GALORE 23 im Handel

galoreLiebe Leserinnen, liebe Leser,

„Ich kann gar nicht verstehen, warum das Wort in der Welt nicht weiter verbreitet ist“, wundert sich der dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen. Gemeint ist der Begriff „Hygge“, für dessen wörtliche Übersetzung ins Deutsche schlichtweg das Wort fehlt. „Hygge“ bezeichnet in etwa die Glücksphilosophie der Dänen und ist vermutlich auch der Grund für deren ständiges Erreichen von Spitzenplätzen, wenn für den sogenannten „World Happiness Report“ mal wieder die Zufriedenheit von Menschen in aller Welt analysiert wird. Verbreitet ist die Übersetzung mit „Gemütlichkeit“ oder „Geborgenheit“. Man soll es sich nett machen, Wohlbefinden verbreiten. Es geht um einen Ausgleich zu einem stressigen Arbeitstag und die Flucht aus dem Hamsterrad, in dem sich viele von uns Tag für Tag befinden. Wie umschreibt es Adler-Olsen so schön? „Stress und Hygge – das passt nicht zusammen. Hygge bedeutet: Dies ist mein Raum und der ist schön.“

Auch wenn der Begriff an sich noch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch verankert ist – das Streben nach diesem Zustand ist bedeutsamer denn je. Es wird befriedigt durch ein kommerzielles Lifestyle-Angebot, das von Wohnaccessoires, Urlaubsideen, Geschenkund Wellnesstrends alles Mögliche hervorbringt, damit die Menschen ihr dringendes Bedürfnis nach „Hygge“ stillen können. Gerade in Zeiten, die von Terror und Furcht, von Hektik und Stress geprägt sind, wollen immer mehr Menschen das „Hygge“-Gefühl verspüren. Das Verlangen danach scheint so groß zu sein, dass die Frage erlaubt ist, ob durch das rastlose Streben nach „Hygge“ nicht absurderweise genau der Druck verstärkt wird, dem man sich ja eigentlich entziehen möchte – schließlich kann sich nicht jeder in ein schickes Ferienhaus am Meer mit Reetdach und Kamin zurückziehen, das mit seinem warmen Designer-Ambiente die Zeit vergessen lässt. Die gute Nachricht ist: Wer glaubt, dass das „Hygge“-Gefühl nicht zuletzt mit wirtschaftlichem Wohlstand korrespondiert, befindet sich laut Adler-Olsen auf dem Holzweg. Der Däne ist sich vielmehr sicher, dass Glück eben keinen finanziellen Reichtum braucht.

Das Gute an „Hygge“ und der „Unübersetzbarkeit“ des Begriffs ist zudem: Es kann für jeden alles sein. Auch einige unserer Gesprächspartner der vorliegenden Ausgabe haben eine Vorstellung davon. So erfreut sich Sängerin Beth Ditto beispielsweise an einer „riesigen Schale Erdbeeren im Winter“, während Schauspieler Joachim Król der Besuch im Stadion seiner Dortmunder Borussia ein heimeliges Gefühl vermittelt. Jazztrompeter Nils Landgren ist sicher, dass sich schlechte Stimmung ganz schnell mit Musik vertreiben lässt und auch Sänger Paul Weller spielt lieber einen „ruhigen Folksong“, als kräftezehrende Wut auf der Gitarre auszuleben. DJ Bobo findet Erfüllung, wenn er Zeit mit seinen Kindern verbringt und der Meeresbiologe Uli Kunz vergisst jeden Stress, wenn er in die Tiefen des Meeres abtaucht. Konstantin Wecker macht es sich am liebsten unter seinem Maulbeerbaum in der Toscana „hyggelig“ und Rockpalast-Erfinder Peter Rüchel fühlt sich sehr wohl dabei, mit seiner bald 40-jährigen WDR-Sendung der indirekte Initiator einer Vielzahl an Wohnzimmer- Partys mit Freunden gewesen zu sein. Wie wichtig es für das eigene Seelenwohl ist – und das mag eine besonders wichtige Definition von „Hygge“ sein – anderen Menschen zu helfen, wissen auch die Initiatoren der „Praxis ohne Grenzen“, die wir dieses Mal im Rahmen unserer Initiative „Lesen hilft Menschen“ portraitieren. Dr. Uwe Denker und sein Team versorgen Menschen, die sich eine Krankenversicherung nicht mehr leisten können – wie wertvoll dieses Amt nicht nur für die ist, denen geholfen wird, veranschaulicht unsere Reportage.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre und hoffen, Ihnen mit dieser Ausgabe entgegen all der modernen Schnelllebigkeit ein wenig „Hygge“ bereiten zu können.

Herzliche Grüße aus der Redaktion!
Hannah Heubel

Weitere Interviews: Renate Künast, Armin Maiwald, DJ Bobo, Nora Bossong

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