Hannes Wader „Sing“

hanneswader„Singen ist nicht nur ein Teil meines Lebens, sondern mein Leben selbst“. Aus diesem Statement Hannes Waders erklärt sich der Titel seines neuen Albums, das er ganz schnörkellos „Sing“ genannt hat. Als freundlich gemeinten Imperativ ohne Ausrufezeichen, aber durchaus auch als Selbstaufforderung verstanden, nicht aufzuhören mit der musikalischen Artikulation von Gedanken, Überzeugungen und Empfindungen. „Singen macht dich stark, Singen besiegt die Angst“, heißt es im Titelstück. Und geht es ihm mal schlecht, „dann singe ich erst recht“.

In einem halben Jahrhundert hat Hannes Wader alles gesungen, was seinem Lebensgefühl und dem seines Publikums Ausdruck verlieh: Arbeiter- und Liebeslieder, Kampf- und Trinklieder, fremdsprachige und Mundartlieder, Shanties und Schubert-Lieder, Lieder aus Herz, Hirn und Seele. Fast drei Dutzend Alben hat der Liedermacher seit seinem Debüt vor 45 Jahren aufgenommen. Jedes einzelne davon ist auf seine Art ein Meilenstein unkonventioneller Volksmusik, der Wader mit viel Blues im Blut und politisch hellwachen Texten immer die patriotische Schlagseite nahm.

Das neue Album „Sing“ ist musikalisch aufwändig produziert, dabei aber gradlinig, stilsicher und geschmackvoll. Mit abwechslungsreicher Instrumentierung von Country-Folk über karibische Klänge bis hin zu irischer Pub-Atmosphäre. Mit Steel-Guitar, Klaviertupfen und treibendem Schlagzeug. Im Mittelpunkt der zehn Lieder, ausnahmslos von Hannes Wader selbst geschrieben, steht aber immer die Sprache, seine Erfahrungen, die er mit anderen teilen möchte.

In „So wie der“ erzählt er zum Auftakt des Albums von einem hageren Straßenmusiker, der ihn an die eigene Jugend erinnert, als ihm „Bullen vorm Springer-Hochhaus ’68 in Berlin die Zähne ausschlugen“. „Arier“ stellt eindringlich dar, wie hinter manchem deutschen Fachwerkidyll Abgründe faschistischer und patriarchaler Gewalt verborgen sind, und wie diese immer wieder neue Gewalt hervorbringen. Und zur Freude seiner langjährigen Fans greift Wader in dem Song „Wo ich herkomme“ wie einst beim legendären Lied vom „Tankerkönig“ auf den Talking Blues zurück, wenn er sarkastisch, wütend und bisweilen fast abgeklärt davon berichtet, wie sich das Niemals-Ankommen durch sein Leben zieht und er seinen Standpunkt dennoch findet und beibehält.

Hier und da mischt sich auch Nostalgisches ins Unbehagen über die Verhältnisse, dann singt Wader ganz schlicht von alter Liebe, von den Orten seiner Kindheit, von verlorenen Illusionen und von Begegnungen, die ihn bis heute als „Schattengestalten, Gesichter und Stimmen“ begleiten. Das unwiderruflich Vergangene wird in Waders Liedern lebendig und gegenwärtig, der bedenkenlose Lebenshunger der Jugend, schmerzhafte Verluste, aber auch Dankbarkeit für ein gelebtes Leben finden musikalisch und sprachlich berührenden Ausdruck.

Knapp drei Jahre nach seinem letzten Erfolgsalbum „Nah dran“, präsentiert sich Wader, der erst kürzlich mit dem ECHO für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, in seinen Liedern unverändert mit Kraft, Haltung und Humor. Und gleich ob Melancholie oder Ideologie, Hannes Wader ist in seinem neuen Album ganz bei sich. Kein Wunder, er darf und kann ja – singen!

Tracks
1. So wie der 5:15
2. Wo ich herkomme 8:12
3. Für dich 5:32
4. Folksinger’s Rest 7:22
5. Morgens am Strand 4:29
6. Alles nur Schein 6:29
7. Bei dir 5:53
8. Das kleine Gartentor 9:00
9. Lissi aus Giengen an der Brenz 3:27
10. Sing 5:41

Hannes Wader „Sing“
Mercury

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