Tommy Finke „Ein Herz für Anarchie“

tommyfinkeMit Tommy Finkes Musik ist es wie mit dem letzten warmen Abend im Spätsommer: Du sitzt am Fluss, du rauchst deine Zigarette runter bis zum Filter, obwohl du das Qualmen schon vor Jahren aufgegeben hast. Du bist traurig und glücklich zugleich – und vor allem voller Sehnsucht. Denn du weißt genau: Der Sommer kommt irgendwann wieder. Noch ein allerletzter Zug von der Zigarette – bittersüßer denn je. Und dann? Fängt die Nacht erst richtig an. Wird es Zeit für Flaschenbier auf den leeren Straßen der Stadt. Mit viel Leidenschaft und ein bisschen Wut im Bauch.

Tommy Finke schreibt Lieder über die Liebe. Aber nicht nur das: Er singt sich auch die Seele aus dem Leib, er empört sich, weil die Zustände der Welt ihm gegen den Strich gehen – und sein Herz für Anarchie pocht schneller und schneller. Kein Wunder, dass das perfekte Konzert sich für Tommy auch so anfühlt wie eine wilde, durchtanzte Nacht: „Die Leute kommen, sie singen mit, ich schwitze, schreie, singe und habe am Ende Tränen in den Augen, weil so viel von den Leuten zurückkommt.“

Tommy Finkes musikalische Laufbahn stand zunächst unter keinem Glücksstern: Tinnitus mit sieben Jahren. Was soll aus so einem Jungen denn werden, so rein musikalisch gesehen? Einige Jahrzehnte später kennen wir die Antwort: ein multitalentierter und rastloser Musiker, bei dessen Arbeit man selbst Ohrensausen bekommt. So richtig ging es los, als Tommy 17 Jahre alt und sein Vater schwer krank war: „Da hat er mir im Sommer einfach so eine Gitarre gekauft, als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, weil er wohl wusste, dass er dann nicht mehr da sein würde.“

Das war für Tommy der Schlüsselmoment. Und seitdem macht er Lieder. Immer anders, immer eigenwillig. Passt in keine Schublade. Ist nie erwartbar. Klingt erst recht nicht nach dem eingängigen Dudelpop. Dabei arbeitet Tommy Finke in vielen verschiedenen Genres – und mindestens ein Projekt vergisst man beim Aufzählen sowieso immer: Er ist Singer-Songwriter und schreibt komplexe Texte mit ebenso komplexen Melodien. Was übrigens manchmal ganz schnell geht: „Die besten Texte schreiben sich fast wie von selbst in zehn Minuten runter.“

Er komponiert außerdem Filmmusiken – zum Beispiel den berührenden Soundtrack zum Ruhrpott-Film „Junges Licht“ von Adolf Winkelmann – und ist seit 2015 musikalischer Leiter des Schauspiels Dortmund, wo er viele Stücke begleitet. Zufall? Aber sicher! Tommy sollte eigentlich nur für ein Stück Schauspieler auf der Bühne live remixen. Eine Woche später saß er dann mit dem Intendanten zusammen. Und hatte plötzlich noch ein Herzensprojekt mehr.

Kurz und gut, es gibt nicht einen Tommy Finke, sondern gleich drei, vier oder fünf parallel. Am Anfang, 1998 war das, da war der gebürtige Bochumer sogar Punk. Naja, zumindest Spaßpunk – mit Schulfreunden gründete er die Band „Hummelgesicht“ und ein Jahr später „Stromgitarre“ – Hamburger Schule made by Ruhrpott. Und so richtig hört das auch nie auf: „Hummelgesicht“ beispielsweise veröffentlicht manchmal nach einem Jahrzehnt einen neuen Song, wie aus dem Nichts. Tommy selbst dazu: „Ist das nicht das Schöne? Keiner weiß, wann meine Projekte zuschlagen!“

Seit 2003 tritt Tommy Finke solo und mit Band auf – und schaut man sich allein seine Albentitel seither an, dann kriegt man ein Gefühl dafür, das Tommys Lieder vor allem eins sind: immer überraschend. Keine Platte ist wie die andere. Soll sie aber auch gar nicht sein. „1000 Meilen“ (2004). „Repariert, was Euch kaputt macht“ (2008). „Poet der Affen“ (2010). „Unkämmbar“ (2013) . Schon die Titel sprechen für sich.

Die Songs von Tommys letzten Alben waren oft zart und melancholisch. Damit ist es zumindest vorerst vorbei: „Ein Herz für Anarchie“ heißt Tommy Finkes aktuelles Projekt – und diesmal geht er ans Eingemachte: „Ich möchte, dass das Album einen erst einmal auf angenehme Art und Weise überrollt“, sagt Tommy.

Was ist nur aus diesem Flecken Erde geworden, diesem Ruhrpott, fragt er sich in „Strukturwandel (In der Mitte fehlt der Fluss)“. Und ein anderer Song stellt zornig und kritisch fest: „Schön, dass du reiche Eltern hast, die hatte ich nicht.“ Für Tommy ist es beispielsweise diese prekäre Lage junger Menschen in den Städten, die er in seinen Songs auf „Ein Herz für Anarchie“ beschreibt: „Viele Großstädte funktionieren inzwischen eher wie ein Fleischwolf, in dem man die Leute mit ihren Hoffnungen zerquetscht.“ Was tun mit so viel Wut und Ohnmacht im Bauch? Schlimmstenfalls einfach an 9-Volt-Batterien lecken, um zu sehen, ob man noch lebt – so, wie es Tommy im gleichnamigen Song „9-Volt-Blockbatterien“ beschreibt.

Ein Anliegen, darüber muss man nicht diskutieren, hatte Tommy Finke schon immer. Doch diesmal ist er gesellschaftskritisch, stellt er sich Fragen, die uns alle bewegen – auf diese seltsam verkorkste Welt bezogen, in der wir leben. Wie soll man das alles aushalten? Und wenn man es schon aushält, was kann man mit diesem fucking Dasein anfangen?

Reißt alles ab, brennt alles nieder! Noch punkiger, noch wilder, noch ungezähmter, ja, ungekämmter – so klingt „Ein Herz für Anarchie“. Und lässt natürlich trotzdem Platz für die Finke’sche Sehnsucht, die uns direkt ins Herz geht: „Zu viel getrunken und zu lang geredet und die Sonne geht schon wieder auf“, heißt es im Titelsong. Die Antwort auf das Durcheinander in uns und um uns? „Ich glaube, dass der beste Ausweg aus dem Chaos eben doch die Liebe bleibt, so kitschig das auch klingt,“ sagt Tommy, mit Ohrensausen im Kopf und Anarchie im Herzen.

Womit wir also wieder beim letzten schönen Sommertag landen – der aber diesmal gar nicht zu Ende gehen will. Und plötzlich ist man mitten in den Fängen der Nacht und eines wunderschönen Menschen, gemeinsam im Herzen der Anarchie, wo irgendwann eigentlich nur noch eine Frage bleibt, während man rastlos und total verliebt durch die Straßen der Stadt zieht: „Sag mal, hast du eigentlich noch Kippen?“

Tracks
Ein Herz für Anarchie
Der Himmel über Berlin
Strukturwandel (In der Mitte fehlt der Fluss)
Die Revolution
9-Volt-Blockbatterien
Zerbrechlich
Lavendel
Bei lebendigem Leibe verpennen
Jüngstes Gericht
David Bowie
Das nächste Jahrhundert
Halt dich an deiner Liebe fest

Tommy Finke „Ein Herz für Anarchie“

Retter Des Rock

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