Stahlberger „Lüt uf Fotene“

Da sind sie und spielen die Songs des neuen Albums «Lüt uf Fotene» in dieser grossen, nur ungenügend beheizten Halle: die fünf musikalischen Chamäleons von Stahlberger, vereint im Spiel, diskutieren, feilen, lachen, warten inmitten von Instrumenten, Mikrofonen, Verstärkern, Kabeln, wärmen ihre klammen Finger an heissen Tassen und fördern ein Juwel nach dem anderen zutage.

Die Schürfarbeit wird begleitet von Olaf Opal, seines Zeichens langjähriger Produzent von The Notwist, einer der international renommiertesten Deutschen Rockkapellen der Neuzeit. Er schiebt einen Regler hoch, dreht an einem Poti, hört zu, dreht noch einmal, steht auf, klebt einen Fetzen Gaffer-Tape auf die eine Trommel, legt das Handtuch aus der Studioküche auf eine andere, richtet ein Mikrofon neu und entrockt den Sound zielgenau.

An der Decke der Halle flackern Melodien wie Nordlichter, im Fensterglas vibriert der Beat, die Zeile «Bi mir sälber vorus / Bi mir sälber hinedrii» prallt an eine Wand und fällt zu Boden, die Musiker schauen zu ihr hin, spielen weiter, der Basslauf trägt das Lied in einen der seltenen Refrains.

Da sind Michael Gallussers und Christian Kesselis Gitarren und Tasten, die sich keine zweimal im gleichen klanglichen Gewand zu erkennen geben. Da ist Marcel Gschwends solides Bassspiel, das Song um Song ins Trockene bringt. Da ist Dominik Kesselis tektonische Perkussion, die sich unterirdisch verzerrt und rhythmisch verschiebt, bis musikalische Doppelbilder entstehen und auf mehrfachbelichteten Abzügen im Fotoalbum Cheminées neben Pyramiden erscheinen.

Mittendrin die Silhouette Manuel Stahlbergers; der unerschütterliche Fast-Sprechgesang, der sich gleichzeitig mit festem Strich von der Musik abhebt und weichgezeichnet in ihr verschmilzt. Ohne je ein Wort zu viel, zeichnen die Songtexte ein weiteres Mal meisterhaft Vignetten, Kurzgeschichten, Comic-Strips und Gedichte, die sich in den M.C. Escher-Treppenhäusern des Alltags auskennen.

Tracks
1. Lüt Uf Fotene
2. Hei Zu Dir
3. I Ha Min Name Ghört Imene Song
4. Hütte
5. Gar Nöd I
6. Drifte
7. Freak
8. Da Muesch Doch Jetz Neh
9. Sonen Tag
10. D Welt Macht Zue

Stahlberger „Lüt uf Fotene“
Irascible