Plädoyer eines Märtyrers

86 Jahre nach dem Februar-Aufstand 1934 gegen die sich verfestigende Diktatur wird der damalige Bundeskanzler Engelbert Dollfuß aus seinem Grab in Wien-Hietzing exhumiert. Man setzt ihm ein selbstheilungskraftaktivierendes, linksgedrehtes Licht-Stammzellenpflaster exakt an jene Stelle, an der einst die Zirbeldrüse gesessen ist. Dann stellt man ihn vor Gericht.

In diesem Rahmen spielt Peter Verans literarische Groteske, in der sich Engelbert Dollfuß vor der Geschichte rechtfertigen muss. Die Anklagepunkte sind umfassend: Vielfacher Mord, schwere Körperverletzung, Folter, Hochverrat, Landfriedensbruch, Erpressung, tausendfache Freiheitsentziehung, Raub, Diebstahl und Amtsmissbrauch werden als Tatbestände genannt. Darauf muss der im Juli 1934 von Nationalsozialisten ermordete und später zum Märtyrer stilisierte Ex-Diktator eine Antwort finden.

Nach der kurzen Aufnahme der Personalien legt Dollfuß los. Es ist ihm bewusst, dass die vorgeworfenen Tatbestände erfüllt sind; und zwar nach dem geltenden Recht zum Zeitpunkt seines Verfassungsbruchs ebenso wie nach heutiger Judikatur. In einem hochtrabenden Plädoyer tritt er deshalb die Flucht nach vorne an und erklärt dem hohen Gericht seine Motive, seine Ziele und seine Handlungsspielräume. Seine Taten seien gerechtfertigt, zumindest entschuldbar, juristisch sowie moralisch. Er hätte sich in einem Notstand befunden und gar nicht anders handeln können, um großen Schaden von Österreich und seinem Volk abzuwenden.

Peter Veran lässt im zweiten Teil seiner Groteske dem Redeschwall des Märtyrers – vor dem kenntnisreich recherchierten, historischen Hintergrund – freien Lauf. Der Autor legt dabei seinem Protagonisten historische ebenso wie aktuelle Sprache in den Mund und verknüpft Dollfuß‘ Vortrag mit gegenwärtigen politischen Verhältnissen.

Am Ende des Buches antwortet die vorsitzende Richterin des Geschworenengerichts prägnant und pointiert dem Märtyrer – und widerspricht damit einer Geschichtsauffassung, die Österreichs Gang in Faschismus und Diktatur noch heute schönreden will.

Autor
Peter Veran
ist das literarische Pseudonym des 1962 in Leoben geborenen promovierten Juristen und Historikers Werner Anzenberger. Er hat zahlreiche Publikationen zum Austrofaschismus vorgelegt, darunter „Absage an eine Demokratie. Karl Kraus und der Bruch der österreichischen Verfassung 1933/34“ (1997), „Widerstand für eine Demokratie: 12. Februar 1934“ (2004), „Die österreichische Diktatur – Ein faschistisches Gewaltregime?“ (2017) sowie „130 Jahre Koloman Wallisch. Ein sozialer Gestalter zwischen Demokratie und Diktaturen“ (2019).

Plädoyer eines Märtyrers
Autor: Peter Veran
176 Seiten, TB.
Promedia
Euro 17,90 (D)
ISBN 978-3-85371-471-3

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