Foé “ÎL”

foeFoé pulverisiert Gewissheiten. Ein UFO in einem sechseckigen Himmel. Das kompromisslose Soloprojekt eines Ausnahmetalents, wie die Welt noch nicht viele gesehen hat. Doch was hat dieser Junge an sich, das ihn so einnehmend macht? Sein freier Geist, seine jugendliche Energie, seine an Unverschämtheit grenzende Großartigkeit? In Sachen Songwriting ist er als Autor, Komponist und Co-Produzent mittlerweile in die Spitzenliga vorgestoßen. Ein brillantes Universalgenie.

Vor nicht allzu langer Zeit stolperte Produzent und Manager Chad Boccara über eins der YouTube-Videos von Foé. Neugierig und fest überzeugt, ein echtes Juwel entdeckt zu haben, nahm Boccara den Jungen aus Toulouse unter seine Fittiche. Vor der alles verändernden Begegnung mit dem Produzenten war Foés musikalischer Werdegang relativ konventionell verlaufen: Von acht bis 15 Klavierunterricht zu Hause, später Gitarrenstunden in einem nah gelegenen Jugendclub, in der Schule dann die Alternative-Rock-Band, für die er englische Texte verfasste.

Im Elternhaus lief viel klassische Musik. Foé jedoch war eher an AC/DC, Red Hot Chili Peppers, Alt-J, Stupeflip und Ami-Rap interessiert. Französische Musik spielte kaum eine Rolle für ihn. Bald schon äußerte er den hartnäckigen Wunsch, die vorgezeichneten Wege zu verlassen und sich voll und ganz der Musik zu widmen. Aber so schnell ging das nicht. Denn erstmal bestanden seine Eltern darauf, dass das Studium beendet wird. Im vergangenen Jahr war es dann soweit: Foé machte einen Abschluss in Maschinenbau und Produktionstechnik mit Spezialisierungsrichtung Raumfahrttechnik.

Die Geschichte dieser knackigen drei Buchstaben, aus denen sein Bühnenamen besteht, ist die Geschichte eines Tauschhandels mit seiner Mutter. Als der kleine Nicolas ein Baseballcap von seiner Mum geschenkt haben wollte, machte sie es zur Bedingung, dass der Junge Robinson Crusoe in Gänze las – was sowohl ein literarischer, als auch ein emotionaler Schock war, eine Initiationsreise, in deren Mittelpunkt die schrittweise Entdeckung der Welt in seinem Inneren stand. Der Autor dieses Kultromans hieß bekanntermaßen Daniel Defoe. Kurzentschlossen wurde die erste Silbe vom Nachnamen abgetrennt, und „Foé” war geboren.
Lange unwillig, in seiner Muttersprache zu texten, gab Foé irgendwann dem Wunsch all derer nach, die französische Lyrics schon immer für einen unumgänglichen Schritt in seiner Entwicklung angesehen hatten.

Anfangs reizte ihn in erster Linie die Herausforderung. Später begann er, das Schreiben in der Sprache seiner Heimat zu genießen. Während die Musikalität des Englischen ihm als Inspiration für seine Kompositionen und die Energie seiner Refrains dient, ermöglicht ihm das Französische, ins Innere der tief in ihm wohnenden Wahrheiten vorzudringen. Kein Wunder also, dass er in jüngster Vergangenheit hauptsächlich mit der unerwarteten Wandlungsfähigkeit des Instruments experimentierte, das ihm seine ganz eigene Identität verleiht: seine Stimme. Tief, viril, sinnlich, eindringlich, warm und kalt im selben Atemzug und von einer dunklen Schönheit durchzogen. Ein mitreißender Fluss, der eine Fülle intensiver Emotionen vereint und dabei sowohl scharfe Akzente als auch plötzliche Wutausbrüche zulässt. In seinem Zimmer – einer Art Hobbykeller, die sowohl als Bühnendeko für Live-Sets dient, als auch Zeugnis der offensichtlichen Selbstkasteiung eines notorischen Stubenhockers ist -, ließ Foé seiner Fantasie freien Lauf.

