Nikka Costa „Prowhoa“


Nikka Costa „Prowhoa“
Virgin

Clap your hands! Shake your hips! Move your feet! Nikka Costa, wie sie leibt und lebt. All die Energie, die die US-amerikanische Sängerin in jede ihrer Bühnenshows steckt, für die dieses Temperamentbündel mit der Löwenmähne und der Wahnsinnsstimme von einer eingefleischten Fangemeinde umschwärmt wird, hat sie nun in ihr neues Album ?Pro Whoa? gepackt. ?Ich wollte Musik mal etwas anders betrachten und wahrnehmen. Natürlich liebe ich Funk und Soul noch immer über alles, aber ich wollte mal eine Platte machen, die viel elektronischer ist und auch nicht so prätentiös. Ich wollte mich einfach mal richtig gehen lassen.?

Bereits die vorab erschienene Hitsingle ?Ching Ching Ching?, die es auf Anhieb in die deutschen Charts schaffte, gab die Marschrichtung vor. Selten klang Nikka Costa ausgelassener, abgefahrener und ekstatischer als auf diesem Electro-Groove-Monster, bei dem die klassische Songstruktur zugunsten einer fulminanten Produktion aufgehoben ist. Bei genauerem Hinhören entpuppt sich ?Ching Ching Ching? als sarkastischer Kommentar auf den allgegenwärtigen Celebrity-Wahn unserer Zeit, in der jeder berühmt sein möchte und am liebsten nichts dafür investieren will. Eine Künstlerin, die sich bei jeder Show geradezu verausgabt, kann dem nur mit beißender Ironie begegnen.

Zurück zu ?ProWhoa?: Das Album ist ein Gemeinschaftsprojekt zwischen Nikka Costa, ihrem langjährigen Kreativpartner Justin Stanley, der sich als Musiker und Produzent auszeichnet, sowie dem Keyboarder und Studio-Wizard Keefus Green. Aufgenommen wurden die Songs, die Nikka mit diversen Partnern schrieb oder vorweg mit GarageBand auf ihrem Laptop komponierte, in diversen Studios in Los Angeles.

Die Produktion muss einfach einen Heidenspaß gemacht haben. Das spürt man bei jeder einzelnen Aufnahme. Der Titelsong ?ProWhoa?, der mit ähnlich überkandidelten Grooves wie ?Ching Ching Ching? aufwartet, ist eine Reminiszenz an die eigene Kindheit, in der Nikka beim Gummitwist mit ihren Freundinnen in herrlichem Kauderwelsch irgendeinen Quatsch reimte. ?Never Wanna C U Again? schrieb Nikka mit dem ehemaligen Black-Eyed-Peas-Mitstreiter Printz Board. Die süffisante Break-up-Nummer klingt und swingt genauso aufreizend wie Songs von Gnarls Barkley oder Mark Ronson, dass man schon den siebten Chart-Himmel vor sich sieht.

Aber keine Atempause. Hier geht?s Schlag auf Schlag. Der leicht verschleppte Psychedelic-Funk von ?Head First? erinnert daran, dass Nikka Costa in ihrer schillernden Karriere schon einige Male mit Koryphäen wie Prince, Lenny Kravitz und D?Angelo arbeitete. ?Nylons In A Rip? blitzt musikalisch als schweres Südstaatengewitter auf. Der scharfzüngige Song stammt noch aus der Zeit, in der George Bush am Ruder saß und der Hurrikan Katrina eine jener nationalen Katastrophen auslöste, bei deren Aufarbeitung der damalige US-Präsident eine klägliche Figur machte. Stimmlich läuft Nikka Costa hier mit einem Aretha-Grollen zur Hochform auf.

?Not The Only One? changiert zwischen California-Pop à la Bangles und Brit-Pop aus Camden. Als weiteres absolutes Highlight des Albums erweist sich ?Everybody Loves You When You?re Dead?, ein Duett mit dem australischen Sänger Sam Sparro. Während sich andere Künstler mit Interpretationen von Michael-Jackson-Originalen abmühen, ist diese Komposition von einem ganz anderen Schlag. ?Die Ironie der Geschichte ist ja, dass Michael Jackson in den letzten zehn Jahren als Wacko Jacko richtig niedergemacht worden ist. Als er dann gestorben ist, war er plötzlich der Größte. Das zeigt die ganze Scheinheiligkeit der Medien.? Eine brillant pointierte Hommage.

