Paolo Nutini “Sunny Side Up”


Paolo Nutini “Sunny Side Up”
Warner

Es sind sein außergewöhnliches Songwriting und seine markante Stimme, die PAOLO NUTINI zu einem der interessantesten Songwriter der Gegenwart machen. Nicht umsonst hat sich sein Debüt-Album These Streets, mit dem er vor fast drei Jahren auf der Bildfläche erschien, weltweit über zwei Millionen Mal verkauft.

Seine Singles Last Request und New Shoes wurden auch bei uns zu oft gespielten Radiosongs, und sein Support-Gig beim legendären Led Zeppelin-Konzert in der Londoner O2-Arena stellte den heute gerade mal 22-jährigen Schotten italienischer Herkunft mit einem Schlag mitten in das Rampenlicht des musikalischen Weltgeschehens. Aber sein wahres Können eröffnet sich nun mit seinem zweiten Album Sunny Side Up, das eine ungewöhnliche Vielfalt und Sensibilität an den Tag legt.

Wie schon auf These Streets, stammen alle Songs auf Sunny Side Up von PAOLO NUTINI selbst. Das Album entstand in Zusammenarbeit von PAOLO NUTINI und Produzent Ethan Johns (Kings Of Leon, Ray LaMontagne, Razorlight) und wurde in mehreren Studios aufgenommen, unter anderem in Irland, Wales, New York und in Peter Gabriels Real World-Studio in Bath, das zum besten gehört, was zurzeit zu finden ist.

Für die Recordings rekrutierte PAOLO NUTINI seine Band The Vipers, mit denen er hörbar eine perfekte Einheit bildet. Wenn PAOLO über die Aufnahmen spricht, fällt auf, dass er immer “„Wir“” sagt und sehr darauf bedacht ist, der Band ihre Anerkennung zukommen zu lassen. Zu den Vipers gehören Donny Little (Gitarre), Michael McDaid (Bass), Dave Nelson (Gitarre und Keyboards), Gavin Fitzjohn  (Saxophon, Trompete, Tasteninstrumente) und Thomas ´Seamus´ Simon (Schlagzeug).

Fraser Speirs gastiert an der Mundharmonika, und Rico Rodriguez von The Specials spielt die Posaune. “„Es ist der Anfang von etwas Neuem”,“ so PAOLO NUTINI „”Wir wollten frisch klingen und neuen Ideen viel Platz einräumen. Man verbringt viel Zeit auf Tour, und ich wollte mit einem kreativen Gefühl in den Aufnahme-Prozess gehen.“”

Kreativ dürfte das richtige Wort für Sunny Side Up sein, denn in der Tat hat man selten eine solche Ausdruckskraft und so eigenwillige Songs zu hören bekommen, wie PAOLO NUTINI es uns auf Sunny Side Up präsentiert. Schon der Beginn mit 10/10 lässt ahnen, dass hier kein Songwriter-Album vorliegt, das klingt wie alle anderen. Es ist vielmehr eine mitreißende musikalische Reise, die von Ragtime bis Reggae und von Sing-A-Long bis Soul reicht. Man schenke einfach mal einem Song wie Pencil Full Of Lead seine Aufmerksamkeit, einem herrlich lockeren Rag, oder Coming Up Easy, das ein ausgeprägtes Soulfeeling besitzt.

Andererseits enthält Sunny Side Up mit Simple Things einen wundervollen Hybrid aus Folk und Country. Herausstechend ist die erste Single Candy, die mit einer feinen akustischen Gitarre und dem dezenten Einsatz einer E-Gitarre im Hintergrund eine intensive Gefühlsebene eröffnet. Gen Ende ergänzt ein einfühlsamer Chor das Arrangement und öffnet den Song in eine emotionale Hymne an die Liebe.

„”Es gibt kein Genre und keinen Stil, dem ich mich zurzeit verpflichtet fühle“, erklärt NUTINI die Vielseitigkeit seines Songwritings. „Ich bewege mich von Django Reinhardt nach Cab Calloway bis zu Canned Heat. Das ist schon ein ziemlich zufälliges Gemisch, aber ich wollte alles so herauslassen, wie es eben kommt und es nicht manipulieren. Es sollte sich organisch entwickeln und sehr direkt werden, so dass man es einfach nur so nehmen kann, wie es ist.“”

Sehr selbstbewusste Worte eines jungen Musikers, der aber tatsächlich über ein erstaunliches Talent verfügt und eine außergewöhnliche musikalische Entwicklung nahm. “„Ich war fünf Jahre alt, als ich When My Little Girl Is Smiling von den Drifters im Radio hörte. Ich erinnere mich, wie ich einfach den CD-Player angucke und glücklich bin. Keiner kitzelt mich, niemand macht einen Witz, aber ich muss lachen, so glücklich macht es mich”.“ Eine Kindheitserfahrung, die zu einem Schlüsselerlebnis werden sollte. „”Ich begann zu singen, und das war das einzige, was ich wirklich konnte.”“ Mit 16 Jahren bricht PAOLO die Schule ab, um zu singen, als Roadie zu arbeiten und sich im Studio als Ingenieurs-Assistenz zu verdingen. Kurz nach seinem 18. Geburtstag geht er schließlich nach London und unterschreibt bei Atlantic Records.

