Kafkas „St. Helena“

Kafkas_St Helena_AlbumCocer_500Kafkas passen in keine Sparte. Gebe es eine, dann die für intelligente und zeitlose Popmusik, angereichert mit der neuen Deutschen Welle aber ohne peinliche Altherrenrock-Attitüde. Sie sind eine Alternative zum Alternative-Genre. Oder wie drückte es der Buchautor Oliver Uschmann aus: „Wie das Tagebuch eines Aktivisten, der endlich anfängt, sich auch um sich selbst zu kümmern, seine Sache dafür aber nicht vergisst.“ (über das letzte Album „Paula“). Und über die EP „Lebenslang“ resümierte er: „Lebkuchenherz statt Nietenarmband, Melodie statt Aggression und Ausflüge in die Elektronik statt stilistischer Orthodoxie – die Kafkas machen Punk für Nerds, der Introvertiertheit in Hooklines umwandelt. Wunderbar!”

Die Band gründete sich 1995 als Punkband um das System zu stürzen, der ländlichen Idylle in Fulda zu entfliehen und sie gegen unvorhersehbare Abenteuer zu tauschen. Von Anfang an verstand man es, gegen Klischees zu verstoßen und einfach nie das zu tun, was von einem erwartet wurde. Doch es lief erstaunlich gut. Bis heute, haben sie alle angebotenen Plattenverträge abgelehnt und jede Veröffentlichung über das bandeigene Label „Domcore“ herausgebracht.

2008 wurde der Band die Szeneerwartungshaltung zu eng. Die Subversivität und das Rebellentum, mit der sie den Punk in der Bandgründung verbunden hatten, zeigte ein anderes Gesicht. Rückblickend resümiert Markus Gabi Kafke heute „Wir sind nicht angepasster als in der Anfangsphase. Eher im Gegenteil. Heute machen wir mehr denn je nur das, was wir für richtig halten. Wir möchten Rebellentum als Motor für positive Veränderung und nicht als Pflichterfüllung oder Teil eines Jugendkults.“

Die Band hat sich mit ihrem Charisma szeneübergreifend als Konstante erwiesen. Und sie haben einen Weg gewählt, der ganz bestimmt nicht der leichteste ist. Sie machen einfach ihr eigenes Ding, egal ob es im Trend liegt oder nicht. Kafkas konzentrieren sich nicht auf Nimbus, Trendcharts oder Social-Media Coolness. Und auch ohne Management, Produzent, Plattenfirma oder Veröffentlichungsleitfaden des Musikbiz wächst die Fangemeinde kontinuierlich. Sie haben in den vergangenen Jahren, mit einem nicht ganz so TÜV-erprobten Band-PKW, so ziemlich jedem Club mit einer Stromverbindung einen Besuch abgestattet. Ob Deutschland, Österreich, Ungarn, Schweiz, Luxemburg, Bulgarien oder Belgien, niemand blieb verschont. Beschwert hat sich übrigens keiner, denn selbst die kanadischen Heroen von Propahandhi wollten auf den Support von Kafkas nicht verzichten und luden sie gleich dreimal ein gemeinsam auf Tour zu gehen.

Wer aber sind Kafkas nun eigentlich? Andreas Agnes Kafka, der für gutes Aussehen sorgt und den Bass im Zaum hält. Thorsten Karin Kafka spielt zwei Gitarren und kümmert sich um die Technik. Markus Gabi Kafka ist zuständig für den Gesang und die Lyrics. Und was hat es mit den weiblichen Namen auf sich? „Als wir anfingen Musik zu machen, war es gerade sehr modern, sehr hart zu sein, dieses ‚echte Männer Ding’ war total angesagt. Davon wollten wir uns abgrenzen und da wir keine Damen in der Band hatten fanden wir, es wäre an der Zeit unseren Müttern einen späten Tribut zu zollen“, so Markus. Wie kam denn der Bandname zustande? „Ein damaliger Gitarrist meinte, dass meine Texte eine düstere Note hätten. Doch der eigentliche Grund war Franz Kafka’s „Brief an den Vater“, und seine Sicht auf die Dinge, das hat mich total beeindruckt.“ Man könnte fast glauben, dass die Fans sich das Zitat von Franz Kafka „Wer sucht, findet nicht, aber wer nicht sucht, wird gefunden“ in Bezug auf die Band zu eigen gemacht hat. Denn sie haben nicht gesucht aber gefunden und zwar Musik für Herz, Bauch und Kopf und das seit nunmehr 20 Jahren.

Ihr mittlerweile sechstes Album „St. Helena“ erscheint am 26.08.16 und steckt wieder voller musikalischer Überraschungen, die erneut die präzise Beobachtungsgabe zeigen, die Markus in seine Texte legt. Und dabei nehmen sie sowohl aktuelle wie auch persönliche Themen aufs Korn ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Darüber hinaus gibt es wie immer auf einem Album der KAFKAS nicht einen Song, hinter dem nicht alle 100%ig stehen, denn Füllmaterial braucht die Band nicht. Vor allem wollen die Jungs einen Anreiz schaffen zum diskutieren und sensibilisieren aber ohne erhobenen Zeigefinger, denn jeder soll sich seine eigene Meinung bilden.

Bei dem Song „Wo ist Marx“ geht es beispielsweise um die wesentlichen Dinge, die man aus den Augen verliert. „Wir haben auf diesem Planeten solch unfassbare Probleme, die unsere Existenz bedrohen, doch wir haben als Lieblingsthemen Autotuning, Promiboxen, Wintergrill für 3.000 Euro und Heidi Klums next Topmodel – da frage ich mich sehr oft, wann die Menschheit endlich anfängt sich zu verändern…“.

Oder die Frage nach dem schnöden Mammon in „Kein Meer“, was auch mal den Blick über den Tellerrand beinhaltet: „Mit Geld könnte man viel Positives auf diesem Planeten verändern.“

Ein weiteres Thema, was der Band nach wie vor am Herzen liegt, sind die Tiere denen sie gerne ihre Stimme leihen. Auch ihr selbst finanzierter Gnadenhof, in den ein Großteil aller Einnahmen fließt, zeigt das Engagement denjenigen zu helfen, die keine politische Lobby haben. Doch Markus stellt diesbezüglich klar: „Dabei geht es uns wirklich nicht darum, andere Menschen zu belehren oder abzustempeln. Uns geht es darum, vermeidbares Leid zu reduzieren und möglichst abzuschaffen, sowie andere Sichtweisen zu gewinnen.“ Schweinedame Elsa, wird dies bestätigen, denn so verschmust wie sie ist, war sie aktiv am Entstehungsprozess des Albums beteiligt und ziert nun auch das Album-Cover.

Es gibt viel zu entdecken auf „St. Helena“ und dabei ist die Band ihrem Motto treu geblieben: „Unabhängigkeit, Individualität und Beständigkeit“. KAFKAS sind anders und das ist gut so.

Tracks
1. Kein Meer
2. Was Dir Fehlt
3. Ich Falle
4. Wo Ist Marx
5. Endorphine
6. Lass Uns Durchdrehen
7. Kompassherz
8. Weil Sie Kein Herz Haben
9. Immer Noch Nicht Muede
10. Diese Haende
11. Schoene Gruesse
12. Ich Tanze Nackt In Meinem Zimmer
13. Nicht Nach Hause

Kafkas „St. Helena“
Domcore

You must be logged in to post a comment Login