Meat Loaf “VH-1 Storytellers”


Meat Loaf “VH-1 Storytellers”
Universal; ca. 95 Min.; PAL; RC 0

Nichts ist sinnloser als Anmerkungen auf einem CD Cover, die das beschreiben, was du gerade hörst. Du hast die Musik und brauchst niemanden, der dir erzählt wie sie sich anhört. Im Falle von VH-1 Storytellers liegt der Fall anders, hier mag es sinnvoll sein, den Hintergrund über die Entstehung einer Aufnahme näher zu betrachten.

Hier die Fakten: Auf VH-1 gibt es eine Serie die heißt Storytellers. In dieser Serie erzählen große Singer/Songwriter vor einer kleinen Schar ausgewählter Menschen die Geschichten hinter ihren berühmtesten Songs, um sie anschließend vorzuspielen. Ziemlich einfaches, aber sehr effektives Fernsehen. Die Idee dahinter ist, dass das Fernsehen in der Regel versagt, wenn es versucht ein großes Konzerterlebnis nachfühlbar zu machen. So viel geht verloren von einem Konzert im Madison Square Garden wenn man zu Hause in der Unterhose vor dem Fernseher sitzt: die große Bühne, die riesigen Lautsprecher, die brüllende Menge, das Licht, die Kulisse, das Trockeneis (okay, ich mache mich älter als ich bin). Alles wirkt viel zu übertrieben in dieser kleinen Kiste vor dir.

Storyteller geht in die andere Richtung. Das Konzept der Serie berücksichtigt, dass es unmöglich ist, ein großes Live Erlebnis im Fernsehen erfahrbar zu machen. Stattdessen schafft es das Fernsehen, dich Angesicht zu Angesicht mit jemandem zu bringen und ihn erzählen zu lassen. Unsere Idee war folgende: Wenn wir es nicht schaffen, das große Live Konzert ins Fernsehen zu bringen, dann machen wir es umgekehrt. Wir geben den Menschen zu Hause ein Erlebnis, das in keiner Konzerthalle möglich wäre. Lass uns ihnen die Möglichkeit geben, einen Musiker direkt zu sich sprechen und singen zu lassen. Lass uns eine Show machen, die sich anfühlt als wäre man auf der Party eines großen Musikers und gegen Mitternacht gibt ihm einer eine Gitarre und er fängt an, von seinen Songs zu erzählen.

Ray Davies war der erste Gast bei Storytellers im Jahre 1996. Er ist ein meisterhafter Songwriter und ein wunderbarer Erzähler. Er hat bewiesen, dass das Konzept funktioniert. Noch bevor die Show mit Ray ausgestrahlt wurde, hatten noch ein paar andere Briten zugestimmt, es mal zu probieren: Elvis Costello und Sting. Als dann noch Garth Brooks, Billy Joel und Elton John zusagten, hatte VH-1 eine neue Erfolgsserie.

Eintritt: Meat Loaf. Wir hatten von Anfang an an Meat Loaf gedacht. Seine Songs sind bereits große Geschichten und er ist ein sehr lebendiger Charakter, den die Kamera liebt. Hey, der Typ ist ein echter Schauspieler und ein Multi-Platin-Rockstar. Wer, wenn nicht er ?

Es gab nur ein Problem (welches in der realen Welt keinen wirklich interessiert, aber welches uns Fernsehproduzenten dazu bringt, eine Konferenz abzuhalten, um unseren Job zu rechtfertigen):
Meat Loaf schreibt seine Songs nicht selbst. Er hat seinen eigenen Sound, seinen eigenen Charakter, aber die Songs werden für ihn geschrieben. Meat Loaf macht Songs, die für ihn geschrieben wurden zu seinen eigenen, und nimmt nicht, wie etwa Frank Sinatra oder Elvis, irgendwelche Songs und interpretiert diese nur. Er singt nur Songs die von seinem langjährigen Mitstreiter Jim Steinman für ihn und in gewisser Weise über ihn geschrieben wurden.

Also sagten wir: lass uns die Show mit Meat Loaf und Jim Steinman machen, dem Mann, der seine meisten Hits geschrieben hat. Meat Loaf sagte sofort zu, Steinman ebenso. Dieser lebte zu der Zeit in London und arbeitet an einem Musical für Andrew Lloyd Webber, also mussten wir uns bei dem Drehtermin nach ihm richten.

Endlich fanden wir eine Termin, der allen zusagte: New York City am 5. Oktober 1998. An diesem Tag ist dieses Album entstanden.

Um den 3. Oktober kam Meat zu den Proben in New York an. Wir hatten uns bereits darüber unterhalten, wie die Show aussehen sollte und Meat hatte uns eine Vielzahl guter Ideen beigesteuert: Er wollte nicht, dass es aussieht wie in einem Wohnzimmer, sondern eher wie in einem Umkleideraum. (Er sagte: wenn du willst, dass ich mich richtig öffne und mich wie zu Hause fühle, dann muss es ein Umkleideraum oder eine Küche sein). Wir fanden das eine gute Idee und fingen an, eine Kulisse zu bauen.

