Kiev Stingl „Hart wie Mozart“

kievhartDer Aufstieg des Kiev Stingl als Sänger begann Mitte der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts, als der Undergroundpoet 1975 mit Hilfe von Achim Reichel für Telefunken sein Debütalbum „Teuflisch“ aufnahm. Zu der damaligen Zeit hatte sich die Underground Poesie aus den USA, vertreten durch Douglas Blazek, Tom Clark oder Charles Bukowski ihren Platz in der deutschen Subkultur geschaffen und traf dort auf die geballte alternative Schreibkultur ihrer deutschen Kollegen wie Wolf Wondratschek, Jörg Fauser und eben Kiev Stingl, dem wahrscheinlich radikalsten Vertreter dieser Neuen Deutschen Undergroundpoesie.

Die Zeit war also reif, diese Poesie mit musikalischem Leben zu füllen. Der Plan funktionierte dann 1978, die brachiale Lyrik, seine ganz eigene Art mit Sprache umzugehen, die Verballhornungen und der Humor, das kam an bei der Punk/NDW-Generation. Dazu dieser knurrend-heisere Gesang, den man entweder liebte oder hasste, es passte einfach. „Teuflisch“ bekam endlich die Aufmerksamkeit, die das Album verdiente. Aber da hatte Stingl bereits mit der Arbeit an dem Nachfolgealbum „Hart wie Mozart“ begonnen, das noch radikaler geraten sollte. Auf dieses zweite Album war man gespannt, und es geriet großartig.

Für nicht wenige ist „Hart wie Mozart“ das beste Album von Stingl. Musikalisch ungemein abwechselungsreich zwischen NDW und Ballade, Minimalrock und Punk, und es enthält den Überhit „Lila Diva“, mit finaler Orchesterbegleitung. Ein Traum, und Stingl streichelt, wütet und brüllt. Körpermusik eben! Seine Begleitband STEREA LISA (u.a. mit Holger Hiller und Andre Rademacher) begleitet ihn meisterhaft. „Keiner im weiten Umkreis schafft wie Stingl den Verbund aus Deutsch und Rock“, schrieb der Musikexpress. Die Platte erschien mit zwei unterschiedlichen Covern, die erste Version glich zu sehr dem SPIEGEL und musste daher wieder vom Markt genommen werden.

1980 ging Kiev Stingl auf aufsehenerregende Deutschland-Tour, und bereits 1981 erscheint mit „Ich wünsch den Deutschen Alles Gute“ das dritte und vorerst letzte Album von Kiev Stingl. Sein Begleitband hat wieder gewechselt, diesmal sind aber u.a. Achim Mennicken und Chris Lunch dabei. Die Platte enttäuscht auf keinen Fall, enthält mit „einsam WEISS boys“ gar einen veritablen Clubhit. Die Texte sind gewohnt zynisch und gewaltig, allerdings halten sich die Kritiker etwas mehr zurück. Kiev Stingl hatte zwischenzeitlich in Filmen (u.a. Gibbie – West Germany) mitgewirkt und Gedichtbände veröffentlicht, und es wurde ruhiger um ihn. Erst 1989 veröffentlichte er sein bisher letztes Album „Grausam das Gold und jubelnd die Pest“, das von F.M. Einheit produziert wurde.

Tracks
1 Made in make up
2 Wir sind modern
3 Süß und rein
4 Babies
5 Solang du willst
6 Keine Täter
7 Lila Diva
8 Der Tod der Marilyn Monroe
9 Einmal erröten
10 Ich knips dich
11 Westeuropa-Sohn

Kiev Stingl „Hart wie Mozart“
Sireena Records

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