehr als ein exotisches Kolorit, denn ihr oblag es mit den Kastagnetten – zu swingen …

Nicht mehr vom Show-Charakter geprägt, aber immer noch aus einer dominierenden Jazz-Perspektive heraus entstanden “Ysabel’s Table Dance” aus der Charles Mingus-LP Tijuana Moods (eingespielt 1957, u. a. mit der Flamencotänzerin und Kastagnetten-Spielerin Ysabel Moran), das Miles Davis/Gil Evans-Projekt Sketches of Spain (1960) und John Coltranes Olé (1961). Später wird es Chick Corea sein, der die Fusion vorantreibt (u. a. mit Paco de Lucía).

An der Beschwörung der Gemeinsamkeiten beider Ausdrucksformen hat es nie gemangelt. Und man beschränkt sich dabei nicht auf den Hinweis auf den improvisatorischen Charakter und die rhythmische Vitalität: Der Flamenco wird gern als der “iberische Blues” bezeichnet, er ist eine nicht minder von Leidenschaft geprägte Musik, stellt ähnlich wie der Jazz einen Hybrid dar, der unterschiedlichste Einflüsse in sich vereint und die populäre Musik der letzten Jahrzehnte nachhaltig geprägt hat. Seine Protagonisten gehören – wie in den USA die Afro-Amerikaner – zu einer Minderheit. Und wer mag, darf noch die Hüter ästhetischer Ordnung mit zu den Gemeinsamkeiten zählen: hier die “Jazz-Polizei”, dort die “Flamenco-Polizei”, stets bereit, ihr gestrenges Urteil nach dem strengen Reinheitsgebot zu fällen. Jazzmusiker, aber eben auch Flamenco-Musiker, vor allem die des “Nuevo Flamenco”, können darüber den einen oder anderen Blues singen …

Inzwischen mehren sich die Projekte, die das Gemeinsame nicht nur betonen, sondern in denen der Beitrag beider Kulturen ein weitaus balancierterer ist. Chano Dominguez und Vince Mendoza: Allein schon diese beiden Namen ersticken jedwede Vorbehalte und Befürchtungen, hier bediene man sich womöglich wieder einmal aus dem bunten Folklore-Fundus musiktouristischer Plattitüden, im Keime.

Auf der musikalischen Ebene ist der in der Flamenco-Hochburg Cadiz geborene Spanier ein bilingualer: Dominguez spricht beide Sprachen fließend, die des Jazz und die des Flamencos (einer Ausdrucksform, in der das Klavier alles andere als zuhause ist). Und er zählt seit langem zu den führenden Protagonisten, wenn es darum geht, beide Kulturen zusammenzubringen, mehr noch: Dominguez ist derzeit die treibende Kraft dieser Symbiose und derjenige, der zu den überzeugendsten Resultaten gelangt.

Im Zusammenhang mit seinem Album New Flamenco Sound sprach er von einer “gleichberechtigten Ehe von Flamenco und Jazz”. Und wenn sein gelegentlicher Schlagzeuger Marc Miralta an einem anderen Flamencojazz-Projekt moniert, die Beteiligten würden musikalisch “nicht wirklich Liebe miteinander machen”, dann mag man auch hier die Wortwahl auf südeuropäisches Temperament zurückführen – aber sie ist auch für Nicht-Iberer nachvollziehbar, denn die musikhistorische Phase erster, schüchterner Rendezvous ist längst passé.

In dem Jahr, in dem Chano Dominguez ein eigenes Trio gründet (1992), kommt es in Köln zu einer musikkulturellen Begegnung, bei der der Flamenco weit mehr als nur eine Quelle der Inspiration ist. Für dieses Projekt (mit der WDR Big Band sowie spanischen und US-amerikanischen Gastsolisten) war ursprünglich Gil Evans im Gespräch, sein Tod machte eine Realisierung mit ihm unmöglich. Dafür wird für einen damals noch unbekannten Arrangeur und Komponist Jazzpaña zum Sprungbrett. Sie beschert Vince Mendoza den Durchbruch, vor allem in Europa macht ihn das mehrfach ausgezeichnete Album schlagartig bekannt. Bei der in kleinerer Besetzung aufgenommenen Fortschreibung des Projekts, bei Jazzpaña II (2000), ist auch Chano Dominguez dabei, ebenso bei dem in diesem Jahr veröffentlichten Album Jazzpaña Live.

Vince Mendoza konnte seine Jazzpaña-Erfahrung für eine weitere Auseinandersetzung mit iberischer Kultur nutzen. El Viento. The García Lorca Project nennt sich eine 2008 aufgenommene Produktion, deren Grundstein zehn Jahre zuvor gelegt wurde, mit einem Konzert anlässlich des einhundertsten Geburtstages des Lyrikers Federico García Lorca. Spanische Vokalisten und Instrumentalisten sowie ein Tänzer traten als Gäste auf, eingeladen vom niederländischen Metropole Orkest, einem Klangkörper, der Big Band und Streichorchester in sich vereint.

Als sich ein Jahr später die Einspielung von Miles Davis’ Kind of Blue zum fünfzigsten Mal jährt, nimmt dies Dominguez zum Anlass, eine Flamencojazz-Version des legendären Albums anzugehen, sinniger Titel: Flamenco Sketches. 2011 schließlich vereint ihn ein Projekt mit jenen Kreativkräften, die knapp zwei Dekaden zuvor an der Idee dieses interkulturellen Brückenschlages im Großformat so entscheidend mitgewirkt haben: Vince Mendoza und die WDR Big Band.

Diesmal stehen Eigenkompositionen des Pianisten auf dem Programm, arrangiert vom Gastdirigenten des Orchesters. Auch der improvisatorische Aspekt steht deutlicher im Vordergrund als noch bei Jazzpaña. Zum Spanier gesellen sich drei Landsleute, die beiden Perkussionisten Israel “El Piraña” Suárez und Daniel Navarro (Letzterer zudem Tänzer) und der Sänger Blas Córdoba. Der Erfolg von Soleando – dokumentiert auf dem vorliegenden Mitschnitt aus der Kölner Philharmonie – schrie geradezu nach einer Fortsetzung: 2013 gingen der Pianist, die Grupo de Chano Dominguez, Vince Mendoza und die WDR Big Band auf eine umjubelte Tournee durch Spanien, Portugal und den Oman, inklusive eines Auftritts bei den Leverkusener Jazztagen.

Soleando offenbart, dass die Protagonisten dem erklärten Ideal einer musikalisch “gleichberechtigten Ehe” von Jazz und Flamenco immer näher gekommen sind – und vielleicht so nah wie nie zuvor. Vorbei, lange vorbei die Zeiten, da ein Lionel Hampton mit seiner Big Band in einer Stierkampfarena (sic!) eine berühmte Stierkampf-Hymne intonierte – swingend … (Karsten Mützelfeldt)

Chano Dominguez & WDR Big Band Cologne „Soleando“

Delta Music

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