Die Festplatte seines Computers war bis zum Bersten mit Songideen gefüllt. In wenigere als zwölf Monaten hatte er die Grundrisse eines beeindruckend modernen Kunstwerks entworfen. In Albumform goss er dieses dann mithilfe von Valentin Marceau. Heraus kamen Songs, die beeindrucken, erstaunen, verstören. Und dazu ein besorgniserregend intimes Verhältnis mit dem Hörer eingehen.

Es hat keinen Sinn, dem Jungen ein Label verpassen zu wollen. Der ihn treibende Enthusiasmus ist zu mannigfaltig und zu überbordend, als dass man Foé in eine Schublade zwängen könnte. Während Musikstile (Balladen, Hip-Hop, Synth-Pop, luftiger Electro) wie wechselhafte Emotionen ineinander übergehen und sich vermischen, stellt das Klavier in Foes Songs die Konstante dar und verleiht dem Ensemble die notwendige Energie. Dabei ist Foé fruchtbaren Experimenten mit Produktionsstilen und anderen Instrumenten – allen voran seine treue Discounter-Gitarre, die nach einer notwendigen Reparaturpause nun wieder voll im Einsatz ist – keineswegs abgeneigt.

Foé geht seinen Weg, um sich zu ergründen und zu sich selbst finden zu können. Um sich als der musikalische Zauberkünstler zu bestätigen, der er ist – ein Hybrid, ein leidenschaftlicher Liebhaber von Texturen und Farben. Diese Produktion spricht Bände über die Kompositionen und Songs, die noch folgen werden. Es ist ein verblüffend vielfältiges Album geworden, durchzogen von wohlgeordneten Ausbrüchen. Scheinbar willkürlich und unqeplant springt Foé von einem tief emotionalen Lyrizismus wie in “Bouquet de pleurs” , der die Geister der Chansonniers Jacques Brei und Léo Ferré beschwört, zu einer epischen Großtat wie “Edgar”, einem Stück im Stil von Woodkid, dem Portrait eines ganz und gar verlorenen Mannes. Dabei ist das Album so sehr in sich geschlossen, dass es keinen Sinn hat, einzelne Songs bewerten oder herausstellen zu wollen.

Es ist ein kühner Akt der Eroberung, bei dem es gilt, auf alles gefasst zu sein und alles zu akzeptieren. Prägnante Songs, reich an unterschiedlichen Motiven und geprägt von melodischem Einfallsreichtum und freiem Ausdruck. In Schichten arrangierte Stücke, die fragile Empfindlichkeit und rohe Energie ineinander blenden. Manchmal steigen sie auf gewundenen Pfaden steil empor, wachsen in den Refrains in ihrer Intensität – so das Stück „Nuria”, das die Alzheimer-Krankheit von Foés katalanischem Urgroßvater thematisiert, oder auch der Song „Coma Idyllique”.

Ein üppiges Arsenal an Klangmaterial mischt sich mit vielfältigen und zwingenden Melodien. Im Mittelpunkt dieses leidenschaftlichen Werks steht Foés Auseinandersetzung mit dem Thema der enttäuschten Liebe, bei der er sich mal verständnisvoll („Alors Lise”), mal bissig (“Fais-Ie”), mal wütend (“Qu’est ce que t’as la”) zeigt. In “Mommy” singt er über seine Großmutter, die dem Tod ins Auge sieht, in “La Machine” erschafft er eine existenzielle Metapher, subtil und doch wirkungsmächtig. In “Le mal” bearbeitet er im unbefangenen Stil eines Stromae auf der Grundlage eines Latin-Rhythmus das ernste Thema achtloser Intimität mit fatalen Folgen, während im martialisch und unversöhnlich wirkenden “Running” die Eindrücke einer Doku über die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs thematisiert werden.

Kühnheit, Ehrgeiz und Hörgenuss stellen auf diesem Album keinen Widerspruch dar. Es gibt keine Grenzen. Nur einen Pfad in Richtung des Ortes, zu dem dich dein Herz führt. Und das ist ein ziemlich langer Weg.

Tracks
Alors Lise
Coma idyllique
Fais-le
Nuria
Running
Mommy
La Machine
Qu´est-ce que t´as là?
Le mâle a dit
Bouquet de pleurs

Foé “ÎL”
Embassy of Music

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