Oscar Peterson „Live in Cologne 1970“

oscarpetersonkoelnBei ihm wusste man, was man hat. Eine stilistisch verlässliche Größe, an der jedwede jazzmusikalische Neuerungen wie Treibgut an einem Felsen abzuprallen schien. Allein schon durch seine Physis strahlte Oscar Peterson Dominanz aus. Ganz zu schweigen von seinem spielerischen Naturell. Ein pianistischer Sonnenkönig, ein uneingeschränkter Herr im Trio-Haus, der – mit den hinter seinem Rücken postierten Mitspielern – kaum eines Augenkontaktes bedurfte, um nonverbale Regieanweisungen zu geben.

Die kurzlebige Gruppe mit George Mraz und Ray Price bestätigte diesen Eindruck noch mehr als die vorangegangenen Formationen. Zwar verbieten sich Vergleiche eigentlich oder sind zumindest mit Vorsicht zu genießen. Doch sie drängen sich geradezu auf bei Jemandem, der ab Ende der 50er Jahre stets die klassische Triobesetzung vorzog und vor allem – und das ist das Entscheidende – an seiner Spielphilosophie kein Deut änderte.

Dass die Kollegen technisch über jeden Zweifel erhaben waren und weit mehr als nur solide und präzise, davon durfte man beim Perfektionisten Peterson nur zu sicher sein. Doch der Grad an Interaktion und das Ausmaß an internen Spielchen und Spielereien, wie sie die Trios mit Ray Brown / Ed Thigpen und Sam Jones / Bobby Durham demonstrierten, wurde von der 1970er-Besetzung nie erreicht. Dafür war dieses Band-Kapitel ein zu kurzes. Und auch zu kurz, um die Rhythmusgruppe jenes Wagnis eingehen zu lassen, was Peterson so schätzte: den Maestro herauszufordern.

Vor diesem – im wahrsten Sinne des Wortes – “Hintergrund” eines vergleichsweise zurückhaltenden Bass-Schlagzeug-Gespanns wirkt des Pianisten Virtuosität noch frappierender. Und die Live-Aufnahme lässt keinen Zweifel daran, dass der schon immer Fingerflinke sich auf dem Höhepunkt seiner technischen Fähigkeiten befand. Doch an reinen Statisten als Begleiter war er – anderslautenden Vermutungen zum Trotz – nie interessiert.

In seiner lesenswerten Autobiographie A Jazz Odyssey schreibt Peterson, er würde zugeben kein großer Freund des gestrichenen Bass-Solos zu sein. Damit dürfte der Kanadier nicht alleine sein: Es existieren allzu viele Beispiele, in denen nicht nur der dünne Ton ein beklagenswerter ist, sondern in denen manch überambitionierter Bassist mit dem Griff zum Bogen seine Intonationssicherheit vorübergehend außer Kraft setzt. Dass der Mitschnitt des Peterson-Trios aus dem Kölner Gürzenich gleich zwei con arco-Soli bietet, hat seinen Grund: Der klassisch ausgebildete George Mraz zählt zu den wenigen, ja, sehr wenigen Jazz-Vertretern seiner Instrumentalfraktion, die sich auf diese Kunst verstehen.

Dass der in der ehemaligen Tschechoslowakei als Jiri Mraz geborene und seit der Übernahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft als George Mraz agierende Musiker des Öfteren die Schwierigkeit der Bass-Parts monierte, hat – wenn überhaupt – nur wenig mit seinem Naturell zu tun: Vor allem in den perfekt und perfektionistisch durcharrangierten Themen ist es dem Bassisten selten vergönnt, sich einem entspannten Walking Bass-Spiel hinzugeben. Petersons Vorliebe für gelegentlich rasende Tempi kommt noch erschwerend hinzu. Zudem hatte der Pianist ihn, der von 1968 bis 1970 an der Berklee School of Music studierte, fast vom Fleck weg für eine Tournee engagiert und ihn – wie heißt es so schön: “ins kalte Wasser geworfen”. Mraz meisterte diese Herausforderung mit Bravour.

Während seiner Zeit beim deutschen MPS-Label war es zu mehreren personellen Wechseln gekommen. Ray Brown wurde von Sam Jones abgelöst, Ed Thigpen von Louis Hayes und schließlich von Bobby Durham. Das Trio mit Mraz und dem nur kurz zur Band gehörenden Price spielte zwei Alben ein, Another Day und Walking The Line, beide in der Zeit zwischen dem 10. und 13. November 1970 in Villingen entstanden.

Ray Price (nicht zu verwechseln mit einem amerikanischen Country-Star, auch nicht mit zwei gleichnamigen Rugby-Größen …) war ein britischer Schlagzeuger in Los Angeles, der u. a. mit George Shearing und Stan Kenton gearbeitet hatte. Ein Timekeeper alter Schule, beim Gürzenich-Konzert legt er erst am Ende seine vornehme britische Zurückhaltung ab – in “Cute”, einem klassischen Drum-Feature.

Vier Tage vor dem Kölner Auftritt hatten die Drei in Stuttgart gastiert. Unter dem Motto “Treffpunkt Jazz” wurden dem Publikum zwei Bands präsentiert: zunächst eine Gruppe um Elvin Jones (mit den Tenorsaxophonisten George Coleman und Frank Foster und Wilbur Little, Bass), anschließend das Peterson Trio. Die Unterschiedlichkeit der beiden Schlagzeuger wurde dabei nicht nur akustisch, sondern auch bildlich allzu offensichtlich: Jones nutzte das Drumset von Price und bearbeitete es so intensiv, dass es langsam aber sicher über die Bühne zu wandern begann. Dem Peterson-Schlagzeuger wäre dies nie passiert …

Die Augen- und Ohrenzeugen dieses Abends gaben sich durchaus gespalten. Ein Beobachter der Zeitschrift Jazz Podium notierte: “Die Chance war endgültig verpufft, die Nur-Peterson-Fans für etwas anderes zu interessieren. Manche von ihnen hatten sogar voller Ärger den Saal verlassen und waren vorzeitig in die Pause gegangen, wo sie ihrem Ärger darüber Luft machten, dass sie schließlich für ein abendfüllendes Peterson-Konzert Eintritt bezahlt hätten. Das Oscar Peterson Trio war zunächst unglücklicherweise auch nur allein angekündigt worden und so stand es auf den Eintrittskarten.”

In Köln, indes, trat das Dreigestirn allein auf – und die Peterson-Getreuen waren unter sich. So, wie schon bei den Gürzenich-Konzerten von 1961 (Jazzline N 77 004) und 1963 (Jazzline N 77 018). Und auch wenn der Zuspruch anfangs angesichts eines vergleichsweise verhaltenen Beginns für rheinische Verhältnisse nur moderat war – am Ende jubelten sie. (Karsten Mützelfeldt)

Oscar Peterson „Live in Cologne 1970“
Deltamusic

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