Johannes Haage/Drift “Darwin’s Blues”

haageDarwin´s Blues ist das zweite Album des Berliner Trios um den Gitarristen Johannes Haage. Nachdem Veranstalter die Band immer wieder wie seine Debüt-Platte („DRIFT“, 2016) ankündigten hat sie seit einiger Zeit offiziell den Namen JOHANNES HAAGE DRIFT angenommen.

Präsentiert werden neue Kompositionen des Gitarristen Johannes Haage und des Schlagzeugers Joe Smith, die in vielfacher Hinsicht eine Weiterentwicklung des Vorgängers darstellen. Sie sind vielschichtiger, abwechslungsreicher, anspruchsvoller geworden, erweitern das bisher rein akustische Klangkonzept durch Elemente wie Overdubs, Loops und elektronische Modifikation, und eröffnen neue Wege im konzertanten Umgang mit dem Material.

Dazu sind auf Darwin´s Blues beide Bassisten zu hören, die derzeit aktiv involviert sind: Sowohl Gründungsmitglied Matthias Pichler (Wolfgang Muthspiel Trio, Marc Copland etc.) als auch Oliver Potratz (Klima Kalima, Helen Schneider, etc.).

Es geht weiterhin um die stets neue, gemeinsame Entwicklung des teils sparsam instrumentierten Materials im spontan-improvisatorischen Raum, wobei die Musik von karg zu verdichtet, von Song-Strukturen zu freierer Improvisation driftet, dabei jedoch immer der Melodie des jeweiligen Stücks und der Einzigartigkeit des Moments treu bleibt. Die drei Musiker sind zu jeder Zeit gleichberechtigte improvisatorische Akteuere, die die Musik gemeinsam entstehen lassen, ohne dabei ihre individuellen technischen Fähigkeiten in den Vordergrund spielen zu müssen.

„Bei meinen neuen Stücken habe ich mit komplexeren, rhythmischeren Strukturen gearbeitet als bei DRIFT. Bei jeder Komposition habe ich versucht, von einer anderen, sehr eingegrenzten, klaren Idee auszugehen, ob rhythmisch, harmonisch, melodisch oder formal, um diese dann zu entwickeln und von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Mich faszinieren klare Formen und Reduktion, die Konzentration auf eine Auswahl weniger Elemente oder Parameter. Noch mehr aber interessiert mich der gemeinsame improvisatorische, spielerische Prozess mit dem Material im Trio, und das, was meine Mitmusiker aus meinem kompositorischen Angebot machen. Wir haben so viel miteinander gespielt, daß wir das gegenseitiges Vertrauen entwickelt haben jedes Stück gemeinsam spontan neu zu interpretieren und uns überraschen zu lassen. In diesem Falle habe ich speziell für diese Besetzung, mit diesen Musikern im Ohr geschrieben.“

„Darwin´s Blues“ hat seinen Namen erst relativ spät erhalten, nach einem langen Entwicklungs- bzw. Evolutionsprozess in der Probenarbeit. Es ist das einzige Stück auf der Platte welches in einem klassischen Swing feel gehalten ist, und auf das ich im Nachhinein durchgehend eine zweite, begleitende Gitarrenspur aufgenommen habe – auch wenn man die vielleicht nicht sofort wahrnimmt. Auch das lange Intro mit seinen zunächst undefinierten, wabernden Texturen und sein wiederkehrendes Thema im Outro sind erst nach den Trio-Aufnahmesessions entstanden, und repräsentieren in gewisser Weise das evolutionäre Anfangsstadium, die Ursuppe, aus dem sich das organische Leben im Laufe des Hauptteils des Stücks mit seinen Zyklen und Modulationen entwickelt, um am Ende wieder in diese zurückzukehren.“

„Tectonic“ und „Friday“ sind fast zeitgleich entstanden, und gehen auf der LP auch direkt ineinander über, verbunden durch eine improvisatorische Überleitung von Joe Smith. Das erste der beiden Stücke hat seinen Namen wegen des Themas, das sich in den A-Teilen über den 5/4-Vamp immer um eine Achtelnote verschiebt, wie tektonische Platten… das zweite ist inspiriert von dem viel zu seltenen Gefühl, an einem freien Tag nach einer stress- oder arbeitsreichen Zeit unerwartet Ruhe und Zeit zu haben, ohne Anschlusstermin – eine Ballade, deren Melodie im Prinzip nur aus einer einzigen Phrase besteht.

„Piombino“ ist eine kleiner Ort in der Toskana, in dessen Nähe ich vor etwa 10 Jahren das Fallschirmspringen gelernt habe – ein unvergessliches Erlebnis des Lernens im freien Fall und eine intensive Zeit mit einer Horde wilder italienischer „paracadutista“. Der Aufbau der Komposition zeichnet frei assoziiert dieses verwandelnde Erlebnis nach, indem es die rhythmische Phrase des 5/4-Intros im Outro in 7/4 wieder erscheinen lässt .”

Die Stücke von Haage und Smith ergänzen sich auf Darwin´s Blues auf so interessante Weise, weil sie in Aufbau und Entstehung meist sehr unterschiedlich sind – während Haage´s Stücke hier, je nach Fokus harmonisch, melodisch oder rhythmische sehr strukturiert, fast architektonisch wirken, pflegt Joe Smith einen anderen kompositorischen Prozess: „Joe hat einen ganz eigenen Stil zu komponieren, seine Stücke haben eine fast mysteriöse Qualität. Alles entsteht aus der Melodie und wird von ihr geführt- man darf sie nie aus dem Ohr verlieren, wenn man seine Stücke spielt. Für die Aufnahme von „Love in the Crazy“ haben wir uns entschieden, alle unsere Instrumente mit dem Bogen zu spielen- Joe wechselt zwar später zu Sticks, aber Oli und ich spielen den ganzen Take über mit Geigen- bzw. Kontrabass-Bogen.”

Tracks
Darwin´s Blues
Love Strangers
Free Range
The News (Vinyl Only)
Love in the Crazy*
Til Stranden*
Love in the Crazy (Reprise)*
Tectonic
Friday
Piombino
Spreenhagen

Johannes Haage/Drift “Darwin’s Blues”
Shoebill Music

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