Scorpions „Sting in the Tail“


Scorpions „Sting in the Tail“
Sony Music

Die Elementarteilchen der Rockmusik sind seit jeher die charakteristischen Schrittmacher einer sich stets wandelnden Gesellschaft. Sie sind nicht leicht und schwerelos, wenn sie durch einen Raum schweben. Im Gegenteil: Diese Atome treiben voran, kommen oft daher, als würden ihre Fragmente den dunklen Flüssen des Herzens folgen. Sie sind Chaos und Passion, erdig, heißer Maschinenschweiß zu stampfenden Rhythmen, Musik als Allegorie der Zeit und der sozialisierten Befindlichkeit.

Einfach gesagt: wenn andere Musik den Moden folgt, so ist der Rock eine Art Chronik der laufenden Ereignisse. Und mit ?Sting In The Tail? haben die SCORPIONS jetzt dazu angesetzt, ihr musikalisches Fundament neu zu definieren und auf hartem Granit ein Werk zu schaffen, das die Charakteristik unserer Tage nicht nur trifft, sondern ihr sogar vorauseilt. Niemand hat einen funktionierenden Masterplan für ein Hitalbum. ?Wir haben?, sagt Rudolf Schenker, ?jedoch diesmal alles dem Finden unserer Grundlage untergeordnet.? ?Attitude? ist das passende Wort, die ?Gesinnung? als Stereotyp für die Rockkultur. ?I?m driving out of town just follow my heart / I think I?m gonna be a rock?n roll? star / The Girls would go mad I?d give ?em all I can give / If I had a cheap guitar and one dirty riff?, schreibt Klaus Meine im Text des Titelsongs ?Sting In The Tail?. ?Auf unserem neuen Album klingen wir frisch und schnörkellos, eben hundertprozentig wie Scorpions?, sagt Matthias Jabs.

40 Jahre ist es her, dass die alte Formation der SCORPIONS, damals noch mit Rudolf Schenkers Bruder Michael, der später zu UFO wechselte, im klapprigen roten VW Bus über die Dörfer zog, um in Kneipen, Garagen oder Hinterhöfen in Niedersachsen ihr Equipment auszupacken und abzurocken. Die Band, der Rudolf Schenker fünf Jahre zuvor in Sarstedt den Namen gegeben hatte und die mit wechselnden Musikern damals schon allererste Ansätze einer vielversprechenden Karriere vermuten ließ, hatte von Anfang an zwei ? beinahe apokalyptische ? Ziele: ?Erstens, wir beschränken uns auf englische Lyrics, weil wir ? zweitens – irgendwann zu den besten Rockbands der Welt gehören werden.? Der Rest ist Musikgeschichte: Vom ?Echo? für das Lebenswerk (2009) und als beste nationale Gruppe (1992) bis zum ?World Music Award? (1994), gibt es daneben nicht viele nennenswerten Auszeichnungen, die die SCORPIONS nicht verliehen bekommen haben. Selbst die Katalogisierung ihrer Gold- und Platinauszeichnungen widersetzt sich jeder vernünftigen Aufrechnung: Es sind einfach weltweit zu viele. Und jedes Jahr kommen neue dazu. Nur vom Plattenverkauf weiß man…er liegt irgendwo jenseits der 100 Millionen-Grenze. In der Rückschau scheint es verblüffend, wie sich scheinbar zufällig Rad an Rad fügte, wie ein Imaginarium von Rhythmen, Lyrics, Melodien mit dem Charisma der Band zum kollektiven Hit werden. Stil sicher und unverwechselbar. Zu recht sagt Drummer James Kottak: ?If you are an alien und you?re landing on the planet earth and you ask? ?What is rock ?n? roll?? ? SCORPIONS would be the answer!?

Die Ressourcen der Karrierejahre sind zu einem überbordenden Fundus geworden, der die Brücke vom Gestern zum Morgen schlägt: Mehr als 150.000 Zuschauer zwischen Manaus und Rio, bei der letzten großen Südamerika-Tour, ausverkaufte Stadien in Griechenland letzten Sommer, proppenvolle Hallen in New York, Los Angeles, Tokio und Mumbai, ?Monsters of Rock? mit Alice Cooper und Rasmus als Special Guest, von Wladiwostok bis Moskau. An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea singen sie für den Frieden, weil ein Song von ihnen weltweit wie der Soundtrack zur Entschleunigung des Wettrüstens klang und die Hymne eines sich selbst zerstörenden Eisernen Vorhangs: ?Wind of Change?. ?Wenn wir auftreten?, sagt Klaus Meine, ?ist es sehr inspirierend zu sehen, dass so viele junge Leute vor der Bühne stehen und Songs mitsingen, die geschrieben wurden, zum Teil, als sie noch gar nicht auf der Welt waren.?

