Quatuor Ébène feat. Michael Portal „Eternal Stories“

eternal“Jazz bietet mir die einzige Möglichkeit, frei zu sein, zu schweben, zu träumen.” (Michel Portal) Während des Zweiten Weltkriegs beschließt ein sechsjähriger Junge in Bayonne/Baskenland, der Musik sein Leben zu widmen. Nach klassischem Studium und etlichen Preisen für sein Klarinettenspiel nutzt er, was der kulturelle Schmelztiegel Paris ihm bietet. Morgens im Studio mit Edith Piaf oder Jacques Brel, nachmittags eine Theatermusik, abends in die Jazzclubs. Stockhausen und Boulez wollen mit ihm arbeiten, an den ersten Free Jazz-Alben ist er beteiligt, und Piazzolla schenkt ihm ein Bandoneón. Seine Auftritte bei den Festivals der Gegenkultur werden zu Happenings.

Michel Portal – der ‘Crossover’-Künstler par excellence? Nichts läge ihm ferner als das gedankenlose Verstreuen aller Zutaten aus dem musikalischen Gewürzregal. Sich auf Mozarts Klarinettenkonzert vorzubereiten, sei für ihn wie das Lesen in Stendhals Rot und Schwarz. Im Scherz vergleicht er sich gerne mit “einem dieser seltenen Schmetterlinge, die nur einen Tag und eine Nacht leben. “Seine Kooperation mit dem Quatuor Ébène ist ein musikalisches Weltereignis abseits aller Normen. “Ein Streichquartett, das sich unversehens in eine Jazzband verwandeln kann”, schrieb die New York Times. Ihre Haydn-, Bartók-, Brahms- und Schubert-Einspielungen fanden international höchstes Lob. Über ihre erste Begegnung mit Michel Portal 2013 bei einem Jazzfestival in Paris – die Künstler spielten dort ebenfalls Werke von Piazzolla – schrieb Le Monde: “Große Lektion, wundervolles Treffen, echte Konversation.”

Vielleicht wird Eternal Stories mal eine der besten Portal-Platten, die er je aufgenommen hat. Möglich, dass er an seinen geliebten Charlie Parker dachte, der sich 1947 den Traum erfüllte, mit einem Streichquartett aufzunehmen. Diese Eternal Stories sind jedoch kein Remake, sondern durchweg neue Stücke nebst zwei neu arrangierten Klassikern Portals, einem Spätwerk Piazzollas und erstaunlichen Beiträgen des Quatuor Ébène.

Als Opener eine Großstadt-Symphonie en miniature: “Den Krähen Tokios, den Tauben von Paris und den Möwen Manhattans” widmete der 1. Geiger des Quartetts, Pierre Colombet, das Eröffnungsstück City Birds. “Durch allen Lärm dringen ihre Rufe, und sie schweben über den faszinierenden wie erschreckenden Megacities.”

L’Abandonite, Portals Hymne auf Piazzolla, verlässt die vertrauten (Streichquartett-)Gefilde. Dunkle Welten, durch die plötzlich starkes Licht einfällt – das Exotische an Tango und Jazz feiernd. Folgt das betörende Judy Garland, entstanden, als Portal oft nach Minneapolis flog, um mit Musikern von Prince zu arbeiten. Hier in einem magischen Arrangement mit gezupftem Cello, E-Piano und viel Percussion. Der Schilfrohrklang der Bassklarinette ist über viele Jahre gereift.

Elucubration nennt der Keyboarder Xavier Tribolet “einen Triumph des Träumens über die Ratio”. DieStreicher tragen die Bassklarinette wie eine schöne Braut über die Schwelle der Wahrnehmung. Je düsterer die Zeiten, desto heller leuchtet die Kunst? Was der Holzbläser und das “Ebony Quartet”, wie die amerikanischen Fans sie nennen, hier vortragen, gleicht einer Liebeserklärung, ist aber auch ein versteckter Blues. Stechender Schmerz über das Vergängliche.

Ein weiteres Highlight ist Portals zentrifugale Eternal Story. “Jeder von uns ist mit seinem Gepäck gekommen, seinen ‘ewigen Geschichten’, seinen Gefühlen, und dann wird daraus unsere gemeinsame Story.” Der Filmmusiker in ihm liebt den Suspense, eine Figur tastet sich vor wie auf Katzenpfoten, fabelhaft ergänzt durch Richard Hérys Drums und das Cello Raphaël Merlins.

Piazzolla schrieb die Five Tango Sensations 1989 nach schwerer Krankheit als “Abschied ans Leben” im Auftrag des Kronos Quartetts. Asleep stellt hohe Anforderungen an Portals Bandoneón-Spiel und das Quatuor Ébène, die sie bravourös meistern.

Vom 2. Geiger Gabriel le Magadure kommt Plus l’Temps. “Das Rätsel der Zeit: die Schöpfung. Der Mensch hat ein Bewusstsein, aber die Zeit entflieht ihm immer, unweigerlich. Die Zukunft spricht mit der Vergangenheit.” Alle ziehen wie an einem Strang, alles auf diesem Album ist Tanz, Klarinette und tiefe Trommeln treten in einen kurzen Dialog, bevor die Chimäre im Äther verfliegt.

Portal schrieb Solitudes in Erinnerung an Ellington und “um zu fliehen, zu träumen”. Hier komplett neu arrangiert, unterstreicht es den verhaltenen Charakter der ganzen Platte. Nichts ist überzeichnet, alles ist geerdet, unsentimental im Blick auf die Höhen und Tiefen des Lebens. Mit einer künstlerischen Leichtigkeit, die Stendhal als “Anzeichen innigsten Gefühls” benannte. “Michel Portal, der jugendliche Veteran und vier mehr als abgehärtete Jugendliche” (Le Monde) bescheren uns mit Eternal Stories ein unerwartetes Meisterwerk.

Man könnte Portal mit der Sprache von Film und Theater einen großen Charakterdarsteller nennen.Wie Sonny Rollins ist auch für ihn das Betreten eines Tonstudios zur Aufnahme einer Platte “eine traumatische Erfahrung”. Er braucht die Bühne und das Publikum, möglichst jeden Abend, immer mit einem anderen Programm. Quälend der Gedanke, das Fließende, Unwiederholbare in der Musik festhalten zu wollen. Weil er sich damit so schwer tut, gibt es zu wenige Alben von ihm. Doch diese Eternal Stories mit dem Quatuor Ébène sind ein Ereignis und ein Werk von großer Anziehungskraft. Anders als sein Idol Charlie Parker wählte Portal nur einige wenige Stücke, die zu den stärksten in seinem Repertoire gehören und schrieb neues Material als Ergänzung.

Tracks
1. City Birds (Pierre Colombet)
2. L’Abandonite (Michel Portal)
3. Judy Garland (Michel Portal)
4. Elucubration (Xavier Tribolet)
5. Eternal story (Michel Portal)
6. 5 Tango Sensations: I. Asleep (Astor Piazzolla)
7. 5 Tango Sensations: II. Loving (Astor Piazzolla)
8. 5 Tango Sensations: III. Anxiety (Astor Piazzolla)
9. Plus l’Temps (Gabriel le Magadure)
10. Trilogie: Solitudes (Michel Portal)
11. Le Corbillon (Raphaël Merlin)
12. It was nice living here (Adrien Boisseau)

Quatuor Ébène feat. Michael Portal „Eternal Stories“
Erato

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