Ich kam mit dem Regisseur und dem Produzenten zu den Proben und wir standen da mit unseren Händen in den Taschen und wippten mit unseren Köpfen, während wir Meat Loaf und seiner Band zuhörten. Dann stand ich auf und fing an, Kommentare abzugeben. Ich sagte, er müsse dieses und jenes beachten und noch daran denken und die Geschichten müssten so sein und er solle nicht vergessen, dass… Meat Loaf hörte mit dem gleichen Gesichtsausdruck zu, den man hat, wenn man von einem Bullen belehrt wird, bevor er dir den Strafzettel aushändigt. Er nickte und fragte, ob sie noch einen Song probieren dürften. Ich sagte: Nur zu! Er brachte die Band dazu “You took the word right out of my mouth” zu spielen und er sang es ganz großartig und als der Refrain kam, gab er mir das Mikrofon und sagte: Jetzt singst du. Ich guckte ihn an. SING ES, wie der Sportlehrer, der dir erzählt, dass du das Seil hochklettern sollst. Ich sang den Song. Die Band grinste. Der Regisseur und der Produzent versuchten, sich das Lachen zu verkneifen. Meat Loaf nahm mir das Mikro ab und sagte: Nun setz dich hin.

Lektion verstanden. Wir können alle herumstehen und darüber reden, vielleicht auch helfen aber Meat Loaf ist der Typ der es TUN muss.

Und als es losging war er einfach großartig. Jede Show beginnt mit einer Serie von Katastrophen und diese war keine Ausnahme. Ich werde euch nicht mit Details über die Lichttraverse oder die Probleme mit dem Monitor langweilen. Was uns richtig Kopfschmerzen bereitete, war die Nachricht, dass Steinman krank und in London geblieben war. Wir sagten: Oh nein, was können wir machen? Meat Loaf sagte: Macht euch keine Sorgen.

Der Vorlauf zur Show war urkomisch: Meat sagte, er bräuchte einen Schreibtisch. Wir besorgten einen. Dann sagte er, einer der Männer aus der Crew solle sich auf den Tische legen. Wir fanden jemanden. Dann verlangte er nach einer Frau. Eine der Produzentinnen trat nach vorne. “Okay”, sagte er, “jetzt kletterst du hoch und setzt dich breitbeinig auf ihn drauf”. Ihr könnt euch die Proteste, Kommentare und Androhungen der Einberufung der VH-1 Menschenrechtsabteilung vorstellen. Aber Meat schlüpfte in seine “Tu es für den Trainer-Rolle” und ganz schnell spielte die gesamte VH-1 Crew die romantische Rolle in “Paradise by the dashboard lights” (Nachricht an Amy: nochmals Danke, dass du die Klage wegen sexueller Nötigung nicht eingereicht hast).

Als wir Meat und die Band bei den Proben beobachteten, war uns klar, dass die Show ein Knaller werden würde. Aber wir hatten ein neues Problem. Alle Songs und auch die Geschichten waren sehr, sehr lang. Wie sollte das alles in einer einstündigen Show untergebracht werden? Und noch viel dringender war die frage, wie wir ein 15 Minuten Opus wie “Paradise” mit den Werbeblöcken vereinbaren sollten, die alle 8 Minuten ausgestrahlt wurden?

Überlassen wir es Meat Loaf. Er sagte: Wenn wir an die Stelle mit der Werbung kommen, dann unterbreche ich den Song und sage: der Rest des Songs kommt nach einer kurzen Unterbrechung. Die Band probierte es und wir schmissen uns vor Lachen auf den Boden. Wir sagten: Können wir das wirklich tun? Und Meat sagte: Wer soll uns daran hindern?
Dieses schien die richtige Einstellung zu sein für den Rest der Show.

Ich kann euch gar nicht sagen, wie viel Spaß wir an diesem Abend hatten. Ich brauche es auch gar nicht zu erzählen, ihr könnt es ja selber hören. Meat bezog das Publikum und uns von VH-1 in die Show mit ein, in seine Songs, in seine eigene Welt. Was alle am meisten überraschte, war die Tatsache wie kraftvoll Meat Loaf seine Fähigkeiten als Schauspieler und seine Schnauze als Sänger einsetzte, um etwas so großes und fundamentales zu schaffen, dass sich so intim und real anfühlt. Ich habe keine Ahnung von den Tiefen aus denen dieser Typ, der einst M. L. Aday war, seine Musik schöpft. Aber bei diesem Sound, der so vielfältig und zugänglich ist, ist es schockierend, wie tief man gehen kann.

Als die Dreharbeiten zu Storytellers abgeschlossen waren und alle sich ordentlich auf die Schultern geklopft hatten und den Lob für die Arbeit eingesteckt hatten, die eigentlich Meat Loaf geleistet hatte, als das letzte Foto gemacht war und die Fans den Saal verlassen hatten, kam Meat auf die Bühne und sagte: Das hat mir echt Spaß gemacht, ich würde es gerne noch mal machen. Um ehrlich zu sein möchte ich euch die Kulisse abkaufen und sie mit nach Hause nehmen.

Ich dachte, er würde Witze machen oder nur von der Emotionalität des Momentes angetan sein. Von etwas, das chaotisch begann und großartig endete. Aber wie immer bei Meat Loaf, meinte er, was er sagte. 1999 machte er eine VH-1 Storyteller Tour und nahm den Umkleideraum und die Geschichten mit und all die Songs die sein Eigentum sind und uns allen gehören.

Tracks:
[1] All Revved Up With No Place to Go
[2] Life Is A Lemon And I Want My Money Back
[3] Story
[4] You Took The Words Right Out Of My Mouth (Hot Summer Nights)
[5] Story
[6] I´d Do Anything For Love (But I Won´t Do That)
[7] Lawyers, Guns and Money
[8] Story
[9] More Than You Deserve
[10] Story
[11] Heaven Can Wait
[12] Story
[13] Paradise By The Dashboard Light
[14] Story
[15] Two Out Of Three Ain´t Bad
[16] Story
[17] Bat Out Of Hell

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