Tobias Schössler „Sections“

tobiasGeschwätzig und weitschweifig sind schon viel zu viele in unserer lauten Welt. Warum nicht stattdessen mal ohne Umschweife die Botschaft auf den Punkt bringen? „Die Dinge nur einmal sagen und erfragen!“ dachte sich der Pianist Tobias Schoessler. Sein Credo für die neue CD: „Ich mache es einfach mal kurz – und ich stehe dazu“. Und doch verhält es sich ganz eigenwillig mit dem Faktor Zeit auf diesem Album, welches er „Sections“ nennt. Je kürzer die Stücke, desto zeitloser scheint es.

Wir treffen uns zum Gespräch über Musik, vor allem aber, um sich die neuen Stücke gemeinsam anzuhören. Gemeinsam zuhören und nichts sagen ist das Gegenteil davon, Musik im Hintergrund laufen lassen. Diese neuen, komprimierten Stücke laden dazu ein, die Musik auch mal zwischendurch anzuhalten, um über das Gehörte spontan zu reden. Und überhaupt: „Man kommt sich unter Menschen nahe, wenn man gemeinsam Musik hört“, bekundet Tobias Schoessler selbst.

Da steht der schwarze Flügel im Wohnzimmer in seinem Haus im beschaulich ostwestfälischen Städtchen Harsewinkel. Warum sich im Trubel der großen Musikmetropolen herumschlagen, wenn doch hier die Einheit aus Lebensmittelpunkt und künstlerischer Wirkungsstätte eine solche Energiequelle, manchmal auch eine kreativ bereichernde Reizarmut bietet? Vor allem besteht hier Gelegenheit, „mal richtig das Klavier auszusaugen “, wie er formuliert. Ja, das trifft genau das aktuelle künstlerische Anliegen für die neue CD bzw. Schallplatte! Hier wurde Musik geboren aus einer bewussten musikalischen Archaik heraus, bei der die zu Grunde liegenden Stilelemente und formal-kompositorischen und pianistischen Mittel in ihrer Tiefe verstanden, ja „seziert“ wurden.

Zu Schoesslers letztem CD-Album „Letters Late“, die er im Duo mit Klaus Wallmeier (drums) produzierte, fiel der FAZ die Charakterisierung „Hybridspiele“ ein. Das passt auch auf den künstlerischen Ansatz der aktuellen Soloplatte bestens. Denn auf ihr berühren sich viele unterschiedliche Bezüge, Erfahrungen, Prägungen und Synthesen aus Schoesslers künstlerischer Vita in einer ambivalenten Offenheit.

„For Moondog“ heißt das erste Stück. Der US-Amerikaner Moondog, ein schillernder Grenzgänger schuf seine ganz eigene Klangwelt aus Minimalismus, Polyphonie und genialer Einfachheit. Das „Spektakulär-Unspektakuläre“ daran hat Tobias Schoeessler stark fasziniert. Mit dem Eröffnungsstück der CD „antwortet“ er darauf mit einem eigenen kleinen Meisterwerk aus Proportion und Bewegung. Hier ist alles wie ein polyphoner Kanon zart zusammengefügt, der zugleich auch behutsam-cineastisch wirkt. Die Musik kreist um sich selbst herum, entwickelt eine feine Textur und führt in ausgesuchten Momenten harmonisch auf Abwege. Romantik kommt auf, ohne dass diese wie Musik aus dem 19. Jahrhundert klingt, wo es ja zuweilen auch musikalisch weitschweifig hergehen konnte.

„Spaces“ lädt die Stimmung des Eröffnungsstückes mit noch stärkerer Pulsation und rhythmischer Vehemenz auf. Es hat etwas von Rotation, die mit kleinen Räumen auskommt, aber zugleich die Tore zu großen Assoziationen öffnet. Sinnlich ist es ist in jedem Moment – dank Tobias Schoesslers an den schwierigsten Meisterwerken der klassischen Literatur bestens geschulter Anschlagsfinesse und einer großen Gabe zur emotional differenzierten Ausgestaltung! Alles funkelt, glitzert und bewegt sich harmonisch ungewohnt reizvoll. Mal wird es sogar impressionistisch-flirrend durch die ausgiebigen Wirbel, Tonrepetitionen, Tremoli und rasanten Ostinato-Parts, über die sich horizontal eine sehnsüchtige Melodie verhalten aber minutiös spannt. Dass Schoessler ein begeisterter Debussy-Spieler ist, versteht sich hier fast von selbst.

