Diego Pinera Trio „My Picture“

diegopineraDas Trio ist eine gängige Konstellation im Jazz, und doch findet sich die Formation von Saxofon, Bass und Schlagzeug vergleichsweise selten im Jazz. Sonny Rollins hatte die Latte bereits in den fünfziger Jahren derart hoch gelegt, dass es nicht allzu viele erfolgreiche Nachahmer gibt.

Wer unvoreingenommen in der Besetzung von Saxofon, Bass und Schlagzeug antritt, kann also immer noch Neuland betreten. Meist sind es ja die Saxofonisten, von denen der Impuls zu einem derartigen Trio ausgeht. In diesem Fall ist es jedoch ein Schlagzeuger. Diego Pinera stammt aus Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay. Bestimmte rhythmische Voraussetzungen sind ihm somit genetisch mitgegeben worden, ohne dass sich das bei ihm in vordergründigen Latin-Verweisen ausmachen würde. Weitere Stationen führten ihn über Havanna, Berklee und Leipzig nach Berlin.

Überall las er etwas auf, das seinen musikalischen Horizont anreicherte, seinen Fundus vergrößerte. Er arbeitete mit Musikern wie Miguel Zenón, Alex Sipiagin, Jerry Bergonzi oder Nils Wogram. Sein aktuelles Trio ist jedoch eine Zäsur in der Laufbahn des 34-Jährigen. Mit Saxofonist Mark Turner und Bassist Ben Street hat er sich für zwei ungewöhnliche Mitstreiter entschieden, und das nicht nur wegen der endlosen Listen von Musikern, mit denen beide gespielt haben. Doch überlassen wir das Namedropping an dieser Stelle einschlägigen Foren wie Wikipedia. Beide haben bereits ausgiebig Erfahrungen in unterschiedlichen Trio-Kontexten gesammelt, die sie hier eingeben können.

Mark Turner unterhält mit Fly eines der derzeit künstlerisch wohl erfolgreichsten Trios in der Besetzung Saxofon-Bass-Schlagzeug. Street hat in nachhaltigen Trios mit Pianisten wie Danilo Perez oder Anthony Coleman gearbeitet, die recht unterschiedliche Akzente setzten. In Bands von Billy Hart und Kurt Rosenwinkel haben Turner und Street überdies bereits gemeinsame Erfahrungen sammeln können, sind also eine fest eingespielte Einheit. Ins Trio von Pinera, Turner und Street fließen all diese Erfahrungen ein, werden jedoch völlig neu sortiert. Sie schwingen praktisch nur noch als Hintergrund mit, denn es gilt, aus dem individuell bereits Vollbrachten eine neue gemeinsame Mitte zu formulieren. Pinera gelingt es, in jedem Song aufs Neue zwischen Vertrautem und Unbekanntem zu verhandeln.

Mit diesem Prinzip wäre er im Jazz nicht allein, doch das Besondere an dieser CD besteht darin, dass diese beiden Prinzipien keine Pole und somit keinen Widerspruch bilden. Das Vertraute ist das Neue und umgekehrt. Die Musik der drei ist so komplex wie das Leben. Was sich in der Theorie ausschließt, wird in der Praxis vereint. Pinera ist zwar der Leader, Komponist und Initiator des Trios, doch die spielerischen und assoziativen Anteile sind absolut gleich verteilt. Mehr noch, die jeweilige Teilhabe des einzelnen Musikers ist nicht nur von Song zu Song, sondern auch innerhalb der Stücke variabel. Dass sich die Funktionen von Solo und Begleitung im Kontext des Trios auflösen, gehört schon fast zum Grundgerüst einer aktuellen Jazzgruppe und bedarf daher kaum der Erwähnung.

Das Spezielle ist also nicht, dass, sondern wie sie das hinkriegen. Es mag wie ein weiterer innerer Widerspruch anmuten, aber alle drei Musiker gehen die ganze Zeit sehr subtil aufs Ganze. Dieses Ganze kann eben auch mal in der individuellen Zurückhaltung liegen, wenn es der musikalische Augenblick erfordert. Hier sind drei Individualisten am Werk, die wie bei einer Kernfusion zu einer Band verschmelzen, deren Zentrum sich aber wieder durch ihre drei Bestandteile definiert. Die unablässige gegenseitige Durchdringung der Band als Ganzes und der drei Spielerpersönlichkeiten in ihrer Unverwechselbarkeit, aber auch hinsichtlich ihrer Reaktion aufeinander, hat man in dieser Dichte selten gehört. Freiheit und Struktur schließen sich ebenso wenig aus wie Kraft und Nachhaltigkeit oder Traditionsbezug und Verankerung in der Gegenwart.

Daraus erwächst eine gemeinsame intuitive und poetische Wucht, die noch lange nach Verklingen des letzten Tones nachhallt. Aus Pineras Sicht ist es „My Picture“, weil er die Stücke geschrieben und die Intentionen dazu lange in sich getragen hat. In der Umsetzung ist es jedoch ein kollektives Bild, das mit drei Pinseln gemalt wurde. Jazz darf hier zu hundert Prozent Jazz sein, um doch am Ende viel mehr zu werden. Nennen wir es einfach Musik. Wolf Kampmann

Tracks
1 Open Window 6:01
2 Cuidado 4:37
3 New Hope 6:51
4 Evidence 3:42
5 Today 7:15
6 Bart 6:37
7 My Picture 8:08
8 The New One 6:59
9 The Song Is You 4:33

Diego Pinera Trio „My Picture“
Octason Records

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