Coast „10.2“

Runrig haben sich vor kurzem nach 45 Jahren im Musik-Business von der öffentlichen Bühne endgültig verabschiedet. Big Country sind seit dem Tod ihres charismatischen Sängers Stuart Adamson im Dezember 2001 Sound-technisch nur noch ein Schatten ihrer selbst. Die Dire Straits haben sich 1995 für „inaktiv“ erklärt, was sie bis heute sind.

Und dennoch müssen Anhänger von Celtic Rock nicht darben. Denn es gibt bereits seit rund 15 Jahren ein Sextett, welches all die Vorzüge und Power oben genannter Bands aufs Exzellenteste miteinander vereint. Als da wären: Kraftvolle Leidenschaft, großes Pathos, atmosphärische Weite. Lieder demnach, in die man sich emotional hineinfallen lassen kann wie in eine extra-gemütliche Daunendecke oder wahlweise kuschelige Kumulus-Wolke.

Es soll 2007 gewesen sein, als sich die beiden Brüder Paul Eastham und Chris Barnes in ihrer Heimat seit Kindestagen – Schottland – mit ihrem Kumpan Finlay Wells zu einer Gruppe namens Coast zusammen taten. So genau weiß das keiner der Beteiligten mehr. „Zunächst spielten wir in Pubs, da standen in der Regel drei oder vier Leute am Tresen und haben uns ermuntert weiterzumachen“ erinnert sich Eastham an die frühen Tage seiner Combo. „Doch rasch sprach sich herum, dass es in der Region eine Gruppe gibt, die gehörig Dampf unterm Hintern hat. Bereits sechs Monate später traten wir vor 300 bis 400 Menschen auf. Unsere Fanbase wuchs dank Mund zu Mund Propaganda und Internet schnell an, weit über die britischen Grenzen hinaus. Plötzlich tauchten zu unseren Gigs auch Anhänger etwa aus Deutschland, Skandinavien und gar den USA auf.“

Unter solch positiven Umständen war es naheliegend, ein Album aufzunehmen. Das namenlose Debüt erschien Ende des Jahres 2009. „Der Erstling und seine beiden Nachfolger waren noch ziemlich Folk-orientiert“, erinnert sich Paul. „Doch als es daran ging, unser retrospektives Album „10“, anlässlich unseres zehnjährigen Studio-Bestehens einzuspielen, wollten wir in eine rockigere Richtung gehen.“

So geschah es. Auf der Scheibe zu hören sind zehn bereits bekannte Coast-Songs, allerdings in härterem, opulenterem musikalischem Gewand. Dieses Album wurde übrigens exklusiv für die Fans – die sich liebevoll „Coasties“ nennen – neu produziert und bisher nur im Band-eigenen Webshop zum Kauf verfügbar gemacht. Wiederum zwei Jahre später, also anno 2021, erscheinen diese Aufnahmen gepaart mit zwei brandneuen Kompositionen unter dem Signet „10.2“. Paul Eastham ist sehr stolz auf dieses Re-Recording, wie er schwärmt: „Finlay, mein älterer Bruder Chris und ich mögen nach wie vor den Coast-Nukleus bilden.

Doch inzwischen sind wir meist zu Sechst, wenn wir Stücke aufnehmen. Und sollten wir in absehbarer Zeit die Möglichkeit haben, wieder live zu spielen, werden wir auf der Bühne als Sextett agieren. Was den Vorteil hat, dass unser Sound heutzutage ziemlich wuchtig klingt.“

Die zwölf Kompositionen auf „10.2“ demonstrieren eine ganz erstaunliche akustische Bandbreite. Nehmen wir als Beispiel „Who Loves You“. Was vordergründig wie eine Mollgeschwängerte Ballade daher kommt, ist wesentlich mehr: dräuend, mächtig, sehnsüchtig. Aus ruhigen Passagen heraus rollt im nächsten Moment ein wuchtiger Emotions-Strom auf den Hörer hinab. Ähnlich komplex geht es auf „Oceanos“ zu. Das ist ein schnörkellos treibender, klassischer Rock-Einpeitscher. Vordergründig. Das Schlagzeug gibt dem Hörer keine Chance auf Stillstand. Ganz zwangsweise wird man in einen Malstrom aus Rhythmus gezogen, Entkommen ungewiss. Doch am Ende des Songs gewährt dem adrenalisierten Hörer eine abrupte kurze Piano-Einlage die wohlverdiente Verschnaufpause, ehe der Groove
Train unbarmherzig weiter rollt.

