Iyeoka „Gold“

IyeokaNachdem Iyeoka im letzten Frühjahr von Amerika aus zu einer kleinen Städtetournee nach Europa aufgebrochen war, machte sie im Mai unter anderem in München und Frankfurt/Main Station. Neben der fesselnden Musik flashte sie die deutschen Konzertbesucher damals mit ihrer starken Persönlichkeit und Bühnenausstrahlung. Obwohl im siebten Monat schwanger, kannte sie kein Schonprogramm. Engagiert bis in die Enden ihrer hüftlangen Zöpfe verbreitete die Sängerin und Dichterin in den Auftritten eine inspirierende humanistische Botschaft. Mit hingebungsvoll vorgetragenen Liedtexten über Liebe, Frieden und Hoffnung, über Rassismus, Afrikas mangelndes Selbstbewusstsein, das Frausein im 21. Jahrhundert sowie unsere an Zivilisationskrankheiten leidende Gegenwart, zog sie das Publikum unwiderstehlich in ihren Bann. Was für eine Live-Präsenz!

Derselben Leidenschaft begegnen wir jetzt auf Iyeokas viertem Soloalbum. Die Amerikanerin mit nigerianischen Familienwurzeln, deren zweites Kind inzwischen zur Welt gekommen ist, kämpft hier einmal mehr integer und somit glaubhaft für ihre Ideale. So singt sie etwa gleich im Reggae-Opener “Who Would Follow”, der auf der hawaiianischen Insel O’ahu mit der dort ansässigen Künstlerin Paula Fuga entstand, von Nächstenliebe und der helfenden Hand, die wir alle im Leben hin und wieder mal brauchen. In “Sweet Song” rezitiert Iyeoka zu sanften Balladenklängen ein preisgekröntes Gedicht über Minderwertigkeitskomplexe dunkelhäutiger Menschen; am Beispiel der eigenen, von Zweifeln begleiteten Kindheit macht sie sich hier dafür stark, sich vom andersfarbigen, zumeist “weißen” Umfeld nicht kleinreden zu lassen. Betont streitbar tritt die Aktivistin auch im Afrobeat-Titel “Akomen of Udomi” auf, den sie den 2014 von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram verschleppten Schülerinnen widmet; angesichts der eigenen Verbundenheit mit Nigeria war es Iyeoka ein Herzensanliegen, sich für die Mädchen, die Angehörigen der Vermissten und deren Befreiungsbewegung “Bring Back Our Girls” einzusetzen. (Außerhalb der Musik zeigt sich ihr Engagement unter anderem in der Mitarbeit an der von ihrer Familie gegründeten Amenawon- Stiftung. Als deren Sprecherin unterstützt Iyeoka beispielsweise das mit Stiftungsgeldern finanzierte Bildungsprojekt “Lyrics for Literacy”, das Bücher und Musikinstrumente in arme ländliche Gegenden Nigerias bringt.)

Die religiöse Seite der Künstlerin lernen wir in einer tanzanregenden Coverversion des über einhundert Jahre alten Negro Spirituals “Sinnerman” kennen. Berühmt gemacht hatte das Lied einstmals Nina Simone. Die kannte es von ihrer Mutter, einer Methodistenpredigerin, die gottesfürchtige Schäfchen damit zur Umkehr, d.h. zu einem sündenfreien Lebenswandel aufrief. Viele Jahre lang beendete Simone mit dem Kirchenlied ihre eigenen Konzerte, 1965 nahm sie es in einer zehnminütigen Fassung fürs Album “Pastel Blues” auf. Bei Iyeoka nun wird “Sinnerman” zur erbaulichen Tanzhymne, zum rhythmisch pulsierenden Denkanstoß über die eigenen Schwächen und Charakterfehler.

Trotz allen Sinnierens über eigene Versäumnisse und Ungerechtigkeiten in der Welt vergisst die 41- jährige auch die Freude am Leben nicht. In gut der Hälfte der vorliegenden Stücke geht’s um Fun, Fun, Fun. Und sonst nichts. Die ausgelassene Abtanznummer “Kola Nut” lädt mit ihren Karibikklängen ebenso zum Spaßhaben ein wie der bläserverstärkte Gute-Laune-Reggae “Pot of Gold”. Im Tagtraum des Dancefunk-Titels “Milk & Honey” entführt uns die Sängerin ins Land, wo Milch und Honig fließen. Und in “Black Coffee” schließlich singt sie zum zeitgemäßen Afrobeat von der belebenden Wirkung, die schwarzer Kaffee auf sie hat – wobei man das Heißgetränk durchaus als Metapher für einen “heißen” Mann und dessen Sexreize verstehen darf …

Iyeoka Ivie Okoawo erblickte als Tochter von Nigerianern, die ursprünglich vom Volk der Edo stammen und beide an der Universität von Boston ihren Doktor machten, in den USA das Licht der Welt. Nach dem Schulabschluss studierte sie Pharmazie an der Northeastern University und arbeitete anschließend rund zehn Jahre lang als Apothekerin. Nebenher verfolgte sie auch damals schon künstlerische Interessen, doch erst um 2003 herum wurde daraus mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Zu jener Zeit fragte sich Iyeoka, ob sie wirklich ihr ganzes Leben lang als Apothekerin hinter der Ladentheke stehen möchte, und schon bald hatte ihre bis dahin nicht wirklich gestillte Leidenschaft für Poesie die unüberhörbare Antwort gegeben. Für die gottesgläubige Künstlerin ist das Verfassen wortgewaltiger Verse seither eine beinahe religiöse Erfahrung, es fühlt sich so an, “als ob mir jemand da oben beim Schreiben helfen würde” (O-Ton). Um diese Erfahrung zu intensivieren, gab sie die Pharmazie vollständig auf, besuchte als Spoken Word Artist fortan regelmäßig Poetry Slams.

Stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, eroberte Iyeoka in den letzten Jahren auch noch alle möglichen Formen der Klangkunst für sich. Zunächst gründete sie die Band The Rock By Funk Tribe, die es ihr erlaubte, mal gesprochene, mal gesungene Gedichte mit Elementen aus Jazz, Funk, Blues und Gospel zu verweben. 2004 gab sie ihr Solodebüt “Black And Blues” heraus, vier Jahre später folgte “Hum The Bass Line”. 2009 beschloss Iyeoka, ihren Stil von “poem songs” mehr in Richtung traditionelles, melodiebetontes Songwriting zu verlagern. Mithilfe von Produzent David Franz veröffentlichte sie die EPs “This Time Around” und “Run Into The Rain” als erste Testballons, auf “Say Yes” stand das neue Format dann in voller Blüte und bescherte ihr in Amerika den Durchbruch im großen Stil. Der ausgekoppelte “Yellow Brick Road Song” kam in einer Episode der HBO-Fernsehserie “How To Make It In America” zum Einsatz, 2011 wurde er gar als Kennmusik der auch bei uns erfolgreichen Serie “Fairly Legal” ausgewählt. Gleichzeitig entwickelte sich das offizielle Video zu “Simply Falling” zum Klick-Phänomen auf YouTube, mittlerweile hat es die Marke von sagenhaften 37 Millionen Views überschritten!

Tracks
1 Who Would Follow
2 Thunder
3 Milk and Honey
4 Black Coffee
5 Kola Nut
6 Gold
7 Every Second Every Hour
8 Don’t Wanna Make War
9 Akomen Of Udomi
10 Sinnerman
11 Sweet Song
12 Wait For It
13 Hurricane

Iyeoka „Gold“

Underground Sun

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