Robin Mckelle “Melodic Canvas”

robinIn der bildenden Kunst verleiht die Farbkomposition auf der Leinwand einem Bild Ausdruck und Qualität. Auf ihrem neuen Album „Melodic Canvas“ nutzt die amerikanische Sängerin und Komponistin Robin McKelle Harmonien zur Kolorierung ihrer farbenprächtigen Melodien. Mit feinem Augenmerk auf Nuancen und Schattierungen erklärt sie die Tatsache, dass es ohne Stille keinen Ton gibt, zur Tugend – in fast ausschließlichakustischem Kontext.

Mut ist der Schlüssel zu diesem bislang persönlichsten Werk McKelles. Mut zur alleinigen Regieführung ihrer Musik. Erstmals in ihrer knapp anderthalb Jahrzehnte andauernden Karriere zeichnet sie für sämtliche Arrangements und Produktionsfinessen verantwortlich. „Produktionsmethoden haben mich immer interessiert, aber diesmal hatte ich eine genaue Vorstellung von der Geschichte, die ich erzählen wollte, bevor ich ins Studio ging. Daraus resultierte mein Wunsch, mich intensiver in alle Aspekte der Entstehung dieser Platte einzubringen. Deshalb fand ich auch, dass sich meine eigenen Songs, neben drei ausgewählten Cover-Versionen, am besten für die Story-Line des Albums eigneten“, erzählt McKelle in Paris.

Sie pendele oft zwischen der Seine-Metropole und ihrem Haus in Upstate New York, erzählt sie weiter. Schon der vielen, über die Jahre entstandenen, Freundschaften wegen. Und auch, weil die Franzosen sie von Beginn an mit offenen Armen empfangen hatten. Vermutlich ist ihre Erfolgsbilanz bei unseren europäischen Nachbarn damit zu erklären, dass ihr Gesang ohne Umwege und stimmliche Schnörkel den Zuhörer erreicht. Ohne chichi, sozusagen. „Il est Mort le Soleil“, ihre französischsprachige Version des Song-Klassikers „The Sun Died“, die auf „Melodic Canvas“ als Bonus-Track enthalten ist, bietet entsprechend viel mehr als schmückendes Beiwerk. Vonreduziertem, aber effektiven Kontrabass-, Conga- und Piano-Fundament getragen, gewinnt McKelles Stimme auch im sorgsam arrangierten Chor-Gesang an einnehmender Präsenz, ohne je aufdringlich zu klingen.

Die zehn Stücke der Platte ergeben ein Kunststück, versiert inder Betrachtung des Sublimen. Jazz, Blues und Gospel deutlicher zugewandt als ihre bisherigen Alben, manifestiert sich auf „Melodic Canvas“ auch McKelles gewachsenes Gespür für leidenschaftliche Dialoge. Wechselseitig von Pianist Shedrick Mitchell (Jay-Z, Patti LaBelle, Maxwell), Bassist Vicente Archer (Wynton Marsalis, Roy Haynes, Terence Blanchard), Drummer Daniel Sadownick (Steely Dan, Me’shell Ndege’Ocello, Christian McBride) und den Gitarristen Marvin Sewell (Jack DeJohnette) und Al Street (Jon Roche Trio) angeregt, beeindruckt McKelle auf „Melodic Canvas“ mit einer ebenso differenzierten wie musikalischen Gesprächskultur.

Im Spannungsfeld zwischen den meist unverstärkten Instrumenten und McKelles Stimme entsteht eine ungemein elektrisierende, bisweilen erotische Dynamik. „Ich fühle mich als Sängerin heute freier als während der Aufnahmen zu meinen letzten sechs Alben“, sagt McKelle.„ Meine Phrasierungen und Voicings orientieren sich wieder mehr am Jazz und in gewisser Weise ist mein neues Album eine Rückkehr zum Wesentlichen. Die Wahrnehmung des Ausdrucks eines Musikers oder einer Sängerin wird immer auch von der Umgebung mitbestimmt, in der gespielt oder gesungen wird. Die Arrangements der neuen Songs sind bewusst so reduziert wie möglich, um dem Klang aller Beteiligten gebührend Raum gewähren zu können. Wir haben schon vor den Aufnahmen sehr viel Arbeit in die Vorbereitung gesteckt, was wiederum zur Folge hatte, dass ich mich im Studio entspannen konnte, weil ich ganz genau wusste, was wie klingen sollte.“

Im Gospel-Klassiker „Swing Low Sweet Chariot“ wird McKelles Vorstellung von idealen, gleichsam swingenden Voicings von einem Gospelchor genauso getragen wie in der Jazz-affinen Neudeutung des Soul-Funk-Klassikers „Yes We Can Can“, inklusive Saxofon-Solo von Chris Potter. Inhaltlich stellen etliche Songs zeitrelevante Fragen. „Do You Believe“ stellt die allgegenwärtigen, hasspredigenden Marktschreier infrage, denen das Polarisieren scheinbar ein gesteigertes Anliegen ist. Viele Songs des Albums verbindet das Hinterfragen des Status Quo der menschlichen Spezies. Warum beherrscht die Angst vor Freiheit, vor freiem
Austausch zwischen Personen verschiedener Herkunft den nach Grenzenlosigkeit suchenden menschlichen Geist?

Antworten gibt Robin McKelle wohlweislich nicht,zumindest keine verbal artikulierten. Die musikalische Rezeption von „Melodic Canvas“ spricht derweil eine deutliche Sprache. Etikettierte Haltegriffe wie „Jazz“ oder„ Soul“ umgehen die Kompositionen und Arrangements mit der Nonchalance der gelebten, inkludierendenFreiheit. Die braucht freilich kein Neon zum Strahlen. „Die Farben mit denen ich dieses Album, meine Leinwand, bunt gestaltet habe, sind warm, gedeckt, einladend”, findet McKelle. „Viele satte Grüntöne, sandiges, erdiges Beige und tiefes Blau. Wichtig ist mir, dass sie einen Dialog mit dem Betrachter, respektive dem Zuhörer, unterstützen können.“

Tracks
1 Do You Believe
2 Lyla
3 Come To Me
4 You’re No Good
5 Swing Low, Sweet Chariot
6 Simple Man
7 The Sun Died
8 Yes We Can Can
9 It Won’t End Up
10 Il Est Mort Le Soleil

Robin Mckelle “Melodic Canvas”
Doxie Records

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