„”Das erste Album steckte voller Unsicherheiten. Ich war sehr naiv und dachte ich würde alles unter Kontrolle haben, aber in Wirklichkeit hatte ich keine Ahnung, wo ich da hinein geraten war.“” Er hatte „”wie ein Tagebuch”“ Songs über die Trennung von seiner Jugendliebe Teri geschrieben, aber mitten in den Aufnahmen traf er sie zufällig in einer Bar. „”Wir sind seitdem wieder zusammen. Ich aber musste ins Studio gehen und diese Songs über die Trennung singen, das war bizarr. Ich war erlöst, während ich in den Songs um Erlösung bat. Nun, dieses Album ist etwas positiver. Ich blicke auf mich selbst und versuche heraus zu finden, wer ich wirklich bin. Alles was ich dachte zu wissen und wo ich glaubte mich hinzubewegen, hat sich nun vollkommen geöffnet. Es ist ein ganz neues Spielfeld. Es gibt mir das Gefühl von Freiheit.“”

These Streets wurde damals mit heißer Nadel gestrickt: „”Wir hatten die letzte Gitarre 20 Minuten vor dem ersten Gig zur Tour eingespielt. Ich war zwar stolz auf all das, aber ich hatte keinen Durchblick, was für ein Album ich eigentlich aufgenommen hatte.“”

Nach zwei Jahren Tournee, die sich den Aufnahmen direkt anschlossen, wollte er nun konzentrierter an die Sache herangehen. Also ging er im letzten Jahr für zwei Monate mit seiner Band ins Studio, um erstmal ein paar Sessions zum Herantasten zu spielen, dann folgten etwa sechs Monate Aufnahmesession. „”Die Jungs in der Band sind alle hervorragende Musiker. Es sind ganz verschiedene Charaktere, und ich wollte sie wirklich genau kennen lernen und herausfinden, ob wir wirklich alle dieselben Vorstellungen haben. Zwei von ihnen waren nicht sicher, ob die Musik Erfolg haben könnte und wollten sich nicht auf das Risiko einlassen. Das war okay. Diejenigen, die blieben, wurden alle Teil des kreativen Prozesses.“”

PAOLOs Selbstbewusstsein bekam seinen Schub vor allem durch seinen Mentor Ahmet Ertegun, den jüngst verstorbenen Gründer von Atlantic Records, der PAOLO unter seine Fittiche genommen hatte. Zu den wichtigen Ereignissen gehörten die Einladungen zu verschiedenen Benefiz- und Tribut-Konzerten für Ahmet, etwa in der Londoner Carnegie Hall und auf dem Montreux Jazz Festival, wo er mit vielen seiner Kindheitsidole auf der Bühne stand.

„”Ich stand neben George Duke, Buddy Williams saß an den Drums, Cornell Dupree spielte die E-Gitarre, und ich sang Ray Charles’ What I’d Say mit Les McCann, Soloman Burke und Ben E.. King zusammen. Es war ein unglaubliches Erlebnis, in diesen Kreis aufgenommen worden zu sein. Sie behandelten mich nicht wie einen Jungen, der da irgendwie reingeraten war, sondern als einen Teil von dem, wofür Atlantic steht. Ich stand mit Quincy Jones und Herbie Hancock auf der Bühne. Ich sang Strawberry Letter und Lee Ritenour spielte das Solo, genau so wie auf der Version der Johnson Brothers. Das war bizarr. Das sind ja Legenden, die einen solchen Reichtum an wichtiger Musik geschaffen haben, und ich habe unendlich viel gelernt, allein, indem ich ihnen zuschaute. Du denkst, du weißt, wer sie sind und alles ist klar, und dann triffst du sie und sie sind alle nur Menschen. Und dann siehst du, dass es für nichts eine unumstößliche Formel gibt.“”

Auf der Isle of Wight stand PAOLO NUTINI 2007 mit den Rolling Stones auf der Bühne und sang Robert Johnsons Love In Vain im Duett mit Mick Jagger. „”Bei den Proben meinte Mick: ‚Hey, ich hoffe, ich kann mich dran erinnern. Es ist Jahre her, dass wir den Song gespielt haben.’ Wir standen zusammen in einem provisorischen Übungsraum und die Stones drückten mir ein Mikro in die Hand. Keith spielte einmal E-Dur, als eigentlich A-Dur gekommen wäre, und Ronnie rief: ‚Zum Teufel, nicht wenn Paolo dabei ist!’ Es war wirklich eine tolle Atmosphäre.“”

