Christopher Dell “Das arbeitende Konzert”

dasarbeitendeDies ist die erste Aufnahme von Das Arbeitende Konzert und seine erste Revision. Auch wenn das Hören dieser Musik einer hohen Konzentration bedarf – die Hörer, die das Wagnis eingehen, werden durch eine außergewöhnliche Hörerfahrung belohnt.

Die vorliegende CD ist die erste Aufnahme von Das Arbeitende Konzert und seine erste Revision. Sie wurde live anlässlich der Ausstellung We-Traders. Swapping Crisis for City im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin aufgezeichnet. Unter der Leitung von Christopher Dell brachte das Das Arbeitende Konzert sechs herausragende europäische Musiker zusammen, deren jeweils individuelle Arbeitsweise im Kontext der Konzeption steht. 2014 erhielt Dell vom Goethe Institute Brüssel einen Kompositionsauftrag im Rahmen des europäischen Ausstellungsprojekts We-Traders. Swapping Crisis for City. Die Ausstellung war Teil eines größeren Projekts, das bereits im Jahr 2013 lanciert wurde.

Das Projekt verband Künstler, Gestalter und Aktivisten aus Lissabon, Madrid, Turin, Berlin und Brüssel. Das zentrale Anliegen des Projektes bestand darin, demokratische urbane Prozesse in den Europäischen Gesellschaften unter Krisenbedingungen zu untersuchen. Für das Ausstellungsprojekt schuf Dell eine spezifische Kompositionsform: Das Arbeitende Konzert. In Das Arbeitende Konzert kumuliert und verdichtet Dell das Wissen einer nunmehr über 30 Jahre andauernden Kompositionsarbeit. Mit der konzeptionellen Wendung dessen, was Dell ‘nicht repräsentationales Spiel’ nennt, führt Das Arbeitende Konzert Dells Werklauf auf eine neue Ebene. Gemeint ist damit ein Kompositions- und Notationsverfahren, dass Strukturen so repräsentiert, dass sie nicht-repäsentationale, undefinierte Anteile enthalten. Ihre Darstellung geschieht im Modus der Diagrammatik, das heißt sie funktioniert nicht abbildhaft in dem Sinne, dass das gespielt wird, was steht, sondern im Sinne einer strukturellen Bezugnahme. Diagrammatische Notation verlangt, dass die Musiker in ihrem Spiel relational und nicht abbildhaft mit der Notation arbeiten. Was zunächst als hemmend ausgelegt werden könnte, stellt sich innerhalb intensiver Probearbeit als ungemein stimulierend für das strukturelle Spiel heraus.

Das Resultat der minimalen Struktur ist die maximale Komplexität. Das Spiel resultiert in mannigfaltigen polymetrischen und polyharmonischen Überlagerungen, während das innere Material konzis, transparent und minimal bleibt. Insgesamt konstituiert Das Arbeitende Konzert das, was Dell “Metaform” nennt: es ist dies die Grundlage, das Vektorenfeld, das formal offene und strukturell determinierte musikalische Räume eröffnet. Während seine Form durch musikalische Produktion zustande kommt, vereinigt Das Arbeitende Konzert das musikalische Spiel mit Ko-Komposition in Echtzeit. Dem delikaten und feingliedrigen Zusammenspiel der Musiker entspringen vielfältige Bezugslandschaften in unterschiedlichen Klangebenen. Wo der strukturelle Ansatz des Formmachens in einer Gruppensituation herausgestellt wird, überschreitet das musikalische Werk die gewöhnliche Dichotomie von Solist vs. Begleiter. Strukturell ist Das Arbeitende Konzert in zwei Weisen seriell bestimmt.

Beide Weisen richten sich sowohl methoden- als auch prozessorientiert aus. Einerseits konstituiert Das Arbeitende Konzert eine fortlaufende Serie experimenteller Einheiten, die den Titel „Revision“ tragen. Was hier geschieht, ist eine Erforschung neuer Modi des Co-Komponierens und der Formatierung der Performance des Konzerts. Dell sieht Das Arbeitende Konzert als Rahmung eines work-in-progress, der unterschiedliche musikalische Praktiken, Repräsentationen und Ordnungen bereithält. Andererseits verfügt Das Arbeitende Konzert auch über eine interne serielle Struktur, die sich in dem, was Dell Formblock nennt, äußern. Die Formblocks liefern die eigentliche Materialstruktur, die aus der nicht-repräsentationalen Extraktions- und Freistellungsarbeit an kompositionalen Vorlagen der Neuen Musik resultieren. Diese strukturelle Ebene des Werks – seine Serie der Formblocks und sein Untertitel „Revision“ – deuten auf den Modus der Montage, der, so Dell, als Notation, Buch oder Text auftreten kann, sich aber auch auf die Produktion von musikalischem oder sozialem Raum ausdehnen lässt.

Praktiken des Auswählens, Fragmentierens, Neu-Anordnens und Verschiebens von musikalischem Material ziehen Referenzlinien, bilden hier Syntax und Grammatik des Montierens gleichermaßen. Darin sind sie den Verfahrensweisen sowjetischen Konstruktivismus ebenso verwandt, wie den Strategien des Dada und des Surrealismus. Molekularisierung und Rekonfiguration von auseinandergenommenem „Gefundenen“ bilden hier die Richtlinie des relationalen Arbeitens. Letzteres zieht in Betracht, dass jedes Element den Sinn eines anderen Elements durch die Verschiebung einer Konstellation der tempo-topologischen Ordnung temporärer Beziehungen verändern kann.

Von daher erhalten die Bezeichnungen Das Arbeitende Konzert oder Formblock ihre Relevanz hinsichtlich Dells faszinierender Perspektive auf die Geschichte und Produktion musikalischer Form.

Christopher Dell “Das arbeitende Konzert”
edition niehler werft

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