Nikka Costa geht mit klarem Blick durch die Welt. Bei ?Stuff? ließ sich die Sängerin von dem 20-minütigen Kurzfilm ?The Story Of Stuff? inspirieren. Der kurzweilige Lehrfilm von Anne Leonard, der schon Millionen begeisterte und den man sich kostenfrei im Internet anschauen kann, erklärt anhand von Animationen den fatalen Kreislauf materieller Güter und ruft zum Umdenken auf. Nikka Costa geht es bei dem mit dem lässigen Funk von Prince auftrumpfenden Song weniger um diese Botschaft, als dass sie den Gedanken aufgreift und humorig erzählt, wie man sich bei Liebeskummer mit dem Kauf schöner Dinge trösten kann.

Humor ist ohnehin ein nicht zu unterschätzender Faktor von ?ProWhoa?: ?Song For Stadiums? ist die aberwitzige (und durchaus alltägliche) Geschichte eines Songs, den man nicht mag, aber einfach nicht aus dem Kopf bekommt. Die Pointe des Songs soll hier aber nicht verraten werden. Mit ?Chase The Thrill?, einem wie für einen James-Bond-Film maßgeschneiderten Thriller, und dem selbstredend höchst radiotauglichen ?Radio?, das ein wenig an die Cars erinnert und durch die verspielten Sound-Gimmicks richtig ?trippy? anmutet, schließt sich der Reigen potentieller Pophits.

War Nikka Costas letztes Studioalbum eine wunderbare und wohltemperierte Hommage an die Goldene Ära des Soul ? ?Pebble To A Pearl? reihte exzellente Soulperlen nahtlos wie an einer Schnur auf ? ist ?ProWhoa? ein Hals-über-Kopf-Sprung ins Hier und Jetzt, ins Land der 1000 Grooves. Ein wahres Eldorado an ausgefuchsten Ideen. Die Karriere der US-amerikanischen Sängerin gleicht ohnehin einer stürmischen Entdeckungsfahrt durch die Hemisphäre der zeitgenössischen Popularmusik.

Als Tochter des legendären Produzenten Don Costa und Patenkind von Frank Sinatra kam sie schon früh mit der Welt des Showbusiness in Kontakt. In Australien, wo sie zeitweilig lebte, startete sie schon als Teenager durch. In Europa, USA und Südamerika feierte sie später etliche Erfolge, die ihr unter anderem einen MTV Award einbrachten. Kollaborationen mit Prince und Van Hunt sprechen ebenso Bände in punkto gefragtes Talent und guter Geschmack wie ihre Tourneen mit Erykah Badu, D?Angelo, Beck, Lenny Kravitz und Coldplay. Ihre Songs veredelten Soundtracks (About A Boy, Billy Elliot, Blow, Zoolander), Fernsehserien (Grey?s Anatomy, Nip/Tuck) und Werbekampagnen (Tom Hilfiger, Levi?s). Wenn es Gerechtigkeit im Musikolymp gäbe, Nikka Costa würde längst als Göttin verehrt.

Doch Nikka Costa ist ganz glücklich mit dem, was sie in ihrer abwechslungsreichen Karriere erreicht hat. Mit ?ProWhoa? feiert sie nun auf dem eigenen Label mit dem schönen Namen GoFunkYourself ihre Rückkehr zu Virgin. Und mit einem Album von diesem Kaliber hat sie allen Grund, höchst optimistisch in die Zukunft zu blicken. In den letzten Wochen tourte Nikka Costa mit einer phantastisch soul- und funkgeerdeten Band durch Deutschland und hat einmal mehr unter Beweis stellen können, dass sie auf der Bühne richtig aufblüht.

?Die Live-Bühne ist wirklich ein ganz wichtiger Teil meines künstlerischen Daseins. Ich mache sehr unterschiedliche Alben, aber live kommt das alles zusammen und macht einfach Sinn.? So erlebt man in diesen Tagen eine Nikka Costa, die ihre frühen Erfolge wie ?Like A Feather? und ?Push And Pull? mit derselben Bravour und Vehemenz auf die Bühne bringt wie all die neuen Songs. Und ?ProWhoa? ist ein kunterbunter Rummelplatz der Ideen, auf dem jeder Song wie eine neue Attraktion wirkt: schwindelerregend, schweißtreibend und sexy.

Tracks
1. Pro*Whoa
2. Never Wanna C U Again
3. Head First
4. Nylons In A Rip
5. Not The Only One
6. Everybody Loves You When You?Re Dead
7. Ching Ching Ching
8. Stuff
9. Song For Stadiums
10. Radio

Bestellen

Print Friendly, PDF & Email

You must be logged in to post a comment Login