Das Mädchen aus dem Fahrstuhl + Bonusfilm „Leben zu zweit“

herrmann-zschoche-maedchen-aus-dem-fahrstuhl-vsDas Mädchen aus dem Fahrstuhl
Für Frank (Rolf Lukoschek) läuft alles gut. Er ist ein hervorragender Schüler und anerkannter FDJ-Sekretär. Mit den Eltern, zwei hohen Wirtschaftsfunktionären, versteht er sich gut. Doch als Regine (Barbara Sommer) neu in die Klasse kommt, gerät Franks Weltverständnis in wanken. Die beiden verlieben sich ineinander, aber Regine lebt in einer anderen Welt. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, und das Mädchen kümmert sich alleine um die drei Geschwister. Weil Regine wegen ihrer schlechten Zensuren der Ausbildungsplatz verwehrt wird, prangert Frank öffentlich die Ungerechtigkeit an. Als dadurch seine eigenen Berufsaussichten in Gefahr geraten, muss er sich entscheiden.

Leben zu zweit (Bonusfilm)
Peter (Alfred Müller) will Karin (Marita Böhme) heiraten, aber sie sträubt sich. Nach den Erfahrungen aus ihrer ersten Ehe weiß sie ihre Eigenständigkeit zu schätzen, außerdem macht sie sich Sorgen, dass es zu Konflikten mit ihrer jugendlichen Tochter Nora (Evelyn Opoczynski) kommen könnte. Weil Peter nicht locker lässt, ersinnt Karin einen komplizierten Plan: Peter soll Nora „zufällig“ kennenlernen, ihre Sympathie gewinnen und sich dann in die Mutter verlieben. Doch Nora hat ganz eigene Pläne, und so läuft alles anders, als Karin es sich vorgestellt hat – bis zum überraschenden Happy-End.
(Laufzeit: 81 Minuten / DDR 1967)

Herrmann Zschoche gehört zu den erfolgreichsten und produktivsten Regisseuren, die das Oeuvre des DEFA-Spielfilmstudios entscheidend geprägt haben. Wenn sein Name genannt wird, dann sind damit zuerst Filme wie Karla (1965/90), Sieben Sommersprossen (1978), Bürgschaft für ein Jahr (1981) oder Insel der Schwäne (1983) verbunden.
Auch wichtige Arbeiten für Kinder, etwa Lütt Matten und die weiße Muschel (1964) oder Philipp der Kleine (1976), werden schnell genannt. Die beiden Filme der vorliegenden Edition sind heute unter den insgesamt 20 Spielfilmen des Regisseurs aus unterschiedlichen Gründen weniger bekannt. Dennoch bedeutet ihre Veröffentlichung mehr als nur das Bedienen einer Chronistenpflicht. Auch in diesen Filmen kommt das, was Zschoches filmische Handschrift ausmacht, in interessanter Weise zum Tragen.
Der Regisseur erzählt in fast allen seiner Filme Alltagsgeschichten in einer dezenten poetischen Überhöhung. Sie zeichnen sich nicht zuletzt besonders durch eine beachtliche soziale Genauigkeit aus. Im Vordergrund stehen bei ihm sensibel in Szene gesetzte private Geschichten, die aber auf der zweiten Ebene eine hohe gesellschaftliche Brisanz entfalten. Indem sich seine Figuren mit alltäglichen Konflikten auseinandersetzen, wird indirekt immer wieder der in der DDR postulierte gesellschaftliche Anspruch im Verhältnis zu den gegebenen Realitäten hinterfragt. Seine Protagonisten sehnen sich nach Gerechtigkeit, und sie stoßen damit an Grenzen ideologischer Borniertheit, sozialer Egoismen und eines beflissenen Opportunismus.

Der 1934 in Dresden geborene Herrmann Zschoche interessiert sich schon früh für das Medium Film. Während seiner Schulzeit wird er bereits Mitglied einer Schmalfilm-Arbeitsgemeinschaft. Nach dem Abitur 1953 geht er als Assistent und Kameramann zum Fernsehfunk der DDR. 1954 gehört Zschoche zum ersten Jahrgang im Fach Regie an der neugegründeten Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Nach dem Diplom 1959 wird er Regieassistent bei Kurt Maetzig, Gerhard Klingenberg und Frank Beyer im DEFA-Spielfilmstudio.
1961 folgt mit Das Märchenschloss – auf der Grundlage einer Bilderbuchgeschichte von Fred Rodrian – seine erste eigenständige Regiearbeit. Zum Kinderfilm kehrt er in den folgenden dreißig Jahren bei der DEFA immer wieder zurück. 1965 erzählt Zschoche erstmals mit Karla eine Gegenwartsgeschichte, die in der Erwachsenenwelt angesiedelt ist und eine starke Frauenfigur in den Mittelpunkt stellt. Der Film, der heute als eine wichtige Größe innerhalb der deutschen Filmgeschichte gilt, findet allerdings erst 1990 seinen Weg zum Publikum. In seiner Entstehungszeit fällt er unter das Verdikt des unrühmlichen 11. Plenums des Zentralkomitees der SED, in dessen Folge nahezu ein ganzer Jahrgang von DEFA-Filmen verboten wird, weil diese den DDR-Sozialismus »durch Pessimismus und Skeptizismus in Misskredit gebracht« hätten.
Nach dieser deprimierenden Erfahrung findet Zschoche erst 1968 mit Leben zu zweit wieder zur Regiearbeit zurück. Für die folgenden Filme werden Ulrich Plenzdorf und Christa Kožik zu seinen wichtigsten Autorenpartnern. Bei der Kameraarbeit verlässt er sich nach Günter Ost und Roland Gräf nunmehr in all seinen Filmen auf Günther Jaeuthe, bevor bei Das Mädchen aus dem Fahrstuhl Dieter Chill die Kamera übernimmt.
Nach 1990 kann Herrmann Zschoche im nunmehr gesamtdeutschen Filmgeschäft nicht reüssieren. Bis 1997 arbeitet er, quasi als Broterwerb, für diverse Fernsehserien. Danach zieht er sich aus dem Metier des Bewegtbildes zurück und widmet seine ganze Aufmerksamkeit seiner schon lange gepflegten stillen Leidenschaft, der deutschen Malerei der Romantik. Darüber hinaus ist er ein gefragter Gesprächspartner bei Veranstaltungen mit seinen Filmen. 2002 veröffentlicht Herrmann Zschoche mit Sieben Sommersprossen und andere Erinnerungen seine Autobiographie.

Das Mädchen aus dem Fahrstuhl + Bonusfilm „Leben zu zweit“
FSK 0 J.
DDR 1990
ca. 91 Minuten
Icestorm
Regie: Herrmann Zschoche
Darsteller: Karin Gregorek, Monika Lennartz, Rita Feldmeier, Hans-Jörn Weber, Barbara Sommer
Ton: Dolby Digital 2.0
PAL – RC 2

Print Friendly, PDF & Email

You must be logged in to post a comment Login