Ezio „Daylight Moon“

ezio Der erste Song heißt „Hey Little Girl“, kommt ohne Ausrufungszeichen aus und wirkt wie eine zufällig am Wegesrand gepflückte Frühlingsblume. Ein paar so präzise wie lakonisch gezupfte Akkorde auf der akustischen Gitarre und dazu ein paar Verse von eindringlicher Poesie. Mehr braucht Ezio Lunedei nicht, wenn er mit seinem Bandmate Mark „Booga“ Fowell wieder einmal eine kleine Song-Kollektion fertigstellt. Wäre dieser Song Teil eines Soundtracks, man müsste sich einen leicht liebeskranken Teenager auf der taufeuchten Wiese auf dem Weg zur Angebeteten vorstellen.

Doch der nächste Song heißt „Indian“, wird von einem stupenden Beat und einer verzerrten Rockgitarre begleitet und bräuchte eher einen Quentin Tarantino-Film, um erneut Soundtrack werden zu können. Das Duo weigert sich so beharrlich wie virtuos, in eine Schublade sortiert zu werden. Und weil die beiden keine Fans monatelangen Justierens und Verwerfens im Studio sind, klingen ihre seltenen Alben stets wie aus dem Ärmel geschüttelt. Friss Vogel oder stirb. Aber sterben möchte zu solch wunderbarer Musik natürlich niemand.

Dass diese nach dem Vornamen ihres Sängers benannte Band, dass also Ezio sich nicht längst und mit Permanenz in den internationalen Charts tummelt, hat sie nicht zuletzt auch der Tatsache zu verdanken, dass viele ihrer Preziosen mal leicht, mal schwer an höchst unterschiedliche Bands der Rockgeschichte erinnern, ohne sich jemals des Plagiats schuldig zu machen. Oft handelt es sich beim Déjà-Vu nur um ein paar Akkorde. „Crushed“ etwa beginnt ein bisschen so wie Blue Oyster Cults „Don’t Fear The Reaper“, „Indian“ und „No Time For You“ erinnern an die Tresen-Soundtracks von Tito & Tarantula. Und immer wieder kehren Lunedei & Fowell zurück zu ihrer großen Liebe, zum akustischen Folksong, dem sie allerdings alles Folkloristische ausgetrieben haben. „Been A Long Time Coming“ hört sich dann plötzlich so an, als habe sich Van Morrison auf seine besten Tugenden besonnen.

Mit anderen Worten: Ezio machen herrlich irritierende Musik. Ezio sind eben etwas anders als der Rest und angenehm unberechenbar. Ein gutes Beispiel hierfür ist „The Gypsy Song“, instrumentiert mit Django Reinhard-Gitarre und kratzig-rhythmischer Violine. Jeder hat so etwas schon einmal gehört, aber niemand hätte es hier erwartet. Danach wäre ein Tango samt Bandoneon so wenig überraschend gewesen wie ein lupenreiner Punk, aber beides kommt nicht, und das ist dann wieder das Überraschende.

Schließen wir also mit „Down, Down, Down“, dem letzten Song dieses wundersamen Albums, der ein wenig an „Tell Me The Way To The Next Whiskey Bar“ von Brecht & Weill erinnert und doch auch etwas von den südstaatlichen Gelagen eines Tom Waits besitzt. Solche Lieder schreiben außer Lunedei & Fowell heute bestenfalls noch Straßenmusiker, nach deren Folk die Lieder der beiden ja auch nicht selten klingen.

Sollte jetzt jemand den Eindruck gewonnen haben, dieses formidable Duo nebst wechselnder Live-Begleitung segle konsequent am Erfolg vorbei, dem muss gesagt werden: Das ist mitnichten so. Die Konzerte von Ezio pflegen für gewöhnlich ausverkauft zu sein, was wiederum ein hoffnungsvolles Zeichen ist. Es gibt ein Parallel-Universum neben all dem, was Mainstream heißt. Und hier zählen Ezio zu den Primi inter Pares. Daran wird sich dank „Daylight Moon“ auch gar nichts ändern.

Tracks
1 Hey Little Girl
2 Indian
3 Dirty Little Secret
4 Crushed
5 Been a Long Time Coming
6 Pain in my Heart
7 The Gypsy Song
8 No Time For You
9 The Weather
10 Daylight Moon
11 Down Down Down

Ezio „Daylight Moon“
Jazzhaus Records

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