Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis

derfcbayernVerfälscht der FC Bayern aus Marketinggründen seine NS-Vergangenheit? Dieser Vorwurf wurde vor einiger Zeit durch einen Fußball-Historiker erhoben. Ein neues Buch von Dietrich Schulze-Marmeling mit dem Titel „Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis“ bringt mehr Klarheit in die Gemengelage.

Es handelt sich um die Neuausgabe einer 2011 erschienenen und damals als „Fußballbuch des Jahres“ ausgezeichneten Studie. Der Autor hat zahlreiche neue Quellen ausgewertet und das Buch wesentlich erweitert. Unbestritten ist, dass der FC Bayern vor 1933 ein weltoffener, liberaler Verein war, in dem Juden einige Schlüsselpositionen besetzten, vor allem der langjährige Präsident Kurt Landauer sowie der Meistertrainer von 1932, Richard Dombi. Unbestritten auch, dass 1933 ein Prozess der Nazifizierung einsetzte, der die jüdischen Mitglieder – etwa zehn Prozent aller „Bayern“ – aus dem Verein trieb. Doch ob der Verein diese Gleichschaltung eher widerwillig durchführte oder ob, wie Kritiker bemängeln, der FC Bayern seine jüdischen Mitglieder „schlechter behandelt“ habe als es die NS-Rassegesetze vorsahen, ist umstritten.

Schulze-Marmeling seziert den Prozess der Anpassung und der Zerstörung einer liberalen Fußballkultur detailliert anhand zahlreicher bisher unbekannter Dokumente. Er weist überzeugend nach, „dass die Nazifizierung des FC Bayern zunächst holperiger und zäher verlief als bei einigen anderen Vereinen“, Auch wird deutlich, dass der Verein durch die Eingriffe der Nazis sportlich stark geschwächt wurde. Einen Hort des Widerstands allerdings bildete der FC Bayern nicht, auch wenn aus seinen Reihen ein prominenter Widerständler stammte: der 1940 hingerichtete Sozialdemokrat Willy Buisson.

Das neue Buch beeindruckt durch die sorgsam recherchierten Biografien der verfolgten jüdischen Bayern-Mitglieder – Ergebnis einer Erinnerungsarbeit der letzten Jahre. Die Auswertung von erst kürzlich entdeckten Vereinsakten machte es außerdem möglich zu skizzieren, wie nach dem Ende der Nazi-Diktatur überlebende jüdischen „Bayern“ ebenso in den Klub zurückkehrten wie einige zunächst geschasste NSDAP-Mitglieder.

Ein spannendes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Schulze-Marmelings Buch wirft einen aufschlussreichen Blick auf eine lange Zeit verschüttete Seite der Geschichte des FC Bayern. Erst unabhängige Autoren sowie die Aktivitäten einiger Fangruppen konnten den Klub zur Gedenkarbeit bewegen. Diese hat durch das neu erschienene Buch nun eine fundierte und überzeugende Grundlage erhalten.

Autor
Dietrich Schulze-Marmeling
gilt seit Jahren als einer der besten deutschen Buchautoren in Sachen Fußballgeschichte. Im Verlag Die Werkstatt veröffentlichte er u.a. Bücher zur Fußballweltmeisterschaft sowie zu den Vereinen Bayern München und Borussia Dortmund. Sein Buch „Barca“ hat im Jahr 2010 bei der Wahl zum Fußballbuch des Jahres den dritten Platz belegt. „Der FC Bayern und seine Juden“ wurde ein Jahr später zum Fußballbuch des Jahres gewählt.

Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis
3. erweiterte Auflage 2017
Autor: Dietrich Schulze-Marmeling
400 Seiten, gebunden
Verlag die Werkstatt
Euro 28,00 (D)
ISBN 978-3-7307-0359-5

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