Jochen Distelmeyer „Coming Home“

jochenDass Jochen Distelmeyer unter dem leiden würde, was der Literaturkritiker Harold Bloom einmal „Einflussangst“ genannt hat, kann man nun wirklich nicht behaupten. Schließlich hat Distelmeyer seit seinen Anfängen mit Blumfeld immer schon alles in sich aufgenommen, was um ihn herum passiert und sich davon inspirieren lassen. Zuletzt zeigte er auf dem Album „Songs From The Bottom Vol. 1“ wie spielerisch er sich fremdes Material anzueignen weiß.

Mit seiner Zusammenstellung für die Reihe „Coming Home“ gewährt er nun Einblick in die „Welt am Draht“ eines enthusiastischen und hyperaufmerksamen Musikhörers. Das Ergebnis: Eine Art Entdeckungsreise. auf der Country, Hip Hop, Gitarrenpop, Trap, House und Noiserock zu einer fluiden Erzählung zusammengebunden werden. in der Unbewusstes und Ungewusstes zum Vorschein gebracht wird. Distelmeyer folgt damit seinem musikalischen Credo, das er in einem fulminanten Artikel über Joni Mitchell wie folgt beschrieben hat: für ihn besteht die „vornehmste Aufgabe der Musik“ darin, „uns fühlen zu lassen“ und so daran zu erinnern, „wer wir sind, was wir brauchen und wirklich wollen“. In diesem Appell für emotionale Mündigkeit sieht er, nicht erst seit den globalen Umwälzungen unserer Zeit und eines sich steigernden medialen Stimmengewirrs aus Mobbing, Fake News, Hate Speech und Sündenbockmentalität (und nicht zuletzt unverhohlener physischer Aggression auf den Straßen) auch eine politische Aufgabe der Musik.

Kein Wunder also. dass er mit dem Eröffnungsstück der Gruppe SYPH nicht nur der ersten deutschen Punk/New Wave-Generation seine Reminiszenz erweist. sondern seiner Zusammenstellung als erstes Harry Rags Zeile „Ich höre Musik“ voranstellt, Es folgt, als Würdigung einer der zentralen Outlaw-Figuren des New Country, Chris Gantrys „Allegheny“ und in einem rasanten Schwenk auf den US-HipHop der 90er das furiose „Devils Son“ des New Yorker Rapgenies und frühen Horrorcore-Pioniers Big L., bevor wir mit Soft Moon und den Deftones für Distelmeyer scheinbar untypisches Terrain betreten. Der vordergründig mackerhafte Nu Metal-Sound von „Minerva“ mag überraschen, erinnert ober mit seinen hörbaren The Smiths – und My Bloody Valentine-Anklängen bald an Gitarrenverläufe der frühen Blumfeld zu Zeiten von „L’Etat Et Moi“.

Ob klangästhetisch oder textlich: Auf Distelmeyers „Coming Home“ scheint es immer auch darum zu gehen, unterschwellige oder geheime Korrespondenzen zwischen Songs und Stilen freizulegen.

Tracks
1 S.Y.P.H.: Nur ein Tropfen
2 Chris Gantry: Allegheny
3 Big L: Devil’s Son (Dirty Version)
4 Soft Moon: Burn
5 Deftones: Minerva
6 Max Müller: Wo lebst Du heut
7 Missy Elliott: I’m Better (feat. Lamb)
8 Andreas Dorau: Abteistraße
9 Pharrell Williams: Gust of Wind
10 Chastity Belt: Different Now
11 Doc Schoko: Hirnfriedhof
12 Blaze Foley: Oval Room
13 Young Thug: Hercules
14 Justus Köhncke: Tell Me
15 Kris Kristofferson: To Beat The Devil (Album Version)
16 Jochen Distelmeyer: Regen (Daniel Florey Remix)
17 Doris Day with Paul Weston & His Music From Hollywood: Dream a Little Dream of Me

Jochen Distelmeyer „Coming Home“
Stereo Deluxe

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