Runa

Runa von Vera BuckParis 1884, Höpital de la Salpetriere. Ein neunjähriges Mädchen wird in die psychiatrische Abteilung unter der Leitung des berühmten Pariser Nervenarztes Dr. Jean-Martin Charcot eingeliefert – ein Paradebeispiel für das weit verbreitete Frauenleiden namens Hysterie. So denkt zumindest das versammelte Auditorium, das den bizarren Schaubehandlungen voyeuristisch folgt. Doch das Mädchen Runa widerspricht allen klassischen Symptomen und der wahre Grund für ihr psychisches Leiden muss gefunden werden.

Der Schweizer Medizinstudent Jori Hell wittert seine Chance, an den lang ersehnten Doktortitel zu gelangen und lässt sich auf eine folgenschwere Abmachung mit Dr. Charcot ein: Jori soll den ersten psychochirurgischen Eingriff der Geschichte an Runas Gehirn vornehmen. Was ihm aber erst der Fund eines toten Mannes in einem Waldhaus bei Clamart offenbart, ist die Tatsache, dass das Kind an einem Wahn leidet, dessen Auswirkungen sich wie eine Spur durch ganz Paris ziehen: Wo sich Runa aufhielt, hat sie Buchstaben und Bilder aufgemalt oder in Gegenstände geritzt. Selbst in der Haut einer Leiche finden sich ihre Zeichen. Und langsam dämmert es Jori, dass er selbst Protagonist ihres düsteren Wahnsinns ist …

Im Rahmen eines wissenschaftlichen Forschungsprogramms hatte Jori Hell vor Jahren an zweifelhaften Menschenversuchen teilgenommen, in die nicht einmal Charcot eingeweiht war. Und das seltsame Mädchen Runa scheint etwas darüber zu wissen. Jori begreift, dass es eine Fortsetzung der Versuche gegeben haben muss, für die Runa in ihrem Schreibwahn kontinuierlich Beweise produziert. Er müsste das Mädchen verschwinden lassen, um das Geheimnis zu bewahren und um sich selbst zu retten. Doch verbissen in seine wissenschaftliche Forschung und sein Streben nach Erfolg, gerät er selbst außer Kontrolle und will nicht wahrhaben, dass andere Personen in Paris längst auf Runas Spuren gestoßen sind.

Neben einem historisch realen Setting greift der Roman auch berühmte Personen als Protagonisten auf, die sich 1884 an der Salpetriere aufhielten. Unter ihnen sind Jean-Martin Charcot, Joseph Babinski, Cerard Encausse und Jules Bernard Luys, die mit ihren Versuchen zur Hypnose, Metallotherapie und Aurachirurgie eine Zeit widerspiegeln, in der das Übernatürliche noch nicht im Widerspruch zur wissenschaftlichen Methode stand.

Dort, wo der Arzt durch Dokumentation und Diagnose neue Krankheitsbilder schafft und die Kriminologie ‚wissenschaftliche‘ Methoden zur Identifizierung von Verbrechern entwickelt, werden Wirklichkeiten erfunden, die der Laie nur schwer anzweifeln kann. Ein ständiges Thema ist deshalb auch das Verschwimmen von Realität und Fiktion, von Wahn und Wissenschaft, das nicht nur in Joris Wahrnehmung, sondern auch in der des Lesers stattfindet.

Autorin
Vera Buck, geboren 1986, studierte Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums schrieb sie Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften. Nach Stationen an Universitäten in Frankreich, Spanien und Italien lebt und arbeitet Vera Buck heute in Zürich.

Runa
Autorin: Vera Buck
608 Seiten, gebunden
Limes
Euro 19,99 (D)
Euro 20,60 (A)
sFr 28,50 (UVP)
ISBN 978-3-8090-2652-5

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