The Chieftains feat. Ry Cooder „San Patricio“


The Chieftains feat. Ry Cooder „San Patricio“
Fantasy

Es gibt musikalische Kollaborationen, die auf den ersten Blick unpassend oder gar absurd wirken mögen, bei genauerer Betrachtung aber sehr viel Sinn ergeben. Und wenn mehrfach Grammy-Gewinner zusammenarbeiten, macht dies besonders Sinn, in diesem Fall The Chieftains mit sechs Awards und Ry Cooder mit ebenfalls sechs dieser Auszeichnungen.

Für die Zusammenführung unterschiedlicher musikalischer Kulturen und Stilistiken, für das Besondere also, steht seit Langem ein Name: Ry Cooder. Schier endlos scheint die Anzahl an ungewöhnlichen Projekten, allen voran besonders der ?Buena Vista Social Club?, den Cooder zum weltweit erfolgreichsten Weltmusik-Projekte machte. Der Globus ist groß und andere Kontinente bieten ebenfalls interessanten und spannenden Geschichten. Sein Blick und sein Faible für Historisches richtet sich dieses Mal nach Irland, Amerika und Mexiko.

Es geht um die irischen Auswanderer, die sich zunächst in der amerikanischen Armee verdingten, sich aber zu Tausenden auf die Seite der Mexikaner schlugen und als ?San Patricio Bataillon? während des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs (1846-48) gegen die Nordamerikaner kämpften. Wer außer der seit über vier Dekaden weltweit erfolgreichsten irischen Folkband ?The Chieftains? wäre prädestinierter, den irischen Musikpart zu übernehmen?

Der Chieftains-Chief Paddy Moloney und Ry Cooder gewannen eine Reihe von namhaften mexikanischen, amerikanischen und irischen Künstlern wie Linda Ronstadt, Los Cenzontles, Los Folkloristas, Lila Downs, Carlos Núñez, Moya Brennan, Los Camperos de Valles, Los Tigres del Norte, Chavela Vargas, Van Dyke Parks und Liam Neeson für dieses Projekt. Irish Folk und Mariachi ? geht das zusammen? Es geht! Zu hören und zu spüren auf ?San Patricio?, einem der womöglich Aufsehen erregendsten Alben, die 2010 veröffentlicht wurden. Nun ist die neue Co- Produktion von Ry Cooder und Paddy Moloney im Handel (Concord/Universal) erhältlich.

Die irische Folkband The Chieftains, 1963 von Paddy Moloney (der Uilleann Pipes, Tin Whistle, Bodhrán und Knopfakkordeon spielt) in Dublin gegründet, hat in den gut 45 Jahren, die sie nun schon existiert, immer wieder mit Künstlern anderer Stilrichtungen und Kulturkreise zusammengearbeitet. Die Liste umfaßt u.a. Ultravox, Mark Knopfler, Mick Jagger, Elvis Costello, Roger Daltrey, Art Garfunkel, Sting, Jackson Browne, Willie Nelson, Chet Atkins, Kris Kristofferson, aber natürlich auch direkte Nachbarn wie Van Morrison, The Corrs und Sinéad O?Connor. Achtzehn Mal wurden die Chieftains in diesen viereinhalb Jahrzehnten für einen Grammy nominiert, sechs dieser Auszeichnungen (und Dutzende anderer) konnten sie schließlich bislang nach Hause mitnehmen.

Für das neue faszinierende Projekt ?San Patricio? kommt es ein weiteres Mal zur gemeinsamen Produktion mit Ry Cooder, mit dem sie Mitte der 1990er schon einmal zusammengearbeitet und zwei ihrer Grammy-Alben (?Long Black Veil? und ?Santiago?) aufgenommen hatten. Auf ?Santiago? hatten sie 1996 die Musik gemeinsam der Musik der ?verlorenen keltischer Provinz? Galizien nachgestöbert, aber auch musikalische Abstecher nach Nordportugal, ins Baskenland und nach Kuba unternommen. Dieses Mal geht es um die Geschichte der San Patricios, eine nur selten erwähnte und wenig verstandende Fußnote in der Geschichte der USA und Mexikos.

