Sascha Kimaz „Hallo“

cover_nurhalloBanker sind zumeist vernunftbegabt und pflegen eine Nähe zum Bürokratischen. Was also ist passiert, wenn einer ihrer Kunden von einem der Ihren eine Mail wie diese erhält: „Mein erstes Feedback: Wow! Gänsehaut! Tränen in den Augen. Ein Lächeln. Genau so, nachdenklich, bunt und schrill. Herzlichen Dank! Lieben Gruß, Jens.“ Als Sascha Kimaz diese Zeilen vorliest, spricht er selbst noch mit belegter Stimme. Er hatte besagtem, seinem Banker, der ihm „stets vertraut“ habe und ohne den er „heute nicht da wäre, wo ich bin“, kürzlich ein Exemplar seiner ersten CD geschickt. Und das war nun die Antwort. Wow!

Die Tränen ziehen sich durch die Geschichte des Hamburgers, die der Verzweiflung ebenso wie die der Rührung. Letztere allerdings erst, seit Kimaz seine Lieder zu Gehör bringt. Eigentlich ist der 47-Jährige ja erfolgreicher Unternehmer in Sachen Kunststoff, so der Stand der Dinge. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er in einer Familie, die mit modernem Vokabular wohl als disfunktional zu beschreiben wäre. Gewalt und Süchte ziehen sich durch die Erzählungen aus seiner Jugend, „nach außen hin mussten wir immer die perfekte Familie mimen, nach innen hin war es die Hölle.“ Als am 8. Dezember 1980 in New York John Lennon erschossen wurde, nahm sein junges Leben eine frühe Wende. „Einen Tag nach seinem Tod spielte das Radio, damals unser Wegbegleiter, morgens ’Imagine’. Ich hatte geweint und musste mit diesem Gefühl zur Schule gehen, wo mich sofort Mitschüler deswegen hänselten“, sagt Sascha Kimaz. „Ich kam zurück nach Hause, wo es zwar nichts zu essen, aber genügend Gitarren gab. Ich schnappte mir eine Kindergitarre und versuchte ’Let It Be’ zu spielen. Damals hatte ich mir die Bedeutung des Titels noch mit ’Lass es sein’ übersetzt, obwohl es im Grunde heißt ’Lass es zu’, ein sehr spiritueller Song. Weil dieses Zulassen etwas sehr Schwieriges ist.“

Für ihn inzwischen nicht mehr. Heute steht Sascha Kimaz mit entwaffnender Offenheit zu seinen Gefühlen, beinahe derart konsequent, dass es den Zuhörer schmerzt. Auf seine Talente als Sänger hat er trotzdem ewig lange nicht vertraut, „das ist erst seit drei Jahren der Fall, vorher hatte ich nicht daran geglaubt, wirklich singen zu können. Anfangs versuchte ich meinen Produzenten Jan-Erik sogar noch davon zu überzeugen, jemand anderen für mich singen zu lassen, ich traute mir das einfach nicht zu. Ich kann zwar eine Rampensau sein, mehr allerdings liegt mir die Rolle als der Schüchterne.“ Dann spielte er die Eigenkompositionen seinen Mitarbeitern vor, „und 50 Prozent der Frauen haben bei mir geweint. Wirklich phänomenal und für mich ein echtes Geschenk. Ich nehme das absolut nicht als eine Selbstverständlichkeit wahr.“

Als Schüler hatte er mal einen Song geschrieben, der hieß „Scheiß auf die Schule“, und den trug er ausgerechnet der versammelten Lehrerschaft vor. „Und dann wunderte ich mich irgendwann, dass meine drei schönsten Schuljahre die zehnte Klasse waren.“ Fast 30 Jahre später, erscheint mit „Hallo“ sein erstes Album. Was eine kleine Notlüge ist, denn verschickt hat er es bereits 7000 mal an Kunden und Geschäftsfreunde, unter seinen Angestellten kursiert es bereits als beliebtestes Geschenk an Freunde und Verwandte. Dabei dienen sich seine Lieder keinem Genre an, die Spanne reicht von der Popballade bis zum Rock’n’Roll. Ergebnis dreier Jahrzehnte des Wartens und Sammelns? „Nein“, sagt Sascha Kimaz, „das liegt daran, dass es mich wütend macht, wie heute die Tendenz zur Gleichmacherei gedeiht. Alles soll immer gleich, immer erwartungsgemäß klingen“. Er hingegen möge Individualität, „ich höre auch gern mal eine Oper oder eben Metallica. Stimmungen sind nicht gleich, und ich finde es schade, dass so viele Künstler sich dem Wunsch der Industrie beugen, immer gleich zu klingen. Das kommt nämlich fast nie von den Künstlern selbst. Die werden minimiert auf das, was irgendwer für verkäuflich hält.“

Ein Schicksal, welches Sascha Kimaz so wenig wird teilen müssen wie es ihm wohl lieb wäre, zumindest seiner jetzigen Profession als selbständiger – und höchst erfolgreicher – Unternehmer immer mal wieder zu entkommen. „Ich weiß nicht genau, ob ich heute noch einmal ein Unternehmen aufbauen wollte “, gesteht er, „Man gerät dabei in eine Einbahnstraße, aus der es kein Zurück mehr gibt. Man darf auch nicht stehen bleiben, sondern muss immer vorwärts gehen. Entweder man gibt der Angst nach und geht unter, oder man lebt in dem Glauben, dass man es schaffen kann.“ Es sind diese Bekundungen, die den so breitschultrigen wie sanftmütigen Mann zum Unikat machen. Und es ist seine Stimme, von keinem Gesangsunterricht in ihrer Echtheit und ihrem archaischen Sound verbogen, die dem Hörer die Beine unter dem Leib wegzieht und ihn doch in weiche Kissen fallen lässt. „Ich fühle mich nicht mehr abhängig davon, ob jetzt 100, 10.000 oder eine Million Leute sagen, sie fänden das toll“, sagt Sascha Kimaz. „Sondern für mich ist es schlicht toll. Ich werde mich nicht verändern, selbst dann nicht, wenn es laufen sollte.“ Das könnte durchaus passieren. Als Kimaz seinem Finanzbeamten seine Lieder in der Behörde vorsang, brauchte selbst dieser Mann ein Taschentuch. Das will schon etwas heißen.

Tracks
Hallo
Alte Lieder
Ich bin verliebt
Silver Surfer
Achterbahn
Es funktioniert
Ich lebe nur einmal
Flieg mit mir
Mein Hamburg
Bunt und Grell
Los
Ich liebe dich
Ich werde älter
Wie sehr ich Dich lieb


Sascha Kimaz „Hallo“

Wunderkind

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