Richard Hawley „Lady?s Bridge“


Richard Hawley „Lady?s Bridge“
Mute Records

In einer Zeit, in der die neusten Trends, Szenen und Sounds in Windeseile vorbeirauschen und selbst die Lieblingssongs im Shuffle-Modus gehört werden, brauchen wir Musik mit einer gewissen Beständigkeit, Alben, die wir uns in einem Durchgang anhören können, bis sie ausgeleiert sind; so wie es bei früheren Generationen mit ihren Johnny Cash-, Frank Sinatra-, Beatles- und Smiths-Platten der Fall war. Etwas Echtes. Etwas Zeitloses. Etwas Wahres.

Genau wie auf seinem Mercury-nominierten Album Coles Corner zeigt sich Richard Hawley der Herausforderung gewachsen, in einer Kultur der billigen Kicks echte Qualität abzuliefern. Aufgenommen zwischen Januar und Juni dieses Jahres, wartet sein neues Album Lady?s Bridge mit genügend Klassikern für ein ganzes Leben auf. Tolle Musik braucht keinen Hype, sie schafft sich von ganz allein Freunde. Und Freunde dürfte Lady?s Bridge mit Leichtigkeit finden.

Als Coles Corner 2006 für den Mercury Music Prize nominiert wurde, galt Richard Hawley als Outsider mit einem Album, das seinen Erfolg einer langsamen, aber beständigen Mund-zu-Mund-Propaganda verdankte. Am Abend der Zeremonie wurde er bereits als Favorit zahlreicher Anwesender gehandelt und als letztendlich die Acrtic Monkeys den Preis bekamen, rief deren Sänger der versammelten Musikbranche im Publikum zu: ?Kann bitte jemand die Polizei rufen? Richard Hawley ist beraubt worden.?

Selbstverständlich blieb Hawley selbst fest in der Realität verwurzelt, und genauso selbstverständlich hätte man auch gar nichts anderes erwartet von einem Mann, dessen samtene Schlummerlieder ihn zum ?Elvis des Nordens? – neben vielen anderen Tributen – gestempelt haben, der sich selbst jedoch immer noch als ?Brillenschlange aus Sheffield? bezeichnet.

Coles Corner klingt heute immer noch wundervoll, aber mit Lady?s Bridge ist Richard Hawley ein sogar noch besseres Album geglückt, noch ehrgeiziger, größer und mutiger. ?Ich wollte nicht das Rad neu erfinden oder etwas in der Art?, erklärt er. ?Ich schreibe Songs und spiele Gitarre, und das war?s auch schon. Da gibt es kein großes Geheimnis. Ich bin einfach ständig auf der Suche nach etwas Schönem, Melodien die den Punkt treffen. Das ist es, was ich tue; es ist schwierig zu erklären, weil es so simpel ist.?

?Lady?s Bridge kommt mir vor wie eine Leinwand, die immer größer wird. Als ich es aufnahm, sah ich vor meinem geistigen Auge eine Schlagzeile – ?Hawley entdeckt Geschwindigkeitsschock!??

Lady?s Bridge klingt weitaus vielseitiger als Coles Corner. Das Markenzeichen – seine Stimme – ist natürlich immer noch da; aber auf dem aktuellen Album erkundet Hawley nicht nur jene warmen, mühelosen Balladen, die die Zeit anzuhalten scheinen, sondern auch Rockabilly und Doo-Wop. Die Rockabilly-Tracks – Serious und Looking For Someone To Find Me – entstanden nach seinem Schauspieldebüt im Film Flick, in dem er als Rockabilly-Radio-DJ neben Oscar-Gewinnerin Faye Dunaway zu sehen ist. ?Ich sollte den Soundtrack aufnehmen, habe mich aber – wie so oft – ablenken lassen?, sagt er. ?Anstatt das zu tun, was ich eigentlich tun sollte, schrieb ich Serious.?

Dieses Album hat außerdem ein ausgeprägteres Band-Feeling, denn Hawleys bewährte Mitstreiter John Trier (Keyboards), Shez Sheridan (Gitarre) und Dean Beresford (Drums) haben dieses Mal allesamt Hauptrollen übernommen, derweil sich Bassist und Koproduzent Colin Elliot der Herausforderung stellte, für den üppigen Opener Valentine ein 16-köpfiges Saitenorchester zu arrangieren.

Wie Coles Corner, einem legendären Pärchen-Treffpunkt in Sheffield, ist das Album nach einer weiteren lokalen Sehenswürdigkeit benannt. ?Lady?s Bridge ist die älteste Brücke der Stadt?, erklärt Richard. ?Historisch gesehen die Verbindung zwischen der armen Seite der Stadt, woher ich stamme, und der reichen. Aber der Titel ist auch auf persönlicher Ebene wichtig für mich, weil ich finde, dass ich in letzter Zeit in meinem Leben eine Brücke überschritten habe.?

Gemäß Hawleys Gesetz müssten uns alle guten Songs dazu animieren, zu kämpfen, Sex zu haben, zu weinen oder zu saufen. Lady?s Bridge erfüllt die beiden letzten Kategorien im höchsten Maße, und wenn man weiß, worauf es zu achten gilt, trifft dies auch für die anderen beiden zu.

