Curly Strings “Hoolima”

curlyKleines Land mit breiter musikalischer Palette: In Estland gibt es zwischen den Polen Arvo Pärt und den Festivals mit Massenchören eine Menge Spielraum für ungewöhnliche Klänge. Folk, der dort bei der Jugend den Stellenwert von Pop hat, wird gerade rundum erneuert und mit dem Quartett Curly Strings gar mit einer ordentlichen Prise Bluegrass gewürzt. Die Frau und drei Männer sind eine der überraschendsten Facetten der neuen Sounds im Baltenstaat.

Übersetzt man ‘Curly Strings’ wörtlich, landet man bei… ‘gelockte Saiten’? Nun ja, das weibliche Mitglied Eeva Talsi kann schon mit einer stattlichen blonden Lockenmähne aufwarten. Doch der Name könnte auch ein Hinweis sein auf die abenteuerliche Spielweise der vier, mit denen sie Fiddle, Gitarre, Mandoline und Bass behandeln. Nicht immer straight und ohne Umwege, sondern auch mal ein bisschen verschlungen, gewunden oder wie der Berndeutsche sagen würde: ‘kurlig’.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist die Folkmusik ihrer Heimat in der nachsowjetischen Ära nicht unter die Räder gekommen und wird nicht als minderwertiges Relikt der Vergangenheit angesehen. Die Jugend interessiert sich für das Erbe, das bis in die Zeit der Runengesänge zurückreicht, spirituell aufgeladen sein kann. Estland geht stolz und kreativ mit seinem Erbe um, stellt aber keine Volksmusikpolizei auf, die über Einhaltung bestimmter Musiksitten wacht.

Und so hat das Publikum in Estland auch die vier ‘gewundenen Saiten’ mit offenen Armen empfangen: 2014 traten Fiddlerin Eeva Talsi, Bassist Taavet Niller, Jaan Jaago an der Gitarre und Villu Talsi an der Mandoline mit ihrem Debüt ‘Üle Ilma’ ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und wurden bald sogar in der Popszene wahrgenommen. Ihr Markenzeichen: Estnische Folktöne und Texte in der klangvollen Muttersprache kombiniert das Quartett mit der Ästhetik der amerikanischen Stringbands, schafft einen bislang unerhörten Folk- und Bluegrass-Sound über Kontinente hinweg.

Bezeichnend für ihre stilistische Ungezwungenheit: Die Curly Strings konnten zahlreiche Folk Awards ebenso wie den European Bluegrass Award gewinnen. Das führende britische Weltmusikmagazin Songlines schrieb: ‘Sie können so mancher amerikanischen Band das Wasser reichen und haben den Sound aus dem Süden mit ihrem ethnischen Stil verschmolzen, der nicht nur die Sensibilität der Balten anspricht.’

Es bestehen also beste Aussichten, dass das mit jugendlicher Verve aufgeladene Quartett in Kürze auch international den Durchbruch feiern kann. Dafür haben sie ihren zweiten brandneuen Longplayer im Gepäck, der den Titel ‘Hoolima’ trägt und in Estland bereits den wichtigsten Folk-Preis abgeräumt hat. Produziert wurde die Scheibe vom Grammy-nominierten Casey Driessen und seinem Kollegen Dani Castelar, der auch schon Michael Jackson oder R.E.M in seinen Auftragsbüchern stehen hatte. Die Themen auf diesem zweiten Album sind nach Bandaussage solche, die ‘uns nah am Herzen liegen’. Und wie viel Herzblut in diese Songs geflossen ist, merkt man jedem Takt der zehn Songs an.

Print Friendly, PDF & Email

You must be logged in to post a comment Login