Christopher Dell „monodosis II“

christpherMonodosis ist das Solo-Programm von Christopher Dell. Das Programm kann in unterschiedlichen Weisen erscheinen, etwa als Konzert, Aufnahme, lecture performance oder als Videoarbeit. Im musikalischen Sinn funktioniert Monodosis als Initium und als Plattform für Prozesse der Echtzeitkomposition für Vibraphon solo. Dell versteht das Programm als eine künstlerische Forschungsarbeit, die sich mit den Potentialen rhythmischer, harmonischer und melodischer Praktiken ebenso auseinandersetzt wie mit Fragen der ‚offenen Werkform’. Die Forschungsarbeit am Soloprogramm existiert seit 2002. Ihre erste Dokumentation fand sie in der CD Monodosis, aufgenommen und erschienen bei enw im Jahr 2005. Den Fortgang der Forschung bezeugend, folgt, nach einem Arbeitsintervall von 10 Jahren, Monodosis II als deren zweite Dokumentation.

Monodosis verfügt über eine besondere konzeptionelle Rahmung. Auf die Ordnung der Zeit fokussierend, richtet sich das Verfahren des Programms auf die strukturelle Gliederung kompositionaler Elemente. Dieses Verfahren gilt nicht nur für den improvisatorisch gewonnenen musikalischen Inhalt des Werks, es berührt auch dessen Formgebung. Monodosis agiert mit zwei Ebenen der Formgebung: einer geschlossenen und einer offenen Ebene. Auf der offenen Formebene garantiert die improvisatorische Arbeit des fortwährend variierenden Versammelns musikalischer Elemente Stabilität und Stimmigkeit der offenen Werkform. Auf der geschlossenen Formebene schaltet Monodosis strukturelle Blöcke – die sogenannten „Fonds“ – seriell in Reihe. Ein Fond enthält drei kategoriale Aspekte: zuerst ist er ein materieller Zeit-Block.

Dell versteht hier unter der Materialität von Zeit das Bereitstellen einer bestimmten, festgelegten Anzahl an Minuten (im Fall von Monodosis II ist es jeweils die Anzahl von drei Minuten), die dem musikalischen Spiel eine zeitliche Verfügungsmasse liefert. Zweitens bildet der Fond eine Rahmung der Zeit. Das heißt er begrenzt Zeit vermittels eines in Minuten gegliederten Zeitintervalls. Drittens ist der Fond – als serielle Einheit innerhalb des Programms – eine Struktur. Insgesamt formt Monodosis auf der geschlossenen Formebene eine musikalische Zeitreihe, die Fonds als serielle Blöcke in Zeitmaßstäben ordnet. Als serielle Einheiten halten die Fonds wiederum die Gründung der musikalischen Aktion bereit, die sich der Spieler durch Erfahrung und Spiel auf der offenen Formebene aneignet und dem Publikum zeigt.

Beide – Publikum und Spieler – unternehmen mit Monodosis eine spezifische Art phänomenologischer Erkundung. An der seriellen Wiederholung des gleichen Zeitintervalls lässt diese Erkundung jene Differenz gewahr werden, die sich in der Wiederholung selbst verbirgt. Mit anderen Worten: Publikum und Spieler erleben, wie unterschiedlich sich eine bestimmte Anzahl an Minuten anfühlen kann.

Alles in allem feiert Monodosis II das variierende Spiel mit, das Erfahren und das Erschließen von Möglichkeitsräumen. Einem Manifest gleich, ist es auch ein Portrait dessen, der es spielt. Die übergeordneten Fragen, die mit dem Spiel und dem Hören des Spiels erscheinen, lassen Autorschaften zwischen Publikum und Spieler zirkulieren. Insofern ist Monodosis II keineswegs End- sondern vielmehr Ausgangspunkt neuer Formen musikalischer Recherche und deren Darstellung.

Christopher Dell „monodosis II“
edition niehler werft

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