Kenny Wayne Shepherd Band „The Traveler“

shepherd_thetraveler_albumcover_1000Das letzte Vierteljahrhundert im Leben des Kenny Wayne Shepherd glich einem spannenden Roadtrip. Die Zeiten, in denen der junge Revolverheld aus Louisiana mit seinen feuerwalzengleichen Gitarrensoli und seinem Songwriting jenseits aller Normen erstmals die Bluesrockszene der frühen 90er Jahre aufmischte, liegen weit zurück. Der inzwischen 41-jährige hat sich weiterentwickelt und dringt mit seiner Fender Strat in Ebenen vor, an die andere sich nicht ansatzweise heranwagen. Mit einer Ehrlichkeit, die nur durch Erfahrung und vielen Meilen auf dem Tacho möglich sind, taucht er tief in menschliche Wahrheiten und Sorgen ein. Im Mai 2019 setzt er mit „The Traveler“ seine Reise fort.

Kenny Wayne Shepherds letztes Studioalbum “Lay It On Down” erschien 2017 und wurde für seine „Wutanfälle an der Gitarre“ und sein „durchdachtes Songschreiberhandwerk“ (Classic Rock) gelobt. Doch für den Bandleader ist sein Publikum das wahre Maß seines Erfolges. „Für mich ist es am Wichtigsten, dass meine Fans mir sagen, wie sehr ein Song sie beeinflusst hat oder dass sie in der ersten Reihe mitsingen. Bei ‚Lay It On Down‘ ist genau das passiert.“ Doch die letzten 25 Jahre haben Shepherd eines gelehrt: So etwas wie ‚Mission erfüllt‘ gibt es für ihn nicht.
Während die Refrains von “Lay It On Down” immer noch auf unseren Lippen liegen, ködert uns der Bandleader mit einem verlockenden Doppel-Comeback. Die Veröffentlichung von “The Traveler” ist für Mai vorgesehen und ein drittes Album mit seinem Allstar-Projekt “The Rides” (mit Stephen Stills und Barry Goldberg) ist bereits in Vorbereitung. “Wenn man sich inspiriert fühlt, zapft man diese Quelle am besten sofort an.”, sagt er. “Wenn Du wartest, ist es schwer, wieder an diesen Punkt zu kommen. Ich war in letzter Zeit sehr produktiv und will genau so weitermachen.” „The Traveler“ ist eine Fortsetzung des letzten Albums, doch es hat mit mehr Ecken, Kanten und noch mehr Rock’n’Roll definitiv seine eigene Identität. Als erwachsener Mann und Vater sind für Shepherd andere Gedanken und Gefühle in den Fokus gerückt.

Bereits als Kind spielte er die Licks der Platten nach, die sein Vater, ein Konzertveranstalter, mit nach Hause brachte. Im Alter von 13 Jahren veränderte ein Treffen mit Stevie Ray Vaughan sein Leben und führte zu seinem Bühnendebüt im gleichen Jahr. Erste Alben wie „Ledbetter Heights“ (1995), „Trouble Is…“ (1997), „Live On“ (1999), „The Place You’re In“ (2004) und ein wahres Feuerwerk an der Gitarre während seiner Liveshows zeigten deutlich, dass einer der ehrlichsten Songwriter der Bluesrockszene geboren worden war.

„In den ersten fünf Jahren meiner Karriere war ich nonstop auf Tour und vielleicht zwei Wochen im Jahr zuhause.“, erinnert er sich. Auch nach der Jahrtausendwende überquerte er immer wieder die Kontinente und legte nur für neue Studioalben wie „How I Go“ (2011), Goin’Home“ (2014) und „Lay It On Down“ jeweils eine kurze Pause ein. Ganz zu schweigen von seinen Alben mit The Rides 2013 und 2015. „The Traveler“ handelt von einer Welt, die wie noch nie zuvor gespalten zu sein scheint. „Der Albumtitel stammt von dem Song ‚Tailwind‘“, erklärt Shepherd. „Wir reisen alle zusammen durch dieses Ding, das man Leben nennt. Die momentanen Zeiten und Spannungen sind verrückt und sind ein Test für uns als Gesellschaft.“ Ohne einen eindeutigen politischen Standpunkt zu nennen, sagt er: „Lasst uns das gemeinsam durchstehen, einander schätzen und nicht gegeneinander kämpfen.“

In den Neptune Valley Studios in Los Angeles wurden diese durch das Produktionsteam um Marshall Altmann schließlich perfektioniert. Zusammen mit einer hervorragenden Studioband schufen sie eine Palette von Songs, die die sowohl wild als auch beruhigend wirken. „Ich habe Balladen und emotionale Momente immer geliebt.“, sagt Shepherd. „Ich rocke aber auch gerne und spiele feurigen Blues. ‚The Traveler‘ enthält beides. Diese Freiheit habe ich durch meine Fans, die mich bei jedem meiner Alben immer unterstützt haben.“

