Melingo „Anda“

melingo1997 kehrte Melingo in seine Heimat Buenos Aires zurück. Die letzten zehn Jahre hatte er in Spanien gelebt. Er wurde als Moderator für die TV-Show „Mala Yunta“ eingestellt. Was zunächst lediglich eine berufliche Beschäftigung war, sollte bald zur Leidenschaft werden. Denn hier entdeckte Melingo den Tango für sich. Die Sendung drehte sich ausschließlich um diese lateinamerikanische Musikrichtung. Allerdings mit einem Clou: Rockmusiker interpretierten klassische Stücke des Tango auf ihre eigene Weise völlig neu. Und es sollte nicht lange dauern, bis Melingo seine Vision des Tangos ersann, die nochmals weit über das hinausgeht, was er an Musik in der Sendung von anderen Künstlern präsentierte….

Man stelle sich Melingo gegenwärtig als einen Illusionisten vor, der geradeheraus aus einer Novelle von Jorge Luis Borges tritt, um seinen Sinn für das Drama mit seiner Stimme und seiner Klarinette Ausdruck zu verleihen. Man schließe die Augen, lausche dem neuen Album „Anda“ und es beginnt ein unbekannter Fellini-Film vor dem geistigen Auge abzulaufen, so farbenfroh wie skurril. Man denke an einen imaginären Raum, in dem Carlos Gardel, Serge Gainsbourg und Erik Satie an einem Tisch sitzen, um die Zukunft der Musik zu verhandeln. Und die Klänge von „Anda“ laufen dazu im Hintergrund, in einer endlosen Schleife…

Mit den Alben „Corazón & Hueso“ (2011) und „Linyera“ (2014) begann Melingo seine eigene musikalische Landkarte zu entwerfen, die er seit dem beständig erweitert. Als Wanderer seines selbst gesteckten Terrains durchmisst er Genres, die er wie selbstverständlich mit dem Tango vermischt. „Anda“ befindet sich innerhalb dieses Gebietes auf neuen Anhöhen. Das Album wagt manches.

Melingos Blick ist ein absichtlich schräger auf die musikalischen Objekte seiner Begierde. So wie ein Tom Waits aus Rhythm and Blues, Jazz, Folk und Songwriting seine ureigene Vaudeville-Herzschmerz-Show destilliert, schlafwandelt Melingo durch die Straßen namenloser Städte, durchzieht diese mit seinem Klang und beschwört darin die Härte des Daseins genauso wie den Herzschmerz, die Hobo-Romantik, die Magie und die Melancholie. Klassische Streichersätze oder Gypsy-Jazz, virtuos wechselt er die Ton- und Spielarten.

Zu seinen Einflüssen zählen Melingo Tsunayoshi Megata, ein japanischer Aristokrat, der den Tango in den 20er Jahren in seine Heimat exportierte, der italienische Schauspieler Rudolph Valentino und die portugiesisch-brasilianische Schauspielerin und Sängerin Carmen Miranda.

In dem Video-Clip zu „En un Bosque de la China“ gibt sich Melingo „trigger happy“, doch er zielt nur ein einziges Mal. Und dieser magische Schuss verwandelt den kalten Suchscheinwerfer der staatlichen Autorität in das sanfte Mondlicht des Schöpfers. Hier kann Daniel Melingo auf sein Talent als Schauspieler bauen: in argentinischen Spielfilmen wie „Lulu“ (2014 Regie: Luis Ortega) und „Sangre“ (2003 Regie: Pablo César) spielte er unlängst Hauptrollen. Dass zudem seine Musik für Spielfilme rund um die Welt gefragt ist, belegt etwa Isabel Coixet „Eine Karte der Klänge von Tokio“.

„Anda“ ist Melingos bisher magischstes, komplexestes und bemerkenswerteste Werk.

Tracks
1 Se viene el dos mil
2 A lo Megata
3 Igualito que el tango
4 Sol tropical
5 Volando entre las nubes
6 En un bosque de la China
7 Intoxicated Man
8 Gnossienne
9 Espiral
10 Anda
11 Anda simultáneo

Melingo „Anda“

World Village

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