Europa ist zu enge geworden

europaObwohl die Habsburgermonarchie keine Kolonialmacht im klassischen Sinn war, ist das Phänomen Kolonialismus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in vielen Bereichen der österreichischen Gesellschaft präsent. Im Mittelpunkt ökonomischer und politischer Begehrlichkeiten Österreich-Ungarns steht Südosteuropa und nicht etwa Afrika. Dennoch ist auch der außereuropäische Kolonialismus von Bedeutung.

Im Mittelpunkt des Buchs steht die damalige Debatte um konkrete Möglichkeiten kolonialer Aktivitäten, wie sie im Umfeld der „Österreichisch-Ungarischen Kolonialgesellschaft“ geführt wurde. Der Autor beschreibt diese Kolonialgesellschaft, setzt sich mit den im Umfeld der Organisation entstandenen Publikationen auseinander und beleuchtet deren sozialen und politischen Hintergrund.

Neben kolonialistischen Druckschriften wertet Loidl auch zahlreiche ungedruckte schriftliche Quellen wie Korrespondenzen und Eingaben an Behörden und Ministerien aus und beschreibt die Bemühungen der Kolonialaktivisten um die konkrete Umsetzung ihrer Expansionsfantasien. So entsteht ein plastisches Bild vielfältiger Tätigkeiten der kleinen, aber erstaunlich aktiven kolonialistischen Szene im Wien der Jahrhundertwende.

Der Autor zeigt jene Bereiche auf, in denen die Kolonial-Lobby mit ihren teilweise radikalen Vorstellungen an tagespolitische Entwicklungen anknüpfte. Insbesondere in der Militarisierung der politischen Debatte vor und während des Ersten Weltkriegs fanden sich Anknüpfungsmöglichkeiten an tagespolitische Diskussionen.

Das Buch endet nicht mit dem Zerfall der Monarchie, sondern verfolgt die Spuren kolonialistischen Denkens in Österreich nach 1918 weiter. Einige der prokolonialistischen Autoren sahen nach dem endgültigen Scheitern eines habsburgischen Kolonialismus in einer weiteren politischen Radikalisierung einen Ausweg und fanden schließlich im Nationalsozialismus eine neue politische Heimat.

Autor
Simon Loidl
, geboren 1977 in Salzburg, studierte Geschichte und Germanistik in Wien, Salzburg und Berlin. Er arbeitet als freier Journalist. Im Promedia Verlag ist 2015 von ihm erschienen: „Eine spürbare Kraft. Österreichische KommunistInnen im US-amerikanischen Exil (1938-1945)“.

Europa ist zu enge geworden

Autor: Simon Loidl
232 Seiten, Broschur
Verlag ProMedia
Euro 25,00 (D)
ISBN 978-3-85371-432-4

Print Friendly, PDF & Email

You must be logged in to post a comment Login