Sarah Ferri „Displeasure“

sarahferriIhren unbeschwerten Gypsy Retro-Swing haben wir vom Debüt „Ferritales“ noch im Ohr. Die Italo-Belgierin, die von der Tageszeitung De Standaard als eine der „großen Entdeckungen des Jahres“ gepriesen wurde, legt nun mit einem zweiten, durchweg überraschenden Werk nach: Von ihrer mediterranen Seite abgekehrt, offenbart Sarah Ferri die melancholischen Aufwühlungen ihrer Seele, nach dem Sommermärchen folgt der Herbststurm. Mancher mag sie kaum wiedererkennen – und genau das macht den ungeheuren Reiz von „Displeasure“ aus.

Dass zwei Seelen in ihr schlummern, daraus hat sie selbst nie ein Geheimnis gemacht: „Ich habe oft das Gefühl, dass ich ein Alien bin – in Italien finden sie mich zurückhaltend und unnahbar, in Flandern genau das Gegenteil“, bekannte Sarah Ferri einmal im Interview. Als Tochter eines Italieners und einer Belgierin bekommt sie zuhause eine reichhaltige Palette musikalischer Geschmackrichtungen serviert, von Bossa Nova bis zu Psalmen, von Seventies-Pop bis zu klassischem Klavierunterricht. Ihr eigenes, folkiges Songwriting geht zunächst parallel mit einer Ausbildung zur Wirtschaftsingenieurin, bis sie sich eingesteht, dass die Musik die eigentliche Hauptrolle in ihrem Leben spielen sollte.

Und das tut sie dann auch bald: Zunächst testet Sarah sich in einer Garage Rock-Band namens Misses Bombie aus, doch das entspricht in keiner Weise ihrem sensiblen und nostalgischen Wesen. Die Wende kommt, als sie 2009 in Gent einen wichtigen Song Contest gewinnt und schließlich im Vorprogramm von Caro Emerald und Simply Red auftritt. Ein Majorlabel in Belgien winkt mit einem Plattenvertrag, das 2012 eingespielte Debüt „Ferritales“ wird zum Renner. Auf Jazzhaus Records startet sie damit auch 2014 durch und becirct ihre Hörer mit einer Welt aus Gipsy Swing à la Vaya Con Dios, Bossa Nova mit flämischer Färbung, chansoneskem Walzer, einem Anflug von Blues, einem Schuss Spaghetti-Western-Flair. Und über all diesen fantastischen Miniaturen schwebt ihre Stimme mal elfig schwebend, mal dräuend unheilvoll. Welch vielfältiges Potenzial in ihrer Vokalkunst und ihrem Songwriting liegt, davon kündet schon diese Scheibe, die sie im Gespräch mit einer österreichischen Zeitung als „bittersüß mit einem witzigen Beigeschmack“ bezeichnet.

Das Nachfolgewerk „Displeasure“ schreitet nun wagemutig auf all den Pfaden aus, die Ferri zuvor zwar schon zaghaft gespurt, aber noch nicht begangen hatte. „Es war ein holpriger Weg“, sagt sie selbst, „aber ich war selbst von mir überrascht und habe neues Terrain erkundet. Ich bin stolz auf meinen neuen Wurf!“ Die Bittersüße, sie ist nun im Zentrum, und sie wird geradzeu cineastisch ausgekostet: „Displeasure“, zu deutsch das Missfallen, der Unmut, lotet die Abgründe der Seele mit Theatralik aus, bedient sich dabei sogar orchestraler Mittel. Ferri komponierte die Stücke mithilfe eines Midi-Klaviers, malt Stimmungen mit Streichern, Chören und Pauken. Dabei beruft sie sich auf die Großen der Zunft: Ennio Morricone ist als Idol nicht zu überhören, auch der Filmkomponist James Newton Howard und Billy Holidays Arrangeur Ray Ellis.

Bereits das Titelstück entfaltet die Qualitäten eines großen Pop-Dramas: Ferris dunkle Stimme berichtet vom lähmenden Gefühl der Ohnmacht und des Unmuts, das immer wieder an einem nagt, wenn Hoffnungen durchkreuzt werden, meisterhaft gebettet in sägende Gitarren, schweifende Chöre und pompöses Schlagzeug. Ein wenig düsteres New Romantics-Feeling der Achtziger kommt in der Single „When The Giants Play Poker“ auf, gespickt mit Metaphern über eine zerfallende Gesellschaft und Chorsätzen über mehrere Oktaven. Endzeitstimmung mit großem Besteck malt die Sängerin in „God Gave Us A Rainbow“: Das Piano führt durch ein symphonisches Soundscape mit Streichern und gewaltigen Chören wie aus einem Monumentalfilm – bevor „The Bunker“ diese Atmosphäre fortsetzt, aber mit einem Anflug von großer Chanson-Gestik der Sechziger.

Wie eine schwüle Tango-Nocturne mit staubtrockener Wüstengitarre lädt „The Moon“ zum Sommernachtstanz. Doch da sind auch die hellen Momente: „Your Gaze“ führt mit seinem Triolenpiano und der raffinierten Melodiestruktur in die besten Zeiten eines Roy Orbison oder Del Shannon zurück. Wie ein Zwilling hierzu mutet zunächst „She’s On Fire“ an, bauscht sich dann aber zum stromgitarrenschwangeren Monster auf. „Living Water“ begibt sich mit einem Fuß hinunter ins Snake Pit, das legendäre Aufnahmestudio der Motown-Hits. Bis Ferri im Finale schließlich eine bewegende, akustische Reminiszenz an den untergegangenen Seemann anstimmt, der nie mehr nach Hause zurückkehrte.

“Musik ist für mich ein Segen und eine Last“, sagt Ferri. „Aber sie ist auch ein Tor zur Seele, zum Geist und weit darüber hinaus.“ All diesen Segen, aber auch all diese Last hat sie in „Displeasure“ hineingepackt und für uns das Tor zu ihrer Seele weit geöffnet – dort finden wir eine wunderbare Welt voll exaltierter Leidenschaft und inniger Empfindung.

Tracks
1 Displeasure
2 When the giants play poker
3 God gave us a rainbow
4 In my bunker
5 The moon
6 Your gaze
7 She’s on fire
8 The bird with the broken wing
9 Old habits
10 I’m tired of your game
11 Living water
12 Where home was

Sarah Ferri „Displeasure“
Jazzhaus Records

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