Die zwei brandneuen Stücke könnten unterschiedlicher nicht sein. Gleich der Opener „Flesh & Blood“ macht klar, wohin die musikalische Reise bei Coast sowohl auf dem Rest der Platte wie auch ganz allgemein in der Zukunft gehen wird. Druckvolles Gitarrenspiel läutet das Geschehen ein, kurz darauf gesellt sich ein die Welt umarmendes, eindringliches Sangesorgan dazu. Unüberhörbar das breit abgedeckte Spektrum im Rahmen der „Celtic Power“. Zum Ende des Werks bleibt uns – „Nothing Left To Burn“. Zärtlich, sehnsüchtig, von erschütternder Zerbrechlichkeit geprägt. Eine klassische Liebes-Nummer, welche wie die besten Vertreter dieses Genres von Verlust sowie den unbeschwerten gemeinsamen Tagen zuvor erzählt. Wer zu nah am emotionalen Wasser gebaut ist, sollte sich beim Anhören sicher sein, im Erdgeschoss zu leben.

Paul sieht Coast als „permanenten Entwicklungsprozess“, sagt er. „Wir wollen in unsere Musik hinein wachsen, um Wurzeln schlagen zu können. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir bis heute unsere Lieder in Eigenregie verwalten. Wobei wir für „10.2“ und dessen Vermarktung mit der deutschen Vertriebsfirma „India Media Group“ und deren Label India Records einen Deal eingegangen sind, damit wir endlich auch in Europa richtig Fuß fassen können“, meint Eastham.

Apropos „Wurzeln“: Die sind bei Coast in der Jugend der beiden Brüder Paul und Chris zu finden. „Wir waren als Teenager mit Freunden gerne in der schottischen Natur unterwegs, bevorzugt in den Bergen“, reflektiert Eastham. „Abends saßen wir am Lagerfeuer, haben Musik gemacht oder gehört, uns traditionelle Geschichten erzählt. Solche Zusammenkünfte haben großen Einfluss auf uns und unsere Musik ausgeübt. Ich bin ja eigentlich klassisch ausgebildeter Musiker. Aber das Keltische ist mir eine wahre Herzensangelegenheit. Das bin ich alleine schon der Mystik und den Weiten unserer unvergleichlichen schottischen Landschaften schuldig, die ich versuche musikalisch einzufangen.“

So verwundert es nicht, dass Paul sich zunächst mal als Storyteller sieht, der seine ersponnenen Geschichten kraft seiner Mitstreiter mit Klängen zum Leben erweckt. „Ich schreibe die meisten Texte“, meint er. „Gerne verfasse ich Erzählungen über historisch belegte Personen. So handelt ein Stück über zwei Piloten im II. Weltkrieg , einen amerikanischen und einen deutschen, die durch Zufall Freunde werden oder ein Kreuzfahrtschiff, das samt Besatzung im Sturm unterging. Doch persönliche Eindrücke sind gleichfalls Inspirationsquelle. Ich lasse mich beim Schreiben gerne von überallher beeinflussen.“

Aktuell am Wichtigsten für Coast ist es, bald wieder auf eine Bühne stiefeln und live musizieren zu dürfen, seufzt Paul: „Wir haben für den Herbst einige Gigs präventiv gebucht“, gibt der Wahl-Däne preis. „Denn wir sind überzeugt, dass Zusammenkommen etwa bei Konzerten in emotional eher bedrückenden Zeiten sehr wichtig fürs Gemüt sind. Gemeinsam singen, tanzen, lachen, das sind allesamt Urinstinkte der Menschen. Wir wollen positive Energie vermitteln. Das ist es doch, wofür Kunst am Ende steht.“ Und weiter: „Die Verbindung zu den Fans ist für uns essenziell“, beschwört Eastham geradezu. „Gerade in Zeiten, in denen die Kultur-Industrie sich radikal zu Ungunsten von uns Kreativschaffenden verändert. Dadurch ist der Kontakt zu unserer Crowd noch wichtiger als früher. Ich bin mir sicher, dass Musik die Welt zu einem besseren Ort macht.

Tracks
1.Flesh & Blood
2.Who Loves You Now
3.Long Way Home
4.Lament for Nick
5.I Wanna Sing with the Boss
6.Oceanos
7.The Docks of my Hometown
8.Drift Away
9.The Ghost of Dan the Boy
10.Sepia Eyes
11.Nothing left to Burn
12.Dancing with Satellites

Coast „10.2“
India Records

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