Joshua Redman “Still Dreaming”

stillNostalgie ist nicht unbedingt das, was der Jazz braucht. Wenn sich der Blick in die Vergangenheit allerdings mit dem Bedürfnis verknüpft, ihr durch Persönlichkeit Gegenwart abzutrotzen, ist das etwas anderes. Dann wird aus der Erinnerung ein Projekt wie „Still Dreaming“, das Vater und Sohn, Vorbild und Wirkung, Idee und Perspektive verbindet. Denn für das Album stand ein Quartett Pate, das 1977 mit dem Album „Old And New Dreams“ den Aufbruchsgeist der frühen Sechziger mit dem Formbedürfnis der Siebziger verband. Der Tenorsaxofonist Dewey Redman hatte sich damals mit dem Trompeter Don Cherry, dem Bassisten Charlie Haden und dem Schlagzeuger Ed Blackwell zusammengetan und im Geiste Ornette Colemans mit dem Konzept konstruktiver musikalischer Freiheit experimentiert. Es waren kompakte, präsente Aufnahmen, berstend vor Energie, die mit einer Prise Humor den Blick von der überhitzen Offenheit der Free Ära auf deren durchaus wieder motivisch arbeitendes Erbe richteten.

Joshua Redman war schon als junger Saxofonist von dem Album seines Vaters beeindruckt. Der Zeitung Boston Globe erzählte er enthusiastisch: „Die Musiker waren in der Lage, gleichzeitig sehr frei, abstrakt und kantig zu spielen. Auf der anderen Seite hörte man aber auch eine Folk-Qualität, ganz gleich, ob es sich nun um Beziehungen zum Blues, zu afrikanischer Musik oder sehr kraftvollen, einfachen Melodien handelte. Ihre Musik hatte Verwundbarkeit und ergreifende Poesie. Diese Balance war etwas sehr Spezielles. Es ist jetzt nicht unsere Aufgabe, in die Vergangenheit zurückzugehen und ein wenig vom Goldenen Zeitalter zu erhaschen. Ich hoffe vielmehr, dass diese Band eine Menge eigene Zukunft vor sich hat.“ Damit das Verhältnis von damals, heute und morgen auch tatsächlich eine Chance bekommt, wählte Joshua Redman seine Mitstreiter sehr bewusst aus. „Ich hatte eine klare Vorstellung davon, dass diese Band aus Ron Miles, Scott Colley, Brian Blade und mir bestehen müsste. Jeder von uns hat eine besondere Beziehung zu dem jeweils korrespondierenden Musiker auf ‚Old And New Dreams‘. Blade ist wie Blackwell aus Louisiana, Colley war ein Student von Charlie Haden und Miles war lange von Don Cherrys Spielweise beeinflusst“.

Für Joshua Redman wiederum war sein Vater Dewey ein prägender musikalischer Einfluss. Geboren 1969 in Kalifornien und zunächst ausgebildet an der Harvard University, zog es den Newcomer 1991 nach New York, wo er sich mit immenser Geschwindigkeit als prägende neue Kraft des Tenor- und Sopransaxofons etablierte. Zum einen traf man ihn bald im Umfeld von Charlie Haden, Elvin Jones oder Jack DeJohnette, auf der anderen Seite hörte man ihn in Bands anderer Senkrechtstarter seiner Generation wie Brad Mehldau oder Roy Hargrove. Immer wieder kreuzten sich nun auch die Wege mit denen seines Vaters, etwa auf dem Album „Choices“ (1992), auch wenn sich Joshua Redman eher in der Tradition von Sonny Rollins oder Wayne Shorter sah. Ungemein produktiv und umtriebig war er im Anschluss an sein selbstbetiteltes Debüt-Album 1993 mal Teil, mal Initiator von zahlreichen Projekten wie verschiedenen Trios und Quartetten, dem SF Jazz Collective und sogar rockmusikalischer Gastspiele wie etwa bei Umphrey’s McGee oder den Louisiana Gator Boys.

Mitte des vergangenen Jahrzehnts unterschrieb Joshua Redman seinen Vertrag bei Nonesuch, startete die Zusammenarbeit mit dem Grammy-nominierten Album „Momentum“ (2005) und hält sich seitdem mit großartigen Aufnahmen wie unlängst dem Duo mit Brad Mehldau „Nearness“ (2016) im Gespräch. „Still Dreaming“ hat daher viel Potential, sich zu einem zentralen Impuls sowohl in Redmans Discographie wie auch im laufenden Jazzjahr zu entwickeln. Denn es treffen viele Voraussetzungen zusammen. Da ist ein herausragendes Quartett, das vier wesentliche Musiker der gegenwärtigen Musikszene zusammenführt. Es spielt ein Programm mit acht neuen Kompositionen überwiegend aus Redmans Feder, denen das Kunststück gelingt, sowohl stilistisch an eine Ära überbordender Kreativität anzuknüpfen, als auch deren Energie und Schaffenslust weiterzuführen. Der Sound des Albums klingt in sich rund, in der Balance der präsent gemischten Studioaufnahmen, wie auch im Miteinander der musikalischen Charaktere. „Still Dreaming“ ist somit eine Art Zwischenresümee aktueller Gestaltungsideen des Jazz. Denn die Spielstile von Redman, Miles, Colley und Blade bringen Offenheit und Kompetenz, Witz und Abstraktionsvermögen zusammen, auf der Basis eines Traditionsverständnisses, das die Vergangenheit nicht als Norm, sondern als Inspiration für die Zukunft versteht.

Tracks
New Year
Unanimity
Haze and Aspirations
It’s Not The Same
Blues For Charlie
Playing
Comme Il Faut
The Rest

Joshua Redman “Still Dreaming”
Nonesuch

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