Wie Coles Corner ist auch Lady?s Bridge von Geistern heimgesucht ? namentlich den Opfern der großen Flut von Sheffield im Jahr 1864 (an die Roll River Roll erinnert), der verglühenden Asche vergangener Romanzen (in Valentine und dem glorreichen The Sun Refused To Shine), und der einsamen Wanderlust von The Sea Calls und Dark Road. Da gibt es Sanftheit (das liebliche Our Darkness, das unseren Helden in den Schutz seiner Heimat zurückkehren sieht) und Entschlossenheit ? Tonight The Streets Are Ours ist vielleicht der schönste Song über die Brutalität der britischen Regierungsstrategie gegen gesellschaftsfeindliches Verhalten, den man je zu hören bekommen dürfte.

Aus verschiedenen Gründen ist Lady?s Bridge eine intensiv persönliche Platte, hauptsächlich weil Richard während der Aufnahmen im Februar 2007 seinen Vater Dave Hawley nach einem dreijährigen Kampf gegen den Krebs verlor. Hawley Senior war ein Mann, der nicht nur seinen Sohn dazu inspirierte, zur Gitarre zu greifen, sondern dem er auch seinen Arbeitsethos (er gehörte zu einer Generation von Musikern, die tagsüber in den Stahlwerken arbeitete und abends Gigs spielte) und seinen Sinn für Humor verdankt. Er war, in Richards Worten, ?ein Teddyboy der ersten Stunde, der sein Leben voll auskostete? und ?eine Katze zum Lachen bringen konnte.?

?Es war ziemlich schwierig, meine Erfahrungen nicht in die Platte einfließen zu lassen?, sagt er. ?Ich bemühte mich, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten und den Ball nicht aus den Augen zu verlieren. Das Letzte, was mein Vater mir abends im Hospiz sagte, war ?Okay, verlier den Ball nicht aus den Augen?, und wenn ich dann ging sagte er immer: ?Und vergiss mein Bier und meine Kippen nicht?.?

Als Tribut an seinen Vater zeigt das Albumcover Richard im legendären Club 60, Sheffields Antwort auf The Cavern, auf der Bühne, auf der sein Vater vor über 30 Jahren mit Blues-Legenden wie John Lee Hooker und Muddy Walters auftrat. Zweifellos würde sein Vater auch mit der Videoreihe einverstanden sein, die Richard mit Made In England- Regisseur Shane Meadows ? einem von immer mehr Hawley-Fans ? gedreht hat und die den Sänger in verschiedenen Stadien der Peinlichkeit zeigt – bei einer Romanze mit einer Schaufensterpuppe, beim Navigieren eines Rollstuhls durch den nahegelegenen Park und als John Travolta verkleidet, der vor einem überraschten Publikum in einem Seniorenheim trällert.

?Shane verstand, was mir vorschwebte?, sagt er. ?Ich nehme meine Musik sehr ernst, aber die Videos sind eher humorvoll gemeint. Ich hasse Videos, in denen jemand die Musik interpretiert oder einfach nur herumsteht. Nicht nur wollen dir diese Muppets etwas verkaufen, obendrein sollen wir uns auch noch mit ihrem Ego und diesem ganzen Sing- und Tanz-Blödsinn auseinandersetzen. Wenn man ein Video macht, will man letztendlich etwas verkaufen, und dabei kann man doch wenigstens ein bisschen Würde und Humor erwarten.?

Das Album wurde im Yellow Arch Studio in Neepsend, Sheffield, in dem heruntergekommenen Gebäude aufgenommen, das Hawley und seine Freunde vor fast vier Jahren renovieren halfen. Wie damals bei Jarvis Cocker, den Richard dazu brachte, nach Sheffield zurückzukehren, wenn er seine Hilfe bei seinem Solodebüt wollte, stellte sich nie die Frage, im Ausland oder in einem großen Studio aufzunehmen.

?In diesen Studios fühlt man sich wie an Bord des Raumschiffs Enterprise?, begründet er. ?Wenn es um deine Gefühle geht, brauchst du kein Ciabatta und keinen Billardtisch. Du musst dich darauf konzentrieren, was du tust, da reichen Butterbrot, Stift und Papier.? Außerdem bietet ihm das Yellow Arch etwas, das Richard den ?Sun Studio-Rotlichtfaktor? nennt und den Anreiz, dort mit dem Skelett einer Idee anzukommen und mit einem Meisterwerk wieder zu gehen.

Im Januar 2007 begann er, 40 Songs in verschiedenen Stadien der Perfektion aufzunehmen. Vier Monate später verließ er das Studio mit weiteren 11 Klassikern, die nun in Hawleys Gesamtwerk eingegangen sind. Die Brillenschlange aus Sheffield ist eben nicht aufzuhalten.

Tracks
1. Valentine
2. Roll river roll
3. Serious
4. Tonight the streets are ours
5. Lady Solitude
6. Dark road
7. The sea calls
8. Lady´s bridge
9. I´m looking for someone to find me
10. Our darkness
11. The sun refused to shine

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