Es mutet vielleicht eigenartig an, einen 22-jährigen Popstar des 21. Jahrhunderts über Cab Calloway, Wynonie Harris und Louis Armstrong sprechen zu hören, zumal mit einem eklektizistischem Album, das tief an die Wurzeln moderner Popmusik geht. „”Wenn ich meine Lieblingssänger aufzählen sollte, dann wären das all diese Ragtime und Swing-Sänger, die verrückten mad cats. Ihre Songs klingen so nett und süß, aber wenn du dich mit ihnen beschäftigst, bekommst du eine völlig andere Perspektive. Das ist, was ich herausstellen wollte.“”

Musikalisch, aber auch textlich, wurde im Studio viel improvisiert. “Es gab wirklich eine Menge zufälliger und verrückter Assoziationen. Ich habe meinen Mund geöffnet, und es einfach herausgelassen. Ich schreibe einen Song meist wie einen Brief, ob es für meine Freundin oder die Öffentlichkeit ist. Mir fällt es leichter, meine Emotionen beim Singen auszudrücken, denn ich kann besser aus mir herauskommen. Ich finde, Musik ist für jeden ein großartiges Medium, seine Verletzlichkeit darzustellen, ob er sie macht oder hört. Ich entdeckte eine gewisse Aufrichtigkeit in mir, die mir gefällt, denn ich habe das Gefühl, ich bin es mir schuldig, das zu sagen, was ich empfinde. Es ist auch OK, wenn man Unrecht hat. Am Ende ist es nur ein Song.“”

Als erste Single drang bereits der Song Candy an die Öffentlichkeit, eine Ballade, die PAOLO nach einer Auseinandersetzung mit seiner Freundin schrieb, als er plötzlich feststellte, dass er im Unrecht war. „”Der Song porträtiert nicht zwangsläufig den Zustand unserer Beziehung, nur einen kleinen Moment. Und das ist alles, was ein Song tun muss.“” Der Song zeigt sehr gut eine gewisse Dualität in PAOLOs Songwriting, in dem er durchaus sehr schmerzhafte Themen behandeln kann, ohne in reine Molltöne zu verfallen.

Ein anderer außergewöhnlicher Song ist Coming Up Easy, den man laut PAOLO aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann: „”Das geht es um meine eigenen Probleme mit Marihuana, aber man kann den Song auch als Beschreibung einer Liebesbeziehung betrachten, in der man Kompromisse schließt und mit den Gefühlen eines anderen klar kommen muss. Es geht um schlechte Angewohnheiten und Trennung, aber ich wollte es möglichst positiv halten.“”

Und ein weiterer Song liegt PAOLO sehr am Herzen: Simple Things, eine Hymne an seinen Vater, die klingt, als könne sie irgendwann im Laufe der letzten 100 Jahre geschrieben worden sein. “„Mein Dad lebt ein ganz einfaches Leben. Seit er sechzehn ist, arbeitet er in einer Pommesbude, jeden Tag, seit 41 Jahren immer vor demselben Spiegel und derselben Friteuse. Aber es war immer schön zu sehen, wie er sich freute, wenn er zu uns nach Hause kam und einfach nur mit Mom auf der Couch sitzen wollte. Sonntags holt er immer sein Motorrad heraus. Er war ein großes Vorbild für mich, um zu verstehen, was Glück bedeutet. Er hat sich nie verändert. Man wächst auf und sieht, wie jeder versucht so cool wie möglich zu sein. Dabei ist cool das völlig falsche Wort. Mein Dad ist der coolste Typ, den ich kenne, einfach, weil es das letzte ist, was ihn interessiert. Das Gefühl, das ich bekomme, wenn ich weiß, dass er den Song hört und mag, das fasst für mich die ganze Idee des Musikmachens zusammen.“

Die Songs auf dem Album veränderte auch die Art seiner Performance. „Ich kann einen Song wie High Hopes nicht singen, wenn ich zusammengekrümmt auf der Bühne stehe. Ich muss dabei die Brust herausdrücken. Es kommen ganz andere Dinge zutage, und ich sage mir: ‚Zieh das durch, du stehst aus gutem Grund vor all diesen Leuten. Sorg dafür, dass die Band spürt, was du fühlst, und dann wird es auch das Publikum spüren. Es hat einen Grund, warum das Album Sunny Side Up heißt: Ich will ein positives Gefühl transportieren. Denn für mich ist Musik mehr als nur Musik. Sie ist eine Kraft.“”

Tracks
1. 10 /10
2. Coming up easy
3. Growing up beside you
4. Candy
5. Tricks of the trade
6. Pencil full of lead
7. No other way
8. High Hopes
9. Chamber Music
10. Simple Things
11. Worried Man
12. Keep Rolling

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