Marcel & the Bathing Birds “Tweet“

Woher kommt nur dieser Klang, so vehement und doch so Licht durchdrungen, so eindringlich und doch so unaufdringlich, so nah und doch so unendlich fern, so innig vertraut und doch so unerhört? Steckt diese Harmonie der poetischen Urlaute in uns selbst? Kommt sie aus den Blättern und Zweigen hoch über uns? Liegt sie womöglich im wahrsten Wortsinn in der Luft?

Es gilt im Leben Entscheidungen zu treffen, immer und überall. Deshalb kann es auch mal ein Statement sein, keine Entscheidung treffen zu müssen, nicht abzuwägen, kein Ziel ins Auge zu fassen, sondern frohen Mutes drauflos zu marschieren und sich darauf zu freuen, wo man wohl ankommen mag. Genau dieses Gefühl stellt sich beim Hören von Marcel Krömkers CD „Tweet!“ mit seinen Bathing Birds ein. Die fünfzehn Tracks auf dem Album behandeln persönliche und globale, gesellschaftlich brisante und intime Themen. Der Anspruch des in Berlin ansässigen Bassisten kann sich hören lassen, denn er möchte mit seinen Songs Gefühle und Assoziationen mit ähnlichem Wahnwitz, Humor und Tiefgang auslösen, wie Terry Gilliam oder die Coen Brothers mit ihren Filmen.

Das Erzählen assoziationsreicher Geschichten ist Krömker ohnehin ungemein wichtig. Improvisierte Musik setzt der Bassist mit Storytelling gleich. Wenn er nichts zu erzählen hat, dann hat er auch nichts zu sagen. Ganz gezielt bezieht er sich auf eine Reihe von Autoren, hauptsächlich aus dem Bereich des magischen Realismus wie Gabriel Garcia Marquez oder Jorge Luis Borges, zu deren absurd anmutenden Fantasiewelten er eine innige Verwandtschaft spürt. Überhaupt hält die lateinamerikanische Kultur auf mannigfachen Kanälen Einzug in Krömkers Musikwelt, ohne sich in platten Mambo- oder Bossa-Reflexen zu genügen. Es ist eher die unbegrenzte Magie der musikalischen Imagination und die ungebremste Lebendigkeit des lustvollen Alltags, die hier ganz persönliche Übersetzungen finden. „In meiner Musik geht es nie nur um Jazz. Ich will ja auch keine Bücher lesen, in denen es nur um Bücher geht, sondern nach jedem Buch und jedem Konzert woanders stehen als davor. Ich möchte jedes Kunstwerk durchleben und etwas daraus mitnehmen können.“

Umrahmt werden Krömkers Kompositionen von sechs Stücken, die er Tweets nennt. Damit können wir einerseits eine relativ neue Form der Äußerung im virtuellen Zeitalter verbinden oder die älteste Form des Gesangs überhaupt, nämlich das Vogelgezwitscher. Genau wie Vögel nehmen die vier Beteiligten an „Tweet!“ variable Positionen ein. Es geht um die Verhandlung von Stimmen. Die Musik ist ungemein vielseitig und unvorhersehbar, genau wie Vogelgesang. Live verteilt die Band zuweilen Birdcalls im Publikum, sodass die Besucher ihrer Konzerte Gelegenheit haben, mit der Band mitzuzwitschern. Die Doppelbedeutung des Begriffes Tweet im 21. Jahrhunderts nimmt der passionierte Zwitscherer Krömker dabei gern in Kauf. „Diese Analogie finde ich durchaus reizvoll. Über diese kurzen Nachrichten wird heute viel Politik gemacht. Letztlich ist das ganze Getweete auf Twitter aber auch nur Gezwitscher.“ Womit wir wieder beim Schulterschluss des Persönlichen mit dem Globalen wären. Last but not least ist der Tweet dem Bassisten, Komponisten und Konzeptionisten eine willkommene Form, mit der Improvisation in einen kleinen Rahmen zurückzukehren und nicht immer auszuufern.

Bücher, Filme und ein Wald voller Vögel – Krömker sieht seine Band selbst als Kunstwerk an. Das funktioniert natürlich nur, wenn alle Bandmitglieder sich derselben Grundhaltung und Message verpflichtet fühlen. Er suchte nach vier einzelnen Stimmen und verzichtet auf ein Harmonieinstrument wie Klavier oder Gitarre. Mit Saxofonist Dan Freeman und Drummer Diego Pinera spielt er bereits seit zwölf Jahren zusammen. Unzählige Reisen nach Asien oder Südamerika und ebenso viele gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen schweißten die drei Musiker über ein Jahrdutzend zusammen. Diese Verbundenheit drückt sich im Gruppensound in einem faszinierenden Wechselspiel von Dichte und Transparenz aus. Auf einer Tour kam der Mingus und Evans erprobte Trompeter Alex Sipiagin zunächst als Gast hinzu, bis er Krömkers Trio zum Quartett komplettierte. Die Band setzt sich aus vier Allroundern mit unterschiedlichen Hintergründen, Lebenslinien und einem weit geknüpften Netz musikalischer Erfahrungen zusammen, die sich im Sound der badenden Vögel auf ebenso unvorhersehbare wie visionäre Weise bündeln und manifestieren.

Marcel & the Bathing Birds “Tweet“
Octason Records

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