Sein erstklassiges Gitarrenspiel war schon immer Shepherds Visitenkarte, aber erst seit seinen Vierzigern weiß er, wann er brennen und wann er atmen muss. „‘The Traveler‘ hält sich auf gewisse Weise etwas zurück.“, erklärt er. „Als ich älter wurde, wurde mir klar, dass weniger manchmal mehr ist. Ich spiele jetzt um des Songs Willen. ‚I Want You‘ oder auch ‚Turn To Stone‘ bauen sich immer weiter auf und drehen sich letztendlich um das Gitarrensolo. Bei ‚“Woman Like You‘ steht hingegen der Rhythmus im Vordergrund. Ein geradliniger Les Paul Sound, dessen Riff sich wie von selbst dem Gesang unterordnet.“
Auf „The Traveler“ klingt Shepherds Stimme stärker wie nie zuvor und vereint aufrichtige Herzlichkeit mit scharfzüngigen Texten. Inzwischen teilt er die Gesangsparts öfter mit seinem langjährigen Sänger Noah Hunt, wodurch die Band sowohl im Studio als auch auf der Bühne vielseitiger geworden ist. „Ich klinge immer noch nicht wie Muddy Waters.“, lacht er. „Aber ich bin definitiv als Sänger gewachsen. Das verdanke ich Stephen Stills, der mich bei The Rides dazu drängte, mehr zu singen. Auch die Texte waren mir auf dieser Platte wichtiger als je zuvor. Bei ‚Woman Like You’ war es mein Ziel, die Frau in der Beziehung zu verherrlichen und ihr nicht die Schuld für etwas zu geben. Einige Songwriter konzentrieren sich nur auf die negativen Aspekte einer Beziehung, aber dieser Song rockt und lässt Dich gut fühlen.“

Auch andere typische Bluesklischees sucht man auf diesem Album vergeblich. „Long Time Running“ handelt davon, eine komplizierte Existenz zu führen. „Tailwind“ bedeutet laut Shepherd: „Hey Mann, lass uns unsere Kämpfe beenden. Es gibt keinen Grund für all den Hass. Lass uns einfach miteinander auskommen und uns lieben.“ Bei ‚Gravity‘ geht es oberflächlich um eine sehr komplizierte Beziehung. Man könnte daraus schließen, dass jemand am Ende des Songs stirbt, aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten, dieses Stück zu interpretieren.“

Shepherd fesselt die Zuhörer, während sich die Stimmung von der Aufregenden ins Nachdenkliche entwickelt. „Mit ‚We All Alright‘ wollte ich einfach einen Song mit diesem klassischen Groove schreiben. Wir fingen an zu schreiben und es fühlte sich wie eine Party an. Das haben wir festgehalten. Es geht darum, eine gute Zeit zu haben, ohne um etwas kämpfen oder sich um etwas sorgen zu müssen. Mit ‚Take It On Home“ erinnere ich an meine Wurzeln. Es handelt von mir: einer Person, die auf der ganzen Welt unterwegs ist, aber dennoch weiß, wann es Zeit ist, nach Hause zu gehen, sich zu erden und neu zu ordnen. Bei ‚Better With Time‘ spricht genau dieser Typ mit der Liebe seines Lebens. Es ist ein Moment der Dankbarkeit.“

Neben acht eigenen Songs sind auch zwei Coverversionen auf dem Album enthalten. „Ich wurde gebeten, an einer Veranstaltung zu Ehren von Joe Walsh teilzunehmen.“, führt er fort. „Jeder musste sich für ein paar Songs entscheiden. Ich bin ein Katalogtyp und grabe gerne nach versteckten Diamanten. Bei YouTube stieß ich auf „Turn To Stone“ und schaute mir das Video immer wieder an. Wir haben diesen Song bei der Veranstaltung gespielt und es kam so gut an, dass wir es im Studio noch einmal komplett live eingespielt haben. Über das Buffalo Springfield-Stück ‚Mr. Soul erzählt der Gitarrist: „Stephen wollte mich und Neil Young gemeinsam bei einer Autismus-Benefizshow auf die Bühne bringen. Ich hatte ‚Mr. Soul’ im Hinterkopf und es wurde ein spektakulärer Moment. Auf dem Album möchte ich diesem besonderen Moment und dieser Erfahrung Tribut zollen.“

Auch wenn er sich inzwischen selbst zwischen Legenden bewegt, möchte der bescheidene Shepherd nicht im gleichen Atemzug mit den Bluesgrößen genannt werden, mit denen er 2007 im Platin-ausgezeichneten und Grammy nominierten Dokumentarfilm „10 Days Out: Blues From The Backroads“ zusammen gearbeitet hat.

Trotzdem akzeptiert er, dass die alte Garde mehr und mehr verblasst und er allmählich das Zepter übernehmen muss. „Die Realität ist: je älter ich werde, verschwindet die vorangegangene Generation an Blueskünstlern. Niemand lebt ewig. Wenn ich lange genug lebe, komme vielleicht auch ich in die Kategorie der Elder Statesmen des Blues. Für jeden in dieser Position ist es Pflicht, seine Musik weiterzugeben und das Genre lebendig zu halten.

Für Shepherd bedeutet das auch, weiter zu reisen. „In Bewegung zu sein, ist nur ein Teil dessen, wer ich bin und was ich tue“, sagt er. „Nun, da das Album fertig ist, wird es bald Zeit, wieder auf Tour zu gehen. Ich werde nicht untätig herumsitzen. Ich möchte in Bewegung bleiben, weiter erschaffen und das tun, was ich liebe – so lange ich es kann… “

Tracks
1. Woman Like You
2. Long Time Running
3. I Want You
4. Tailwind
5. Gravity
6. We All Alright
7. Take It On Home
8. Mr. Soul
9. Better With Time
10. Turn To Stone

Kenny Wayne Shepherd Band „The Traveler“
Mascot Label Group

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