David Aaron Carpenter “Motherland”

davidEin Appartement nahe des Columbus Square in Manhattan. Die westliche Ecke des Central Park liegt nur ein paar Schritte entfernt.Wenige Blocks weiter markieren die Carnegie Hall, die Avery Fisher Hall und das Lincoln Center eins der kulturellen Zentren New Yorks. Wer hier wohnt, zählt entweder zur wohlhabenden Bohème oder zu den Finanzjongleuren des Big Apple.

David Aaron Carpenter, einer der bedeutendsten Bratschisten der Gegenwart, ist Künstler, Sammler hochwertiger Streichinstrumente und Kunsthändler. In dieser Reihenfolge – darauf legt er Wert. Sein Sinn für Qualität und Wertigkeit manifestiert sich unmittelbar auch im Interieur seines Central Park West-„Condo“. Hier ist alles „posh“, das Mobiliar und die Kunstwerke. Dennoch weist Carpenters Zuhause keinerlei Bling-Bling-Anmutung auf.Was hier glänzt, verfügt über kunstvoll-beseelten Glanz. Wie das Cy Twombly-Original, das eine Wand des Sitting Room ziert. Carpenter handelt im Verbund mit seinen beiden ebenfalls musizierenden Geschwistern und seiner Mutter mit kostbar-kostspieligen Saiteninstrumenten und Kunstwerken.

Es ist halb neun am diesem spätherbstlichen Morgen. Draußen taktet sich längst der Pulsschlag des Stadtlebens durch die mit Bäumen gesäumte Straße. Carpenters angeregte Geschwätzigkeit zur frühen Tageszeit unterstreicht, dass sein Leben vom Rhythmus der Stadt geprägt ist. Der 31-Jährige redet schnell, intelligent und punktgenau, während er mit seinen feingliedrigen Händen bedächtig gestikuliert. Er ist einer jener amerikanischen Zeitgenossen, die seine Landsleute voller Stolz als „prolific“, als erfolgreich und produktiv bezeichnen. In seiner Nachbarschaft wohnen der Milliardär Mark Cuban und die Popsängerin Janet Jackson.

Häufig sieht er seine Nachbarn nicht. Die Hälfte des Jahres verbringt er zumeist auf Konzert- und Geschäftsreisen. In den vergangenen Monaten pendelte er vorwiegend zwischen Hudson River und Themse. In den Londoner Air Studios und in der mit „Wunder“-Akustik ausgestatteten St. Augustine’s Church, erfüllte er sich einen Herzenswunsch: „Motherland“.

Die Recording-Sessions zum Doppel-Album mit dem einprägsamen Titel, stellten Carpenter vor eine logistische Herausforderung, wie er sagt. Als Leiter des New Yorker Salomé Orchestra, dessen Mitglieder etliche der antiken Saiteninstrumente spielen, die über Auktionstische in die Sammlung der Carpenters wanderten, ist er vielen Aufgaben eigentlich ohnehin gewachsen. Aber die Musiker des London Philharmonic Orchestra für insgesamt 30 Aufnahmestunden in den Air Studios zusammen zu bringen, forderte lange vorherige Planung.

Für die Aufnahmen der Bartók- und Walton-Violakonzerte unter der Leitung von Maestro Vladimir Jurowski im Schiff von St. Augustine’s im Londoner Stadtteil Kilburn, musste erst die Genehmigung der dortigen Landeskirche eingeholt werden. Charakterstark und fesselnd emotional brilliert Carpenter in den Viola-Werken des Engländers Walton und des Ungarn Bartók.

Das „Motherland“-Herzstück ist die Uraufführung von Carpenters Transkription des berühmten Dvořák-Cellokonzerts für Bratsche. „Diesem Stück fühle ich mich besonders verbunden“, schwärmt Carpenter. „Es inspirierte mich dazu, mit 11 Jahren das Bratschenspielen zu beginnen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass Dvořák, der ja selber ein versierter Bratschist war, gewisse Teile der Partitur auf der Bratsche selbst spielte. Das London Philharmonic Orchestra brachte das Stück 1894 zur Uraufführung. Ich träumte lange von der Premierenaufführung für Bratsche mit dem gleichen, legendären Orchester und bin stolz darauf, dass es mir unter der Leitung des Dirigenten Kazushi Ono endlich gelungen ist.”

Carpenter entlockt der Partitur als geborener Solist mit seiner 1766er Deconet-Bratsche eine einzigartige Klangfarbenqualität und Klangfülle, die dem Konzert eine zusätzliche Dimension verleiht.

„Motherland“, den Albumtitel, hat der Gewinner des ersten Preises des Walter W. Naumburg-Bratschen-Wettbewerbs sorgsam gewählt. „Das eigentliche Thema des Albums, die Verbindung zwischen sämtlichen Kompositionen der Platte, ist die Sehnsucht nach Heimat. Diese Meisterwerke von Dvořák, Bartók und Walton, beziehen sich alle auf Volkslieder aus ihren jeweiligen Mutterländern. Sämtliche der Identitäten der Komponisten, so unterschiedlich sie auch sein mögen, erzählen zusammengenommen eine Geschichte, in der Individualismus ein tragendes Element ist. Mein Freund Alexey Shor, der im russischen Kiev geboren wurde und in New York lebt, rundet mein Erkunden der europäischen Seele mit seiner ‚Seascapes and well-tempered Chanson’-Komposition ab, die ich auf meinem neuen Album unter der Dirigenten-Regie von David Parry uraufführe. Es ist Teil meiner eigenen Identität, über den eigenen Tellerrand hinaus Ausschau zu halten und meine Gedanken und Gefühle ständig mit neuen Eindrücken zu füttern.”

Wichtig sei ihm, seine Musik niemals stagnieren zu lassen, führt er weiter aus. Das Vermögen, der Reichtum, den er im Verbund mit seiner Familie angesammelt hat, ist nicht das Resultat von Verbissenheit, sondern von einem 360-Grad-Blickwinkel. Mit geschickten Investitionen in Hedgefonds, finanzierten die Carpenters in sündhaft teure Instrumente und Kunstwerke, die sich ihrerseits als solide Investments entpuppten. Dass sich inzwischen ein Picasso-Original
im Familienbesitz befindet, ist das Resultat der Kunstwertschätzung der Carpenters. Ein Charakteristikum, das sich unbedingt auch in der DNA von David Aaron Carpenter wiederfindet.

CD 1
Antonin Dvořák Cellokonzert Op.104 arrangiert für Viola von
Vieland/Carpenter – Ersteinspielung
Béla Bartók Violakonzert (Fassung von Serly)
Alexey Shor Seascapes (für Viola und Orchester)

CD 2
William Walton Violakonzert (Fassung von 1962)
Alexey Shor Lullaby for Mark & Natalie’s Waltz
Alexey Shor The Well-Tempered Chanson (13)
David Aaron Carpenter, Viola
London Philharmonic Orchestra
Kazushi Ono – Dvořák
Vladimir Jurowski – Bartók & Walton
David Parry – Shor: Seascapes & Well-tempered Chanson

David Aaron Carpenter “Motherland”
Warner Classic

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