Paolo Fresu & Omar Sosa „Eros“

paolofresu

So international werden Musikalben im Zeitalter der Globalisierung produziert: Zuerst legte man im Studio von Produzent/Toningenieur Stefano Amerio im norditalienischen Cavalicco nahe Udine den Grundstein. Paolo Fresu an Trompete, Flügelhorn und klangverändernden Effektgeräten sowie Omar Sosa an diversen Tasteninstrumenten vom Konzertflügel über Fender Rhodes bis zu Synthesizer und Sampler spielten dort im Juni 2015 die Basisspuren ihrer jüngsten Zusammenarbeit “Eros” ein. Für einige Stücke holten die beiden das Quartetto Alborado zur Mitwirkung hinzu.

Die Landsleute des Italieners Fresu, die sich mit Musik zum Kinofilm “Il Rosa Nudo” und dem eigenen CD-Opus “Éthos” einen Namen gemacht haben, brachten klassizistische Streicherklänge ein. Einen Monat später ging das bis dahin Gefertigte in ein Tonstudio im französischen Herret, wo Natacha Atlas ins Spiel kam. Die marokkanisch-belgische Sängerin verzierte dort einiges mit arabischen Gesangsmelismen. Wieder einen Monat später schickte man das Ganze schließlich nach Rio de Janeiro zu Jaques Morelenbaum (A.C. Jobim, Caetano Veloso, Ryuichi Sakamoto). Der Brasilianer, der bereits am Vorgängerwerk “Alma” beteiligt war, trug erneut zauberhafte Cellopassagen bei. Erst am Ende der kleinen Weltreise war die Produktion dann vollständig im Kasten.

Obwohl die Mitwirkenden nie alle gleichzeitig in einem Raum versammelt waren, klingt “Eros” wie aus einem Guss. Kurze Internetwege und die Segnungen der Digitaltechnologie machen es möglich. Mit der zeitgemäßen Arbeitsweise haben Fresu, Sosa und ihre Gäste eine ganz eigenwillige und doch in jedem Moment harmonische Mischung aus Softjazz, Electronica, Weltmusikalischem und Klassikanleihen erschaffen. Das Sound- und Stilspektrum reicht hier von fröhlichen Latinrhythmen (”Why”) über frei Improvisiertes (”Kýpris”) und Fusionjazz in der Nachfolge von Miles Davis (”Himeros”) bis hin zu poetischen Klassikmomenten (”Brezza del Verano”).

Wie es der Albumtitel nahelegt, spüren Fresu und sein kubanischer Partner Sosa diesmal dem Mythos “Eros” nach. Bei der Ballade “Sensuousness”, dem groovy vibrierenden “Zeus’ Desire” und dem südländischen Ohrwurm “Eros Meditarraneo” verdeutlichen allein schon die Tracktitel, dass die beiden Protagonisten das sehnsuchtsvolle Verlangen nach sinnlicher Liebe, das man gemeinhin Eros nennt, zum Thema machen. Ihre (Instrumental-)Musik findet den adäquaten Ausdruck für dieses Begehren.

Daneben verdienen zwei Coverversionen das besondere Ohrenmerk des Zuhörers: Da wäre zunächst die schwerelos im Raum schwebende Bearbeitung von “Teardrop”, Massive Attack und Gastvokalistin Elizabeth Fraser (Cocteau Twins) landeten mit diesem Song 1998 einen Top-10-Hit. Und dann ist Fresu und Sosa auch noch eine wunderbare Instrumentalfassung von “What Lies Ahead” aus der Feder von Peter Gabriel und dessen Sohn Isaac gelungen. Gabriel hatte die erbauliche Songreflexion im November 2014 bei einem Auftritt in Turin der Weltöffentlichkeit live vorgestellt. Eigentlich wollte der Engländer den Titel fürs nächste eigene Album reservieren, erklärte sich dann aber doch dazu bereit, Fresu und Sosa den Vortritt zu lassen. Nachdem er deren Version gehört hatte, gab er sie ohne Bedingungen zur Veröffentlichung frei. Somit erlebt “What Lies Ahead” jetzt also seine Tonträgerpremiere!

Paolo Fresu zählt bereits seit drei Dekaden zu den führenden Musikern in der europäischen Jazzszene. Der Mann aus der Gemeinde Berchidda auf Sardinien hat an über 220 Alben mitgewirkt, über 30 davon bestritt er als Bandleader. Seine Tour- und Studiohistorie umfasst Kooperationen mit Carla Bley, Gerry Mulligan, Ralph Towner und vielen anderen. Neben Arbeiten im Jazzterrain komponiert der vielfach preisgekrönte Künstler auch fürs Theater, Ballett, Fernsehen und Film.

Omar Sosa steht dieser eindrucksvollen Biographie in nichts nach. Der mehrfach für den Grammy nominierte Keyboarder aus Camagüey im Landesinneren von Kuba gibt an die 100 Konzerte pro Jahr, hat zwei Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht und war mit Paquito D’Rivera, Greg Landau sowie der peruanischen Sängerin Susana Baca im Studio. Sein Klavierspiel ist von Landsmann Chucho Valdés ebenso beeinflusst wie von Thelonious Monk, Herbie Hancock und Chick Corea. Sosa gehört sicher zu den wandlungsfähigsten Jazzern unserer Zeit.

Die erste Begegnung zwischen Omar Sosa und Paolo Fresu fand 2006 statt. Seinerzeit lud Sosa seinen geschätzten Kollegen Fresu zu einem Konzert in den NDR Studios in Hamburg ein, woraus wenige Monate später das Livealbum “Promise” hervorging. 2009 tourten die beiden gemeinsam durch Italien, wodurch das freundschaftliche Band zwischen ihnen noch gefestigt wurde. Im Mai 2011 entstand dann “Alma”, fünf Jahre später lassen die beiden mit “Eros” jetzt das zweite Studioalbum folgen, auf dem sie ihrem Ruf als Jazzvisionäre und wegweisende Klangneuerer einmal mehr vollauf gerecht werden.

Tracks
1 Teardrop / Ya Habibi (feat. Natacha Atlas) 7:25
2 Sensuousness (feat. Jaques Morelenbaum) 3:59
3 Zeus‘ Desire (feat. Quartetto Alborada) 3:43
4 Brezza del Verano (feat. Quartetto Alborada) 5:29
5 My Soul, My Spirit (feat. Natacha Atlas, Quartetto Alborada) 2:35
6 La Llamada (feat. Jaques Morelenbaum) 5:43
7 What Is Inside / Himeros (feat. Jaques Morelenbaum) 5:37
8 Who Wu (feat. Piero Salvatori) 3:41
9 Eros mediterraneo (feat. Quartetto Alborada) 7:26
10 Fradelo 3:22
11 What Lies Ahead (feat. Piero Salvatori) 3:05
12 Why (feat. Jaques Morelenbaum, Quartetto Alborada) 5:00
13 Kypris (Bonus Track) 10:42

Paolo Fresu & Omar Sosa „Eros“
Tuk Music

You must be logged in to post a comment Login