Der Treibstoff heißt LIVE. ?Ich denke?, sagt Meine, ?es ist das wichtigste Argument, das stärkste: Die SCORPIONS sind eine Band, die von Anfang an ihren Platz auf der Bühne gesehen hat, die größten Bühnen dieser Welt. In den größten Stadien und Arenen. Es war immer die Herausforderung Fans zu überzeugen und live eine großartige Show zu spielen.?

Vor nicht allzu langer Zeit wollte ein Team des Nachrichtenmagazins ?Focus? die SCORPIONS in Manhattan vor einem Konzert interviewen und fotografieren. Der Journalist und sein Fotograf liefen mit der Band über den Times Square und der Redakteur zeigte sich überrascht, dass die ganze weltberühmte Band so mir nichts, dir nichts, über den Times Square laufen konnte, ohne Aufsehen zu erregen. ?Das ist halt so in New York?, meinte Rudolf Schenker noch, ?da ist es nichts Besonderes, wenn Musiker über die Straße laufen.? In dem Moment kam der erste Autogrammjäger. Dann der zweite. Dann wollten Fans ein Foto. Fazit: Es dauerte nach den Worten des Magazin-Journalisten keine fünf Minuten und auf dem Times Square herrschte Verkehrschaos. Und ?Der SPIEGEL? schrieb: ?In Deutschland mögen es viele nicht glauben oder besser: nicht wahrhaben, dass die Scorpions aus Hannover, gegründet 1965 als Schülerband, im Rest der Welt noch immer eine große Nummer sind. Richtig groß sogar: Allein im vergangenen Jahr haben sie knapp 70 Konzerte in 27 Ländern gegeben, und zwar nicht vor ein paar hundert hartgesottenen Fans, sondern vor insgesamt rund einer Million Zuschauern.?

Im Jahr 2009 haben Rudolf Schenker und Klaus Meine erneut die musikalische und textliche Basis für ein Album geschaffen. Eingespielt wurde es im eigenen Scorpions-Studio in Schwarmstedt bei Hannover und in Stockholm, wo die beiden Produzenten Mikael Nord Andersson und Martin Hansen daheim sind. Matthias Jabs: ?Ein sehr eingespieltes Team, das sich hervorragend ergänzte. Es sind kluge Leute, äußerst musikalisch und wir hatten schon lange bei einer Produktion nicht mehr so viel Spaß, wie bei der Zusammenarbeit mit ihnen. Sie teilten sich die Arbeit, Mikael war mehr für die Gitarrensounds zuständig, Martin mehr für die Gesangsparts.?

Mit Zuhilfenahme neuer Techniken, wie Skype-Konferenzen und Twitter-Nachrichten, wurde auch von unterwegs der Kontakt aufrecht erhalten. Bassist Pawel Maciwoda: ?Ich hing zuletzt ein halbes Jahr lang mit den Jungs herum, es ist mein drittes Album mit den SCORPIONS und das war auch für mich eine Riesenchance und ein wunderbarer Spaß.?

?Sting In The Tail? ist vielleicht das charakteristischste Album der SCORPIONS geworden. Vielleicht auch das schönste. Auf jeden Fall das authentischste. Der Strudel aus Drogen, Sex und Narzissmus, der der Rockmusik eine ganze Weile anhaftete, ist irgendwohin geflossen und umspült jetzt die Models im Modebusiness oder die It-Girls dieser Welt. Rock ist heute erwachsen, ernst zu nehmend. Entscheidend für das Funktionieren dieses Konstrukts sind die Menschen, die Fans. Ohne Grenzen von Klassen, Geschlecht oder Alter. Und diese Authentizität der Basis spiegelt sich in den Songs von ?Sting In The Tail? wider: Vom Titelsong über die wunderbare Rockballade ?Lorelei? (?Es geht um die deutsche Sage, wir alle kennen die Geschichte, wenn man den Rhein hochfährt und man kommt an diesem Felsen vorbei, Lorelei spielte angeblich ihr Lied und die Schiffe sind zerschellt, weil die Bootsführer über der Musik alles andere vergaßen. Lorelei ist die große Versuchung, der wir alle jeden Tag aufs Neue begegnen.?), zu ?The Good Die Young?, von dem Klaus Meine sagt: ?Es ist ein Song, der sehr tief geht, ein Thema um Menschen, die sich für Frieden und Freiheit einsetzen. Ich denke, in den Zeiten, in denen wir leben, in einer Welt, die jeden Tag mehr aus der Balance gerät, versuchen wir, diesem Gefühl musikalisch Raum zu geben.?

