Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren

imiranDie britische Weltreisende Lois Pryce ist in ihrer Heimatstadt London auf dem Weg zurück von einer Verabredung, als sie an ihrem Motorrad ein Stück Papier findet: „Ich habe Ihr Motorrad gesehen und denke, Sie haben bestimmt schon viele Länder bereist. Aber ich frage mich, waren Sie auch schon in meinem Land, im Iran? Der Iran ist ein herrliches Land, und die Perser sind die gastfreundlichsten Menschen der Welt… Ich wünsche mir, dass Sie den Iran besuchen, um selbst zu sehen, wie es in meinem Land ist. WIR SIND KEINE TERRORISTEN!!! Bitte kommen Sie in meine Stadt, Schiraz. Sie gilt überall als die freundlichste Stadt Irans, sie ist die Stadt der Dichtkunst und des Weins!!!“ Ihr persischer Freund Habib

Von da an, ist es um Lois geschehen. Immer wieder denkt sie an diese seltsame Einladung eines unbekannten Menschen: Wenn sie Nachrichten hört, Berichte über Folter und Hinrichtungen in der Islamischen Republik verfolgt, sich aber auch von einer Geschichte faszinieren lässt, die wenig zu tun hat mit religiösem Fundamentalismus, Ayatollah Khomeini, dem Sturz des Schahs, der berüchtigten Moralpolizei oder der „Marionette“ Staatspräsident Hassan Rohani. Sie hört von Künstlern, Filmemachern, Schriftstellern und Anwälten, die ihr Leben riskieren, gegen das Regime aufbegehren und sie beschließt, die „Operation Habib“ zu wagen, sich auf ihr Motorrad zu schwingen, sich ein eigenes Bild zu machen.

Nicht, dass die Genehmigung eines Visums einfach ist, geschweige denn, dass der Iran Frauen erlaubt, allein, mit dem Motorrad, durchs Land zu tingeln. Trotzdem: 2013 bricht Lois auf, fährt – in Kopftuch und Ganzkörperverhüllung – auf ihrem Bike quer durch die Türkei, steigt in Ankara in den Transasia-Express und nach gut tausend Kilometern, im Iran, in der Grenzstadt Täbriz, wieder aus. Von dort erkundet sie das Ufer des Kaspischen Meeres, fährt mit ihrem Motorrad durch die Wüste, über das Elburs- und Zagrosgebirge nach Teheran, dann nach Süden, nach Yazd, Isfahan und schließlich – nach Schiraz.

Eine Reise von mehreren Tausend Kilometern. Und Lois macht eine erstaunliche Entdeckung: Obwohl die, denen sie begegnet, geprägt sind von den brutalen Restriktionen eines diktatorischen Systems, liebste Menschen immer wieder verschwinden oder nie wieder auftauchen, sind die Iraner unendlich lebensfroh, umschiffen mit großer Kreativität die Zwänge des Regimes: Alles ist möglich, lernt Lois. Man muss nur wissen wie und – über wen! Filme, Alkohol, Party, Sex, Drogen, Internet, Miniröcke, Schmuck und rot lackierte Fußnägel? Kein Problem! Die Menschen leben in parallelen Welten, einer öffentlichen, maximal restriktiven und einer privaten, freien – dem Gegenüber nahen, diskursiven.

Das überrascht die Reisende vor allem: die Zuneigung, menschliche Nähe und Offenheit die ihr zuteil wird, die große Gastfreundschaft, die sie fasziniert und eine Liebe in ihr weckt. Sie denkt an Hossein, den Softwareentwickler, der sie zusammen mit seiner Frau mitten in der Nacht einlädt, bei ihm zu übernachten und der aus Kanada in den Iran zurückgekehrt ist. Trotz allem. Weil es kalt ist in Kanada, nicht nur was das Wetter angeht. Und allmählich beginnt Lois Pryce zu verstehen: „Ich war vorbereitet gewesen auf wütende Islamisten, die mich verachten würden (oder Schlimmeres), weil ich Britin/aus dem Westen/eine Ungläubige/eine Frau war – je nachdem. Stattdessen aber wurde ich von einer Woge der Menschlichkeit überrollt, die ich in dieser Form nirgends auf der Welt erlebt habe.“

Das Land ist kompliziert, widersprüchlich, es ist „religiös und doch hedonistisch, praktisch und doch poetisch, modern und doch traditionsbewusst…“ Und es gibt mehr Ähnlichkeiten zwischen dem Iran und Großbritannien, als Lois Pryce vermutet: Beide Länder waren mächtige Königreiche mit ausgeprägtem Nationalstolz, die eine sehr ähnliche Inselmentalität entwickelt haben, „eine perverse Lust an der Eigenbrötlerei“. Wie die Briten lieben die Iraner das Bergsteigen, Picknicken, haben seltsame Höflichkeitsrituale und tun nichts ohne eine Tasse Tee. Eines steht für Lois Pryce am Ende ihrer Reise in jedem Falle fest: „Der Iran hatte mich auf eine essenzielle Weise verändert. Das Land hatte Hirn, Herz und Seele bei mir neu ausgerichtet, und das ist sicherlich das beste Resultat eines Abenteuers.“

Autorin
Lois Pryce
ist Music-Nerd, spielt Banjo in der Bluegrass Band The Jolenes, machte als Product-Manager bei BBC Music Karriere, kündigte 2003 um zuerst von Alaska nach Argentinien und seither mit dem Motorrad durch die Welt zu reisen. In den letzten zehn Jahren ist Lois Pryce mit ihrer Yamaha TTR250 von Nord- bis Südamerika getourt, hat Afrika durchquert, ist von London durch die muslimischen Länder Nordafrikas bis nach Kapstadt gefahren. 2013/14 fuhr Lois Pryce zweimal (je einen Monat) durch den Iran. Während und zwischen ihren Reisen arbeitet sie als Reisekorrespondentin für die BBC, für The Telegraph, The Guardian, die New York Times, The Independent und CNN, ist Mitherausgeberin des US-Reisemagazins Overland Journal und Reise/Adventure-Redakteurin für das BIKE Magazine. Nach ihren ersten Büchern Lois on the Loose (Octane Press, 2012) und Red Tape & White Knuckles (Octane Press, 2013) erschien im Januar 2017 ihr Buch Revolutionary Ride (UK and USA by Nicholas Brealey/Hachette), das jetzt unter dem Titel Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren auf Deutsch erscheint.

Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren
Autorin: Lois Pryce
320 Seiten, Broschur
DuMont Reiseverlag
Euro 16,99 (D)
Euro 18,50 (A)
sFr 21,90 (CH)
ISBN 978-3-7701-66817

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