HINTERGRUND: Während des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs verließen Captain John Riley und ein kleines Bataillon, das größtenteils aus Iren bestand, ihren Posten in den USA und beschlossen, ihrem Gewissen folgend, Seite an Seite mit der mexikanischen Armee unter dem Kommando von General Antonio López de Santa Anna gegen die Nordamerikaner zu kämpfen. Von den Amerikanern wurden sie daraufhin als Verräter und Deserteure geschmäht und weitgehend aus den Geschichtsbüchern verbannt. Generationen von Mexikanern und Iren aber feiern sie bis in die heutigen Tage hinein als Helden, die sich mutig gegen einen ungerechten und nur notdürftig verschleierten Angriffskrieg zur Wehr gesetzt hatten.

Zwar kämpften in den Reihen der San Patricios auch Benachteiligte und Unterdrückte anderer Nationen (u.a. Deutsche, Polen und Schotten), aber die Mehrzahl waren Iren, die erst kurz zuvor, in Amerika gelandet waren. In ihrer Heimat hatten sie unter der Knute der englischen Großgrundbesitzer gelitten und die verheerenden Folgen einer Hungersnot kennengelernt, zu deren Eindämmung die britischen Behörden nichts unternahmen. In Amerika angekommen, blieb ihnen durch ihre Armut und die Umstände kaum etwas anderes übrig, als sich der Armee anzuschließen, wo sie dann meist unter englischstämmigen, protestantischen Offizieren dienen mußten, die sie denselben Demütigungen aussetzten, die sie schon in ihrer Heimat erfahren hatten.

Für einige war der Mexikanisch-Amerikanische Krieg ein Religionskrieg, für andere ein Freiheitskampf und für eine weitere Gruppe war es ein Krieg, der Abenteuer und Aussicht auf ein besseres Leben versprach. Am Ende war es für Mexiko und die San Patricios aber ein tragischer Krieg mit großen Verlusten. Die wenigen überlebenden San Patricios wurden von den mit ihnen gefangenen mexikanischen Soldaten getrennt, wegen Hochverrats vor ein Kriegsgericht gebracht und dann meist dem Henker übergeben oder mit einem ?D? für Deserteur auf beiden Wangen gebrandtmarkt.

UMSETZUNG: Diese Geschichte und die verlorenen Spuren der Geschichtsschreibung haben Paddy Moloney seit Jahren fasziniert. Wie, so fragte er sich, muß es wohl für die San Patricios gewesen sein, wie sah ihr Leben aus, wenn sie nicht in der Schlacht waren? Wenn Mexikaner und Iren zusammengelebt haben, mußte es dort Musik gegeben haben. ?In der Musik findet man immer eine andere Geschichte?, meint Paddy Moloney. ?Es ist eine andere Form, sich an die Vergangenheit zu erinnern. In diesen Geschichten geht es weniger um Schlachten und Grenzen als vielmehr um so zeitlose Themen wie Liebe, Verlust und Träume von besseren Zeiten. Ry Cooder sagte mir einst, dass Los Angeles noch immer eine mexikanische Stadt sei?, fährt Moloney fort. ?Und als er dies sagte, schien er das Sprachrohr längst vergangener Epochen zu sein. Es war, als hätte er Hunderte von Jahren Geschichte wie eine dicke Sandschicht weggewischt, um eine andere, noch unentdeckte Welt freizulegen.?

Da Ry Cooder ein ausgewiesener Kenner der mexikanischen Musikszene ist, taten sich die Chieftains für ihr ?San Patricio?-Projekt erneut mit ihm zusammen. In den Tonstudios von Dublin bis New York und von Spanien bis Mexiko stießen einige wundervolle mexikanische und andere großartige Musiker zu ihnen, um den vielen traditionellen mexikanischen Liedern dieses Albums ebenso viele unterschiedliche Stimmen zu geben und die San Patricios in dieser Musik wieder auferstehen zu lassen. Immer mit dem Respekt vor und dem Freiraum für die andere Stilistik. Ry Cooder setzte die Legende des Bataillons musikalisch um und komponierte für das Album die bewegende Ballade ?The Sands of Mexico?, für die er auch als Sänger vor dem Mikrofon stand. Des Weiteren ist er bei beiden Versionen von ?Cancion de Mexteca? und Linda Ronstadts ?A la Orilla de un Palamar? als Instrumentalist zu hören und verleiht allen Chieftains-Titeln seine musikalische Note.

Die Musik gleicht einer ungewöhnlichen Mixtur aus irischen und mexikanischen Zutaten: Außergewöhnlich im Geschmack aber in dieser Kombination herausragend nach den ersten Kostproben!

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