Spektakulär der Track ?Raised On Rock?: ?I was born in a hurricane / Nothing to lose and everything to gain / Ran before I walked / Reaching fort he top / Out of control just like a runaway train?. Mit diesen Worten beginnt der Song, der mit seinen treibenden Riffs und schwummernden Beats ein Stereotyp des SCORPIONS-Sounds ist. Projektionsfläche einer Karriere, ?ein Song?, sagt Meine, ?der die ganze Philosophie der Band auf den Punkt bringt.? Aufgewachsen mitten im Ozean des Rock?n Roll, eine Leidenschaft, die immer noch bewegt und ?die uns alle fordert, immer wieder in neue Welten aufzubrechen und immer wieder Musik zu machen. Rockmusik, das ist der Grund, dass wir unseren Traum leben.? Schlussendlich eine Ballade, die eine Anknüpfung an einen der spektakulärsten Erfolge der SCORPIONS in deren Band Historie ergibt: ?Sly?, drei Buchstaben, die nicht aus Zufall auf ?Still Loving You? Bezug nehmen: ?She was born with a song in the air / In the summer of 85 / The clouds just went and the day became so bright / A child of love angel like.?

Im Mai werden die SCORPIONS mit ihrem aktuellen Album eine Welttournee starten, die sie von Deutschland aus für drei Jahre über fünf Kontinente führen wird. Es wird das abenteuerlichste und vielleicht bravouröseste Projekt der Band. Hunderte Konzerte, Hunderttausende Fans, unzählige Meilen im Flugzeug und Tourbus.

?Get Your Sting and Blackout? ist das Credo der Tour. Eine Frage bleibt indes: Hat das bombastische Abenteuerprojekt SCORPIONS sich gelohnt? Matthias Jabs: ?Es ist ein tolles Gefühl für mich, auf die kommende Welttournee zu gehen in dem Bewusstsein, in den letzten drei Jahrzehnten die erfolgreichste deutsche Rockband mit aufgebaut zu haben. Das Gefühl, das ich auf der Bühne erlebe, ist einfach unbeschreiblich. Allein in solch einem Moment haben sich alle Mühen gelohnt.? ?Das Leben?, sagt Klaus Meine, ?hat uns verwöhnt mit der Tatsache, dass wir bis heute unseren Traum leben können. Ich glaube, wir haben so viel mehr erreicht und so viel mehr von der Welt gesehen und so viel mehr Shows gespielt und so viel mehr CDs aufgenommen und so viel mehr Menschen mit unserer Musik berührt, in so vielen Teilen der Erde, wie wir uns das am Anfang sicherlich nicht erträumt hatten. Unsere Wünsche sind alle erfüllt worden. Und noch viel mehr.? ?Ich habe mir anfangs viel gewünscht?, sagt Rudolf Schenker.

Ich hatte mir vorgestellt, irgendwann zu den 30 besten Rockbands der Welt zu gehören. Inzwischen haben wir mit Aerosmith und Kiss auf der Bühne gestanden, mit Metallica, AC/DC und ich weiß gar nicht mehr, mit wem noch, von dem man selbst fasziniert ist – bis hin zu den Berliner Philharmonikern. Jetzt gehen wir daran, eine der spektakulärsten Touren unserer Karriere zu starten. Es ist verrückt, ich hätte nie gedacht, dass wir das so lange schaffen. Ich habe eigentlich mehr erreicht, als ich mir vorgestellt hatte.? Von Sarstedt nach Schwarmstedt sind es ziemlich genau 62 Kilometer nach Norden, nach oben. Ein halbes Leben. Eine ganze Weltkarriere.

Tracks
1. Raised On Rock
2. Sting In The Tail
3. Slave Me
4. The Good Die Young
5. No Limit
6. Rock Zone
7. Lorelei
8. Turn You On
9. Let´s Rock
10. SLY
11. Spirit Of Rock
12. The Best Is Yet To Come

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