„Open“ schließt sich fast nahtlos daran an – es könnte auch als weitere „Sektion“ des vorhergehenden Stückes gehört werden. Die in übermäßigen Intervallen aufsteigenden, gebrochenen Akkorde als Leit- und Schlussmotiv suggerieren eine rätselhafte Exotik. Aber so überbordend die Vielfalt auch ist, sie gebärdet sich nie collagenhaft, sondern folgt stets einer stringenten, übergeordneten Logik. Das gilt für jedes Stück im einzelnen und ebenso für die durchaus suiten-artige Dramaturgie sämtlicher Stücke auf diesem Album.

Liedhafte, melodiöse Linien sind ein weiteres, tragendes Element. „Song in the Corner“ beginnt wie ein Choral, führt dann aber in eine moderne Ausdruckswelt mittels mutiger Harmonie-Erweiterungen, entwickelt dann eine subtile Kontrapunktik. Man hört, wie sich zwei oder mehrere Stimmen miteinander oder gegeneinander und gleichberechtigt bewegen, so dass darin Harmonien, Klangfarben, Emotionen freiwerden. Was Schoessler dabei schafft, mutet mal barock, mal frühklassisch, schließlich sogar arabisch, orientalisch an.

„Cantus Morbidus“ klingt eigentlich gar nicht so morbide wie das Stück heißt, sondern ist eines der intimsten Stücke auf der Platte. Ein erweiterter, offener Akkord, der sich dezent harmonisch entwickelt, sich bricht und verwandelt, um zarte Klangfarben auszubreiten, pulsiert unaufdringlich, fragil und konstant, fast wie kleinste Wellenbewegungen auf dem Wasser. Hier und da „strahlt“ die Dissonanz wie ein luzides Licht in die Szenerie hinein.

Das ist eine ruhige Vorbereitung auf das wohl extremste Stück auf dieser Platte. „Air“ pulsiert ebenfalls stoisch, begehrt aber vehementer, fordernder auf und ist perkussiv gestaut. Die musikalische Archaik wird dabei auf die Spitze getrieben: Ein einzelner trockener Schlag wirkt insistierend – man könnte hier eine sich urwüchsig formende Erde assoziieren, während darüber ein Septim-Intervall, eine Zwei-Ton-Figur wie ein zarter Pastellton als luftiges Element darüber schwebt. Fazit: Was im ersten Moment wie die Reduktion auf ein singuläres Klangereignis anmutet, offenbart sich als komplexer, sich verändernder, spannungsgeladener Mischklang. Das Bild einer archäologisch-musikalischen Grabung nach uralten Spuren kommt einem in den Sinn. Es klingt alt und neu, eigenartig, befremdlich und momenthaft vertraut und warm. Plötzlich ist so etwas wie eine klar gemeißelte Harmonie erreicht und wieder verschwunden. Scheinbar Unbedeutendes wird hier ganz groß. Morton Feldman oder John Cage hätten ihre Freude daran gehabt.

„Time“ lässt einen fragilen Abgesang in der hohen Lage der Klaviatur folgen, der wie ein sphärisch dahingehauchtes Lied in eigenwillig kontrapunktisch gestützter Melodik funktioniert.

Hier erklingt ein zarter Abschied. Eine Art „Verschwinden“ in tonaler Lust und Einfachheit. Schließlich empfindet man sich wieder am Ende einer Reise, aufgetaucht aus einem unwirklich-zeitlosen, kontemplativen Kurztrip. Stefan Pieper

Tracks
1 For Moondog 4:14
2 Spaces 3:19
3 Open 3:29
4 Song in the Corner 3:22
5 Cantus Morbidus 2:15
6 Air 4:56
7 Time 3:18

Tobias Schössler „Sections“
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