The Electric Family „Terra Circus“

terracircusGleich die ersten Takte von „Movin'“ in Form von Steff Ulrichs Drumhieben zeigen die Richtung des neuen Albums „Terra Circus“ der Electric Family. Eine Richtung die animiert, ach was, die geradezu fordert, den Volume-Regler nach rechts zu drehen. Ein rhythmisches, percussives Feuerwerk, dessen Live-Qualität ich mir gerade vorzustellen versuche. Brodelnd wie ein Vulkan legen Bass und Drums die Spur, die im Verlauf durch Anders Beckers Keyboard ein leicht orientalisches Timbre erfährt. Das alleine würde reichen, um eine treibende Rocknummer am Start zu haben. Der Family reichte das aber nicht und so gesellt sich zu Toms 12-String-Gitarre ein irres Gitarrenmonsterspiel von Rolf Kirschbaum, dessen abgehackte Riffs mich an die frühen UFO bzw. deren damaligen Saitenhexer Mick Bolton erinnern.

Ein gelungener Opener auf dem fünften Studioalbum der Band. Die zehn Jahre Pause zum Vorgänger Royal Hunt haben da sicher auch eine Rolle gespielt, dass eine solch rockig knackige Frische zu spüren ist. Weitere Gründe, wieso die Electric Family einen Knaller wie „Movin'“ auf die Lauscher haut, gibt es im Gespräch mit dem Familienvater Tom ‚The Perc‘ Redecker zu erfahren. Aber keine Bange, die Family ist als solche zu erkennen und ihrem Credo treu geblieben. Über allem schwebt eine psychedelische Aura, was in den Tracks immer wieder – mal mehr, mal weniger – durchsickert.

Treu geblieben sind die Musiker auch einer anderen Tradition, nämlich Material von Bands in ihrer ureigenen Interpretation zum Besten zu geben. Das ist ihnen auf „Terra Circus“ besonders gut gelungen, wie ich meine. Die Sisters Of Mercy-Nummer „Lucrecia, My Reflection“ wird von der Family ohne Zweifel getoppt, was zum einen an Toms Stimme und Harrys Sitar liegt. Zum anderen ist die Familien-Interpretation eine Spur düsterer ohne den Grundtenor des Originals zu verändern. An den Fellen sitzt, wie auch bei der zweiten Coverversion, Hanno Janssen. Als ich „Terra Circus“ zum ersten Mal hörte, war zufälligerweise ein SOM-Fan im Haus und er war begeistert von dieser Version.

Das zweite Cover hört auf den Namen „Mary, Mary So Contrary“ und stammt ursprünglich vom 1969er Debütalbum „Monster Movie“ von Can. Die psychedelische Variante auf „Terra Circus“ wird in Zukunft meine bevorzugte Wahl sein, sollte es mich nach „Mary, Mary So Contrary“ dürsten. Die akustische Gitarre, der punktgenaue Bass, die dezenten Slideeinlagen, die über Minuten solierende Orgel, sie spacigen Tunes der elektrischen Gitarre … das ist ein psychedelisches Meisterstück, welches gesanglich von Tom, Harry und Rolf begleitet wird.

Ein paar Schippen Rock’n’Roll wurden „When Dizzyness Comes Around“ ins Gerüst geworfen und auch wegen Payuta am Micro wäre ich beim Blindtest nie auf die Electric Family gekommen. So frisch und mit imaginären Wangenkoteletts ist die Band neu für mich. Man bemerkt die ungebremste Spielfreude der Protagonisten und ist fast bereit, der Partnerin ein Petticoat zu besorgen.

„Landmark Visions II“ ist ein alter Bekannter. Auf dem 2003er Album Ice Cream Phoenix hörte ich diesen Song das erste Mal (allerdings ohne den Zusatz „II“, dafür aber ca. vier Minuten länger) und war schlichtweg hin und weg. Und auch hier ist es wieder herrlich anzuhören, wenn Rolf seine Gitarre gekonnt malträtiert, während der Rest der Truppe scheinbar gemächlich einen Jam zelebriert. Damals schrieb David Fricke (Rolling Stone) die Liner Notes zu den Stücken auf „Ice Cream Phoenix“ und meinte: »You can get lost in this music«. Genau das trifft auch auf „Terra Circus“ zu.

Sitarbetont zeigt sich „Santuario“ und Harry beweist seine Klasse an diesem Instrument, das er stellenweise wie eine Leadgitarre einsetzt. Das in drei Kapitel aufgeteilte „The Dreamboat“ prescht treibend nach Vorne und macht keine Gefangenen. Die Musiker jammen mit hohem Tempo und zeigen, wie sehr sie aufeinander eingespielt sind. Wenn gegen Ende das Tempo herausgenommen wird, bleibt ein fast schweißgebadeter Hörer zurück, der die plötzliche Stille erst mal akzeptieren muss.

Es ist wie im richtigen Leben: Man muss sich als Familie nicht permanent treffen, aber wenn, dann sollte alles stimmen. Und bei der Electric Family stimmt auch nach zehn Jahren noch alles. Ja, es ist wohl so, dass die Aufnahmen zu „Terra Circus“ ein Familienfest der besonderen Art waren. Eigentlich muss solche Musik auch auf die Bühnen, denn wie ich bereits schrieb, ist das Stoff, der einfach auch live präsentiert werden sollte. Im Gegensatz zu vorherigen Line-ups ist das momentane bestens dazu geeignet, denn die Musiker sind nicht mehr über die gesamte Republik verstreut. Wie ‚The Perc‘ im Interview preisgab, könnte die Band 2018 wohl auch eine Tournee starten – ein Plan, der unbedingt verfolgt werden sollte.

Tracks
Movin‘ (7:00)
Lucrecia, My Reflection (8:50)
When Dizzyness Comes Around (3:58)
Mary, Mary So Contrary (6:08)
Landmark Visions II (7:35)
Santuario (2:53)
The Dreamboaat (7:42)
a. Fanfare To The Shipyard Workers
b. Name The Wreck
c. Back In The Yard

The Electric Family „Terra Circus“
Sireena Records

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